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17. Dezember 2003, 10:53 Uhr

Die letzten Tage an der Macht

Anhand von Zeugenaussagen rekonstruierten stern-Reporter, wie sich Saddam Hussein nach Beginn des Irak-Krieges versteckte. Eine Chronik des Verfalls seiner Herrschaft und der Angst seiner Anhänger, die ihm treu blieben bis zuletzt.

Saddam Hussein bei seiner Ansprache im irakischen Fernsehen am 20. März. 2003: Drei Stunden nach dem Beginn des Krieges wurde sie ausgestrahlt© Picture-Alliance/dpa

Wie schade wäre es doch um diese Türen", sagt Saddam. Er lässt seinen Blick auf den beiden Flügeltüren aus Indien ruhen, wo sich schwersilberne Ornamente um Intarsien aus Elfenbein und Halbedelsteinen ranken.

13. März

Der irakische Präsident hat seine engsten Angehörigen zum letzten Familientreffen vor dem Krieg zusammengerufen. Sie sitzen im Palast seiner ersten Frau Sajida, der wunderschön am Fluss im Bagdader Stadtteil Jadriya liegt. Tee und Teilchen werden gereicht, aber Saddam Hussein isst nicht. Alle wollen sofort über den Krieg reden - nur er nicht. Er sorgt sich um die Türen. Sie sollen abmontiert und sicher verstaut werden.

Das hat etwas Beunruhigendes, Alarmierendes für die Anwesenden. Vermutlich ist es dieser 13. März, der das Ende einer Ära markiert. Denn nie zuvor, weder im jahrelangen Krieg gegen den Iran noch im Golfkrieg 1991, hatte sich Saddam Sorgen um seine Möbel gemacht.

Nach anderthalb Stunden wird beschlossen, dass Sajida mit Saddam-Sohn Uday, ihre Töchter zusammen mit dessen Bruder Qusay untertauchen sollen. Bevor Saddam aufbricht, verabschiedet er sich von Sajida mit Wangenkuss. In einem weißen Oldsmobile, einem Allerweltsauto, fährt der Diktator davon. Auch für den Rest des Krieges wird er in unauffälligen Toyotas, Nissans, Peugeots unterwegs sein.

18. März

Die russische Botschaft hat als letzte ausländische Vertretung noch geöffnet. Ein Kurier übermittelt Saddams Leibwache eine Nachricht: das Angriffsdatum.

20. März

Der Angriff auf Bagdad beginnt. US-Präsident Bush hat sich entschieden, den Befehl früher zu geben als ursprünglich geplant. Mit einem Enthauptungsschlag hoffen seine Strategen, Saddam in einem Unterschlupf zu treffen. Tatsächlich war die bombardierte Farm in Dora, einem Viertel im Süden Bagdads, eines der Ausweichquartiere von Sajida. Einer ihrer Leibwächter hatte die Adresse an den kurdischen Geheimdienst verraten, doch er war bei seinen Kontaktreisen observiert worden. Raghad, eine der beiden älteren Töchter Saddams, die sich mit ihren vier Kindern oft in der Farm aufhielt, war gewarnt und entkam unverletzt.

Saddam hatte sich längst in andere Verstecke abgesetzt. Ein Angehöriger von "Chat al-Awal", des inneren Rings seiner Leibgarde, hat in den letzten Wochen mehr als 300 Häuser teils angemietet, teils einfach in Besitz genommen. Noch in der ersten Bombennacht lässt sich der Diktator von seinem Leibchauffeur Akram Saleh durch Bagdad kutschieren.

27. März

Am Abend öffnen Wachen die hohen Eisentore einer opulenten Villa mit roten Dachziegeln und einem meterhohen Steinornament in Form eines Kranichs im Stadtviertel Hay al-Jamiya. Wie immer hat Saddam erst in letzter Minute entschieden, die Nacht hier zu verbringen. Das pompöse Quartier wählt er aus einem einfachen Grund: Acht Millionen Dollar hat er im Haus versteckt.

30. März

Saddam-Sohn Qusay beordert Kamal Mustafa nach Bagdad. Der Befehlshaber der Republikanischen Garden im Norden des Landes hat einen kilometertiefen Rückzug seiner Truppen angeordnet - gegen Einwände des Oberkommandierenden. Da Kamals Bruder Jamal mit Saddams jüngster Tochter Hala verheiratet ist, hatte er sich durchgesetzt. Denn im Universum Saddam Husseins zählt Verwandtschaft mehr als alles andere. Trotzdem schwant Kamal nun Schlimmes.

1. April

Kamal Mustafa kommt im Bagdader Stadtteil al-Kindi an, ein Kommando der Leibwache bringt ihn nach Mansur. Saddam Hussein telefoniert nicht. Niemand in seiner Entourage benutzt ein Telefon, wenn er in der Nähe ist, alle Kommunikation funktioniert mit Boten, was immer wieder zu Konfusion führt.

Es ist eine kühle Nacht. Alle sind sie da: Uday, Qusay, Verteidigungsminister Sultan Hashim, Vizepremier Tariq Aziz und Vizepräsident Taha Yasin Ramadan. Uday geht gleich mit Fäusten auf Kamal los, beschimpft ihn ob der Feigheit des Rückzugs. Ramadan geht dazwischen.

Schließlich kommt Saddam, an seiner Seite Abed Hamid, sein oberster Leibwächter und Schatten. Wachen halten Decken hoch, damit niemand sieht, wie der Diktator aus dem Auto steigt. Als er eintritt, fuchtelt Qusay mit einer Panzerfaust herum, um zu zeigen, wie kampfbereit er ist. Mit düsterer Miene hört Saddam sich an, was seine Untergebenen zu sagen haben, und raucht schweigend eine Cohiba. Qusay soll die Truppen des Innenministeriums alarmieren: Kämpfer, die angeblich zum Märtyrertod bereit sind, doch ihre bisherigen militärischen Einsätze beschränkten sich auf das Paradieren in weißen Fantasieuniformen.

2. April

Das nächste Treffen, wieder in Mansur, wieder nachts. Im Garten raucht der zweitoberste Feldherr Qusay, Herr über die Sicherheitsdienste, Chef aller Truppen, die Bagdad verteidigen sollen, eine Zigarette nach der anderen. Jahrelang galt Qusay - ruhig, besonnen, kein Psychot wie sein erstgeborener Bruder Uday - als Thronfolger. Aber nun ist er vollkommen überfordert, gibt unsinnige Befehle, weiß nicht ein noch aus. Bisher hat er in diesem Krieg alles vermasselt. Es war seine Idee, die Adnan-Division der Republikanischen Garden von Tikrit nach Bagdad und die Hammurabi-Division in die umkämpfte Stadt Qut südöstlich der Hauptstadt zu verlegen. Dabei hatte er nicht bedacht, dass gegenüber der alles sehenden, übermächtigen US-Luftwaffe nichts so verwundbar ist wie ein Armeekonvoi auf der Autobahn. All die mit eingeschmuggelten russischen Ersatzteilen mühsam instand gehaltenen Panzer werden abgeschossen.

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