Kaum zu glauben, aber wahr: Während sich die Staatschefs der Nato-Länder zum Familienfoto versammeln, zieht es Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi vor, am Rheinufer zu telefonieren. Angeblich in wichtiger Sache. Nicht der erste Fauxpas während dieser Gipfel-Tage. Dabei gibt es klare protokollarische Regeln. Eine kleine Etikettenschulung. Von Axel Hildebrand

Das verstieß gegen das Protokoll: First Lady Michelle Obama nimmt die Queen Elizabeth II in den Arm. Das Berühren der Königin ist normalerweise verboten© Agency People Image
Symbolträchtiger Spaziergang im Sonnenschein: Mit einem feierlichen Handschlag in der Mitte der Fußgängerbrücke zwischen der deutschen Stadt Kehl und dem französischen Straßburg haben die 28 Staats- und Regierungschefs der Nato-Länder die Rückkehr Frankreichs in die militärische Kommandostruktur des Militärbündnisses gefeiert. Während Sarkozy von Straßburg aus über die Brücke schritt, gingen US-Präsident Barack Obama, Bundeskanzlerin Angela Merkel und die übrigen Nato-Spitzenpolitiker von Kehl aus auf ihn zu.
So weit so schön. Doch einer fehlte bei dem Familienfoto: Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi brüskierte seine 27 Nato-Partner. Er blieb alleine in Kehl, spazierte am Rheinufer entlang und telefonierte. Berlusconi hatte Merkel bereits bei der Begrüßung links liegen gelassen. Er stieg aus seiner Limousine aus und ging zunächst in Richtung Rhein, um zu telefonieren. Merkel setzte die Begrüßung der Staats- und Regierungschef fort. Als der britische Premierminister Gordon Brown als letzter Gast eintraf, telefonierte Berlusconi immer noch. Merkel beschritt schließlich ohne Berlusconi mit den anderen Staats- und Regierungschefs die Rheinbrücke. Berlusconi folgte später alleine - aber er telefonierte auch dann noch. Nach Angaben seines Büros sprach er mit dem türkischen Regierungschef Tayyip Erdogan, um im Streit um den neuen Nato-Generalsekretär zu vermitteln. Der türkische Präsident Abdullah Gül hatte zum Gipfelauftakt am Freitagabend die Nominierung des dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen für den Spitzenposten blockiert.
Auch in London zwei Tage zuvor war es zu einem kleinen Fauxpas gekommen. Als Michelle Obama ein bisschen Small-Talk mit Königin Elizabeth II macht, hält sie sich zunächst an die Regeln. Die Queen und die First Lady sprechen über ihre Größenunterschiede. Hier die groß gebaute Präsidentengattin mit dem kräftigen Bizeps, dort die zierliche Königin im roséfarbenen Kleid. Ein gefahrloses Thema, eine nette Unterhaltung. Alles im Rahmen. Doch dann will Obama besonders freundlich sein und legt ihre Hand sanft auf das Schulterblatt der Gesprächspartner. Beobachter halten kurz den Atem an. Eine Berührung der Queen verbietet das königliche Protokoll. Doch dann, Aufatmen: Die Queen zieht gleich, berührt Frau Obama ebenfalls am Rücken. Der Fauxpas ist gelöst.
Es ist keine einfache Sache, sich in diesen Gipfeltagen sicher über das diplomatische Parkett zu bewegen. Das Protokoll schreibt den Ablauf von Staatsbesuchen vor. Es regelt, wer wann wo zu sitzen hat, wer wann was zu tun hat und wer mit wem über was spricht. Ganze Abteilungen beschäftigen sich ausschließlich mit diesen Formalitäten und planen die Abläufe. Wird ein Ehrenspalier abgeschritten? Wie viele Motorräder begleiten die Autokolonne? Werden Salutschüsse zur Begrüßung abgegeben? Begleiten Bundeswehrjets das Flugzeug des Staatschefs bei der Rückkehr in die Heimat bis zur deutschen Landesgrenze? Es gibt zwar internationale Vereinbarungen, darüber hinaus müssen aber unzählige Details im Vorfeld geräuschlos zwischen den Teilnehmern geklärt werden. Harmonie ist Trumpf. Das Ziel: Die Treffen von Staatschefs und Regierungsmitgliedern sollen ohne Komplikationen ablaufen, ohne Peinlichkeiten, Brüskierungen oder verletzte Eitelkeiten. Das kann dann auch heißen: in der Folge keine Auseinandersetzungen.
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