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Mit Dschihad-Tours in den Knast

Abenteuer Terrorcamp: 2009 brach die "Hamburger Reisegruppe" nach Pakistan auf, um in den Dschihad zu ziehen. Mit dabei war Rami M. Jetzt steht er vor Gericht.

Von Manuela Pfohl

Eigentlich hat die Region Waziristan eher wenig zu bieten. Hier an der Grenze zu Afghanistan gibt es weder entzückende Shoppingmalls noch komfortable Clubhotels oder heiße Nachtbars, in denen urlaubsreife Europäer mal so richtig die Sau rauslassen können. Und dennoch erlebte die pakistanische Grenzregion in den vergangenen Jahren einen regelrechten Tourismusboom: Tschetschenen, Usbeken, Araber und selbst Deutsche zog es nach Waziristan. Ein Geheimtipp. Denn es hatte sich herumgesprochen, dass die Gegend für Abenteuerurlauber wie Terrorcamper einiges zu bieten hat. Auch aus Hamburg machte sich im März 2009 eine Reisegruppe auf den Weg. Ihr Ziel: Ein Ausbildungslager der radikalen "Islamischen Bewegung Usbekistans" (IBU).

Zur Orientierung hatten die elf Mitglieder der Hamburger Reisegruppe in Deutschland die Adresse eines Einheimischen bekommen, der in der Nähe des Städtchens Mir Ali wohnte und ihnen während ihres Aufenthaltes Gastfreundschaft gewähren würde. Als erster Hansestädter klopft Dschihadtourist Rami M. an die Tür des Herbergsvaters. Er weiß noch nicht, wie lange er bleiben will. Denn er hat Großes vor. In der Anklageschrift, die die Bundesanwaltschaft in seinem Fall gefertigt hat, kann man es jetzt nachlesen: "Rami M. ist hinreichend verdächtig, von Mai 2009 bis Juni 2010 Mitglied der al Kaida gewesen zu sein." Der Deutschsyrer habe unter anderem eine Kampfausbildung durchlaufen, um "anschließend am gewaltsamen Dschihad teilzunehmen". Und genau deshalb sitzt er seit dem heutigen Donnerstag auf der Anklagebank am Frankfurter Oberlandesgericht.

Spenden sammeln, statt cooler Terrorvideos drehen

Das Interesse an dem Prozess ist riesig. Denn ein hochrangiges Al-Kaida-Mitglied höchstselbst hatte laut Bundesanwaltschaft den jungen Deutschen unter seine Fittiche genommen und ab Anfang Juni 2010 von weiteren Kampfeinsätzen freigestellt. Rami M. sei danach dafür vorgesehen gewesen, in Deutschland an einem europäischen Netzwerk der terroristischen Vereinigung mitzuwirken. "Das Netzwerk sollte der finanziellen Unterstützung der Organisation dienen, aber auch in der Bundesrepublik für andere, noch nicht näher konkretisierte Aufträge der Al-Kaida-Führung zur Verfügung stehen."

Ob Rami M. mit dem Job, den ihm die al Kaida zugedacht hatte, wirklich zufrieden war, darf bezweifelt werden. Denn statt mit einer coolen Knarre Terrorvideos in den Bergen zu drehen, sollte er laut Bundesanwaltschaft, "halbjährlich einen Betrag von etwa 20.000 Euro an Spendengeldern eintreiben und als Kontaktpartner fungieren".

Rami M. hat die Nase voll vom Dschihad

Vielleicht war das ja der Grund, weshalb er im Juni 2010 bei der Deutschen Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad anrief und um ein Rückflugticket in die Heimat bat. Dass er zu diesem Zeitpunkt schon längst im Visier der deutschen Sicherheitsbehörden war, konnte er ja ebenso wenig ahnen, wie die Tatsache, dass die Berichte zu seinen pakistanischen "Heldentaten" bereits auf den Schreibtischen der Verfassungsschützer lagen.

Am 25. August 2010 landet er zunächst auf dem Frankfurter Flughafen und anschließend in der Untersuchungshaft im hessischen Weiterstadt. Das entspricht nicht gerade dem ruhmreichen Ende, wie es sich islamistische Märtyrer vorstellen. Und dennoch: Rami M. hat Glück gehabt. Während er in einer sicheren Zelle sitzt, steuert am Montag, den 4. Oktober 2010, gegen 19.30 Uhr Ortszeit eine unbemannte Drohne der US-Streitkräfte auf Mir Ali zu. Etwa drei Kilometer von der Stadt entfernt hat sie ihr Ziel erreicht: das Haus von Sher Maulana Khan, Rami M.s früherem Herbergsvater. Sekunden später zerstören Explosionen die abendliche Stille im nord-wazirischen Stammesgebiet und finden ihren Widerhall in den Abendnachrichten der westlichen Medien. Es heißt, es seien zehn Islamisten bei dem Angriff getötet worden. Darunter fünf deutsche Staatsbürger. Auch Mitglieder der Hamburger Reisegruppe seien unter ihnen gewesen.

Keiner hat was gemerkt

Ob das stimmt, ist auch jetzt, Monate danach, noch nicht ganz sicher. Auch viele andere Fragen zum Terrortrip der Hamburger Reisegruppe sind noch nicht beantwortet. Gut, dass Rami M. zum Prozessauftakt ein umfassendes Geständnis angekündigt hat. Das Gericht wiederum stellte ihm eine mildere Strafe im Rahmen von viereinhalb bis fünf Jahren Haft in Aussicht. Denn angeblich haben frühere Aussagen von ihm mit dazu beigetragen, dass mögliche Anschlagspläne der al Kaida in Deutschland verhindert wurden. Nach den Gesprächen mit ihm in der Untersuchungshaft hatten die Sicherheitsbehöreden jedenfalls entsprechend reagiert. Wegen befürchteter Terroranschläge waren im vergangenen November die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland vorübergehend verschärft worden. Vielleicht ist am Ende des Prozesses ja auch geklärt, wie es möglich war, dass die Hamburger so unbehelligt zu ihrem Pakistan-Trip aufbrechen konnten. Vertreter der Sicherheitsbehörden in der Hansestadt hatten nach dem Verbot der Taiba-Moschee im August 2010 erklärt, dass der Moscheeverein seit 2001 "mit allen nachrichtendienstlichen Mitteln" überwacht worden sei. Seltsam, dass die Spezialisten dann nicht bemerkten, dass insgesamt elf Muslime aus der Moschee ihre Koffer packten, sich Visa für Pakistan und One-way-Tickets in den Dschihad besorgten.

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