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"Merkel wird zum Schoßhündchen Obamas"

Die Krim kurz vor der Autonomie, Chaos in der Ukraine - für Putins US-Berater Andranik Migranyan ein Triumph Russlands. Im stern-Interview schließt er eine militärische Intervention nicht aus.

  Andranik Migranyan, US-Berater von Russlands Präsident Wladimir Putin, ist derzeit ein äußerst gefragter Mann

Andranik Migranyan, US-Berater von Russlands Präsident Wladimir Putin, ist derzeit ein äußerst gefragter Mann

Putins Stimme in den USA sitzt in einem Eckbüro in Manhattan. Kein Prunk, kein Protz, nur eine Minibar. Andranik Migranyan ist Direktor des Instituts für Demokratie und Zusammenarbeit, kremlnah, gegründet von Anatoli Kutscherena, der mittlerweile Edward Snowdens Anwalt ist.

Migranyan ist ein gefragter Mann in diesen Tagen, er ist Gast in Nachrichtensendern, hält Vorträge vor Studenten in Yale und schreibt provokante Artikel. Die meisten liegen vor ihm, auf dem Schreibtisch im 20. Stock des Hochhauses in Manhattan stapelt sich das ausgedruckte Internet.

Herr Migranyan, geben Sie der Situation in der Ukraine doch einmal eine Überschrift.

Wir sehen gerade die krachende Niederlage der Westukraine und des Westens in der Ukraine.

Und Putins Triumph?

Ja. Der Westen missversteht die ganze Situation.

Die ganze Situation?

Sehen Sie, zuerst einmal gibt es keine vereinigte Ukraine. Sie ist ein künstliches Gebilde. Sie ist ein tief gespaltenes Land - ethnisch, religiös, sprachlich, regional.

Es gibt viele Länder, die heterogen sind und funktionieren.

Es ist aus der Balance geraten. Nehmen Sie 2005. Da gab es eine dritte Runde in der Präsidentschaftswahl, das war in der Verfassung nicht vorgesehen, Janukowitsch verlor. Damals schrieb ich: "Das war Russlands größter Sieg".

Weshalb ein Sieg?

Weil es Russlands Feinde waren. Manchmal sind Feinde besser als falsche Freunde. Es kam, wie ich prophezeite: Die Radikalen in Kiew wurden sich schnell uneins. Auf einmal bekämpften sich die neuen Machthaber gegenseitig. Timoschenko gegen Juschtschenko, jeder gegen jeden, eine totale Katastrophe. Die Orangene Revolution wurde zum Desaster.

Das Telefon klingelt. Migranyan nimmt ab: "In Ihre Sendung über Putin? Sie wollen sicher im Dreck wühlen, schmutzige Wäsche waschen. So jemand bin ich nicht. Hören Sie, ich gebe gerade ein Interview, deshalb kann ich nicht mit Ihnen sprechen."

Dann wird er hellhörig: "Hm, was meinen Sie mit einer realistischen Einschätzung von Putin? Seiner Politik oder seiner Person? Das ist für Al-Dschasira, haben Sie gesagt? Dann sprechen wir uns gleich, Courtney."


Oh, Al-Dschasira Amerika. Die haben Geld für Make-up, so wie die russischen Sender. Bei den Amerikanern wird man nicht mal geschminkt.

Sie wollten gerade auf die derzeitige Situation der Ukraine eingehen.

Richtig. Also, jetzt haben wir ein Machtvakuum, eine völlig illegitime Regierung. Radikale in Kiew. Eine fantastische Situation für den Süden und Osten des Landes. Davon konnten die Menschen dort nicht einmal träumen.

Ernsthaft? Die derzeitige Situation ist ein Traum?

Ja, gegenwärtig herrschen Chaos und Unruhe in Kiew. Radikale haben ein paar Regierungsgebäude besetzt und sind so an die Macht gekommen. Die Leute auf der Krim haben das gesehen ...

... und machen es ihnen nach.

Genau! Die Autoritäten sind illegitim, ein Coup. Der Präsident ist in Russland. Der perfekte Zeitpunkt für die Krim, um sich für unabhängig zu erklären. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Krim immer nur beherrscht – mit Direktiven aus Kiew. Nun herrschen die Menschen wieder selber. Kiew hat die Krim verloren.

Und bei der Unabhängigkeit hilft die russische Schwarzmeerflotte.

Das ist völlig legal. Die Bewohner mussten diese chaotische Zeit in der Hauptstadt für sich nutzen und brauchen Schutz. Von einer Invasion zu sprechen, ist hirnrissig. Die russischen Truppen halten sich in der Ukraine auf, weil deren einzig legitimierte Vertretungsperson der Präsident ist, der diese Truppen angefordert hat.

Aber wäre die nationale Einheit nicht die beste Lösung, ein föderaler Staat?

Nein, denn die Leute in Donezk, Charkiw oder auf der Krim wollen nicht von Kiew aus regiert werden. Wie soll denn da eine Einheit möglich sein?

Aber ein regionales Referendum auf der Krim ist doch in der Verfassung gar nicht vorgesehen. Auf der einen Seite beruft sich Moskau auf die Verfassung und verteidigt den legitimen Präsidenten Janukowitsch, auf der anderen Seite unterstützt man mit dem Referendum einen Gesetzesbruch.

Die andere Seite hat mit dem Brechen der Gesetze angefangen. Die Bewohner der Krim haben sich nicht mehr an ukrainisches Recht zu halten.

Sie unterstützen also die Abspaltung?

Natürlich. Genauso wie der Westen die Abspaltung des Kosovo unterstützt hat. Wer hat denn mit den Beispielen für sogenannte illegitime Autonomie angefangen? Das ist doch Heuchelei.

Wie geht es denn nun weiter?

Wenn Kiew Gewalt anwendet, wenn es zu Kämpfen kommt – dann könnten wir an den Punkt kommen, an dem Putin russische Soldaten einsetzt. Das wird ein langer Konflikt werden.

Angela Merkel hat ernste Worte in Richtung Moskau geschickt.

Merkel. So wie Tony Blair das Schoßhündchen von Bush war, wird Merkel zum Schoßhündchen Obamas. Das ist nicht gut für Deutschland.

Wie sehen Sie Obamas Russlandpolitik?

Die Beziehungen verschlechtern sich bestimmt nicht wegen uns Russen. Den Amerikanern fehlt der Respekt. Uns Einmischung vorwerfen und in Syrien die Rebellen gegen den legitimen Präsidenten bewaffnen. Sehen Sie, wir sind gegen den Sturz eines Regimes, wenn man nicht weiß, wer danach kommt. Der Arabische Frühling zum Beispiel. Ich sagte damals, dass entweder muslimische Fundamentalisten oder eine Militärregierung auf Mubarak folgen.

Und es kamen erst die Fundamentalisten und dann die Militärs.

Und in Syrien wird auf Assad die al Kaida folgen. Manche Politiker handeln in völliger Unwissenheit.

Aber wegen der Krise auf der Krim reden nun trotzdem alle von Sanktionen gegen Russland. Verstehen Sie das?

Nein, Kerry brüllt sehr laut. Aber das ist sehr dumm, wenn man nur einen kleinen Stock hat. Der Westen hat doch gar keine Handhabe. Da sind so viele Idioten am Werk. Ein ganzer Haufen Idioten.

Ein Haufen Idioten, der die Isolation Russlands fordert.

Wir sind nicht Albanien. Wie soll man uns isolieren? Nicht alle Wege führen noch nach Rom – und erst recht nicht nach Washington oder Brüssel.

Aber Wirtschaftssanktionen träfen Russland hart.

Russland kann den Gashahn zudrehen. Ohne die russischen Ressourcen würde die europäische Wirtschaft doch kollabieren!

Aber die russische ohne den Westen auch.

Gut, das stimmt.

Und Putin übt ebenso wirtschaftlichen Druck auf seine Nachbarn aus.

Nein, Putin sagt nur: Ihr könnt ruhig zum Westen gehen. Aber kurzfristig geht es euch schlecht, denn wir müssen die Preise dann natürlich erhöhen. Und die EU gibt euch nur ein paar mickrige Milliarden. Die Staaten müssen sich also gut überlegen, ob sie sich von Moskau abwenden. Mehr sagt Putin ja nicht. Das ist doch in Ordnung.

Eine abschließende Einschätzung. Sehen Sie die Möglichkeit, dass Janukowitsch zurückkehrt?

Nein, seine Aufgabe war die Zerstörung des ukrainischen Staates. Mission erfüllt.

Interview: Andreas Spinrath
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