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In den Fängen von Assads Schergen

Brutal unterdrückt Syriens Präsident den Aufstand. Er lässt schießen, einsperren, foltern. Eines der Opfer ist die 23-jährige Rana. Hier berichtet sie über die schrecklichsten Tage ihres Lebens.

Von Raniah Salloum, Berlin

  Seit Wochen protestiert die syrische Bevölkerung gegen das Assad-Regime

Seit Wochen protestiert die syrische Bevölkerung gegen das Assad-Regime

Es war vor einer Woche, als die drei Männer das erste Mal an Ranas Haustür hämmerten. "Mach auf, wir sind vom militärischen Geheimdienst!", riefen sie, und Rana fing schnell an, die Nummern ihrer Freunde von ihrem Handy zu löschen. "Einen Moment, ich muss noch etwas anziehen", antwortete die 23-Jährige, um Zeit zu gewinnen.

Rana hat lange, hellbraune Haare, dunkelbraune Augen und eine Stupsnase. Bis zu diesem Tag war sie eine ganz normale Studentin in Syrien. Sie stammt aus einer Mittelklassefamilie, geht vormittags in die Universität und jobbt am Nachmittag. Auf ihrem Laptop hat sie zwei Videoaufnahmen gespeichert, Bilder von Demonstrationen in der Hauptstadt Damaskus am 25. März. Das ist ihr Problem. Deshalb will sie ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. Aus Angst vor den Häschern von Baschar al-Assad.

Mit brutaler Gewalt geht der syrische Präsident in diesen Tagen gegen Regimegegner vor. Hunderte Menschen sind seit dem Ausbruch der Unruhen in den Verliesen der Staatssicherheit verschwunden. Das Militär hat ganze Städte von der Außenwelt abgeschnitten und belagert sie regelrecht: Daraa im Süden etwa oder Duma, ein Vorort von Damaskus. Seit Tagen darf hier niemand mehr hinein oder hinaus. Haus für Haus suchen die Soldaten nach Menschen, deren Namen auf einer schwarzen Liste stehen. Wie schnell man darauf landet, kann Rana erzählen.

Ohne ein Wort der Erklärung durchwühlen die Geheimdienstler ihre kleine Wohnung, 20 Quadratmeter, fünf Stunden lang. Rana fühlt sich, als müsste sie sich übergeben. Aber aufs Klo lassen die Männer sie nicht, auch nicht vor die Haustür. Sie muss auf dem Sofa ausharren, die Schergen halten ihr einen Gegenstand nach dem anderen vors Gesicht: "Was ist das?" Als sie auch bei der Shampooflasche nachfragen, bricht Rana in Tränen aus.

Die Männer nehmen ihre DVDs mit, amerikanische Serien wie "Desperate Housewives", ihre Bücher, ihr Handy, ihren Laptop samt Passwort. Dazu alle ihre Identitätsnachweise: Reisepass, Personalausweis, Studentenkarte. Als es Nacht wird, geht einer der Männer. Zwei schieben Wache vor ihrer Haustür. "Das war die schrecklichste Nacht meines Lebens", sagt Rana. Sie verbringt sie im Badezimmer - das ist am weitesten weg von der Eingangstür. Ihr Herz rast so schnell, dass sie Angst hat, es könnte versagen. Am nächsten Morgen kehren die Geheimdienstler zurück - und führen sie ab.

Eine Balance des Schreckens

Syrien ist ein Spitzelstaat. Vier große Geheimdienste gibt es, alle mit direktem Draht zum Präsidenten. Sie halten sich gegenseitig in Schach, eine Balance des Schreckens, so hat es Hafis al-Assad geplant, der Vater des heutigen Präsidenten. Er putschte sich 1970 an die Macht und regierte das Land diktatorisch für 30 Jahre. Als er 2000 starb, übernahm Sohn Baschar - und baute das Spitzelsystem noch weiter aus. Mehr 100.000 hauptamtliche Mitarbeiter soll es haben, mehr als einst die Stasi in der DDR. Genaue Zahlen kennt niemand, denn niemand kontrolliert die Dienste. Sie können machen, was sie wollen - und das wissen sie.

"Wenn wir dich jetzt töten, würde niemand davon erfahren. Und keinen würde es interessieren." Rana sitzt in einem Verhörraum der Geheimpolizei. Sie antwortet nicht mehr. "Ich dachte nur noch, dass niemand weiß, wo ich bin. Ich durfte nicht einmal meine Familie anrufen." Der Geheimdienstler stellt ihr den Laptop vor die Nase, öffnet die Videos von der Demonstration. "Warum warst du am 25. März in der Umaijadenmoschee?"

Rana wusste, dass nach dem Mittagsgebet eine Demonstration für mehr Freiheit stattfinden sollte. Natürlich sagt sie das nicht. Erstaunlich jung ist an diesem Tag das Publikum in der Moschee. Rana trägt ausnahmsweise Kopftuch und lange Ärmel bis zum Handgelenk. Als der Imam predigt, die Leute sollen sich nicht von Facebook in die Irre leiten lassen, springen die Jugendlichen auf und schreien: "Freiheit!" Manche ziehen syrische Flaggen unter ihren T-Shirts hervor. Sie laufen in den Hof der Moschee, Rana filmt mit ihrem Handy aus sicherer Distanz. Das soll ihr Beitrag zur Revolution sein, denkt sie: die Videos ins Internet stellen. Etwa fünf Minuten dauert der Protest. Dann greift der Geheimdienst zu und verhaftet alle, die nicht schnell genug rennen. Am Nachmittag filmt Rana, wie mehrere Tausend Menschen im Vorort Duma protestieren.

"Wer bezahlt dich dafür?", bohrt der Geheimdienstler. Wieder und wieder. "Ich habe die ganze Zeit gesagt, dass ich zufällig in der Moschee war, aber sie haben mir gedroht: Du bist eine Islamistin, darauf steht die Todesstrafe!" Sie erschaudert kurz. "Ich habe ihnen meine lackierten Fingernägel gezeigt, gesagt, dass ich rauche und trinke, und Sie sehen ja, dass ich nicht einmal ein Kopftuch trage. Aber sie wollten mir einfach nicht glauben. Das Schlimmste war der Gedanke, dass niemand erfahren würde, was passiert ist, wenn sie mich jetzt umbringen würden."

Nach einer Stunde wird Rana in einen anderen Raum geführt. "Dort waren zwei Männer", erzählt sie, und ihre Stimme erstickt unter Tränen. An den Wänden bemerkt sie Blutspritzer, der Boden klebt. Folterinstrumente stehen bereit: Elektroschocker, lange Eisenstangen, ein Metallgestell, an das Kabel angeschlossen sind. Rana weiß nicht mehr, wie die Folterknechte aussahen. Sie kann sich nur noch daran erinnern, dass sie "schrecklich" wirkten. Als die Tür hinter ihr zufällt, wird der Raum dunkel.

Strom und Telefon sind gekappt

Die Männer stellen sich neben sie. Nichts passiert. "Sie starrten mich die ganze Zeit an." Über Stunden geht das so. Sie wagt nicht, sich zu bewegen. Dann wird sie wieder befragt - und wieder zurück in die dunkle Zelle geführt. "Ich hatte Angst, dass ich da nie wieder rauskomme."

Warum hat sie sich der Revolution angeschlossen? Genau diese Frage hat ihr auch ihr Freund gestellt. "Wir werden von hier fortgehen", sagte er. "Warum machst du unsere Zukunft kaputt?" "Wir haben hier keine Luft zum Atmen", sagte Rana. "Wir ersticken."

Ihr Freund ist ein Student mit guten Noten und hofft auf ein Auslandsstipendium für die USA, um dem Gefängnis Syrien zu entfliehen. Doch ein Stipendium bekommt man nicht mit einem Eintrag in der Geheimdienstakte. Er hat mittlerweile mit ihr Schluss gemacht.

Auch viele Bekannte haben ihr auf Facebook die Freundschaft gekündigt. "Als ich in Sicherheit war, habe ich auf Facebook geschrieben, was mit mir passiert ist. Auf einmal hatte ich ein Dutzend Freunde weniger." Einer schrieb ihr noch eine Nachricht: "Es tut mir leid, aber ich will nicht meinen Job verlieren." Rana antwortete nicht. Sie hat jetzt nur noch Freunde, die demonstriert haben.

Die Revolte in Syrien breitet sich dort aus, wo die Menschen nur wenig zu verlieren haben: im Süden, der von der Landwirtschaft lebt, in den Trabantenstädten rund um die Hauptstadt und an der Küste. Das sunnitische Bürgertum in den Reichenvierteln von Damaskus und Aleppo hat sich dagegen bisher nicht vom Regime abgewandt. Auch die Minderheit der Aleviten, zu der auch Präsident Assad gehört, sowie die Christen stützen ihn. Michel, ein junger Christ aus Damaskus, sagt: "Ich finde auch nicht gut, was Assad macht, aber ich unterstütze nicht diese Revolution. Kann es keinen Mittelweg geben?"

Dazu sind die Fronten längst zu verhärtet. Hunderte Demonstranten wurden im vergangenen Monat getötet, davon allein 100 an Ostern, offenbar wieder über 20 am Freitag. An den Hochburgen der Aufständischen werden Exempel statuiert. Nach Daraa und Duma kommen seit Tagen keine Lieferwagen mit Brot und Milch mehr durch, die Wasserspeicher der Städte sind zerstört, die Telefonanschlüsse gekappt, der Strom ist abgedreht. Aus Duma dringen daher kaum noch Berichte, in Daraa ist das anders: Die Stadt liegt nahe der jordanischen Grenze - die Menschen können auf ein Mobilfunknetz aus dem Nachbarland zurückgreifen.

"Sie bringen jeden um, der sein Haus verlässt", erzählt der 27-jährige Mohammed am Telefon. "In den Straßen liegen Tote, aber wir trauen uns nicht, sie zu holen." Mohammed erzählt auch, dass reguläre Truppen in der Stadt eingesetzt würden neben der Präsidentengarde, einer Elitetruppe, die dem Bruder von Baschar al-Assad untersteht. "Es gab Kämpfe in der Armee", sagt Mohammed. "Vier Soldaten wurden getötet, fünf andere verstecken sich in der Stadt." Überprüfen lassen sich solche Berichte nicht.

Rana hatte Glück. Zwei Tage nachdem der Geheimdienst an ihrer Tür klopfte, kam sie wieder frei. Sie bekam ihren Laptop, ihre Bücher, die DVDs und ihre Ausweise zurück. Sie musste ein Formular unterschreiben, dass sie alle ihre Sachen zurückbekommen habe - dabei behielten die Häscher ihr Handy. Dann verabschiedeten sie sich mit den Worten: "Alles okay? Siehst du, wir sind gute Menschen." Rana ging nach Hause, packte ihre Sachen und nahm den nächsten Flug zu ihren Eltern in einen arabischen Golfstaat, den sie nicht nennen will. Ranas Eltern sind Syrer, doch da es zu Hause kaum Jobs gibt, arbeiten sie die meiste Zeit im Ausland.

Etliche Freunde von Rana kamen nicht so glimpflich davon. "Fünf sitzen noch im Gefängnis", sagt sie. Einem wurden beide Beine gebrochen. "Einer ist tot." Er sei in der Geheimdienstzentrale gestorben, sagen seine Eltern. Und dass die Mörder den Leichnam nur unter einer Bedingung herausgeben wollen. "Die Eltern sollen öffentlich erklären, dass es die Islamisten waren, die ihren Sohn umgebracht haben."

FTD

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