Nach 13 Jahren auf der Flucht sitzt Radovan Karadzic nun in Haft. Im Interview mit stern.de sagt die Balkan-Expertin Marie-Janine Calic, wie der frühere bosnische Serbenführer tickt, warum er sein Verfahren als "Farce" bezeichnet und wieso es schwieriger wird, seinen Vollstrecker Ratko Mladic zu fassen.

Karadzic mit Bart und langen Haaren: "Versuch, sich als Märtyrer darzustellen"© DPA
Karadzic stammt aus der bosnisch-serbischen Intellektuellenschicht - zu der er auch immer noch gehört. In der gab es eine mächtige Gruppe von Nationalisten. Nationalismus war nicht nur in Serbien sondern auch in den anderen Republiken des ehemaligen Jugoslawien sehr verbreitet, nachdem der Kommunismus als verbindendes Element weggefallen war. Deshalb haben viele Menschen Halt an einem rückwärts gewandten Nationalismus gesucht. Nicht wenige Politiker haben ihn ganz bewusst inszeniert, um ihren eigenen Machtaufstieg zu ermöglichen und zu befördern. Karadzic war einer von ihnen.
Nein. Wenn überhaupt war Slobodan Milosevic, der ehemalige serbische Präsident, einer, der den Nationalismus vor allem dazu benutzt hat, um nach oben zu kommen. Aber Karadzic war Überzeugungstäter, wie auch seine Reden und seine Politik belegen. Zudem hatte er rassistische Ansichten. Er betrachtete die Moslems als minderwertig und sprach ihnen das Recht ab, in Bosnien gleichberechtigt mit Serben leben zu dürfen. Jedoch galt Karadzic auch immer als Dampfplauderer, der große Reden geschwungen und sich wichtig gemacht hat.
Es ist zum einen eine Möglichkeit, sich vor sich selbst und der Welt zu rechtfertigen. Er versucht, sich als Opfer einer Verschwörung von muslimischen und kroatischen Nationalisten darzustellen, gegen die sich die Serben im Grunde nur gewehrt haben. Jemand, der die Politik "ethnischer Säuberungen" angeordnet, durchgeführt und legitimiert hat, der das Massaker von Srebrenica leugnet, der verteidigt sich auf diese Weise nur selbst. Das Den Haager Tribunal ist in seiner Ideologie ein politisches Instrument des Westens, erfunden, um die Serben zu strafen. All diese Argumente benutzt er sicher auch, um sich als Märtyrer darzustellen.
Das ist sie. Es gab ja bereits einen Prozess gegen seine Nachfolgerin Biljana Plavsic. Obwohl der Krieg bereits vorbei war, als sie das Amt antrat, ist sie zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Angesichts der Fülle an Beweisen ist es ausgeschlossen, dass er nicht verurteilt wird.
Laut Belgrader Medien soll mit Hilfe gefälschter Papiere unter falschem Namen gelebt haben. Angeblich hätten selbst seine engsten Mitarbeiter in seiner Praxis für alternative Medizin nichts von seiner wahren Identität gewusst haben. Aber: Es muss ihm jemand die Papiere besorgt haben. Offenbar hatte Karadzic durchaus ein ihm gewogenes Netzwerk.
Es war vor allem der Geheimdienst, der den international gesuchten Kriegsverbrecher in Serbien geschützt hat und der ihn jetzt fallen ließ. Auch der Geheimdienst kann nicht auf Dauer als "Staat im Staate" agieren. Zumal er eine etwas andere Figur ist als etwa sein Militärchef Ratko Mladic. Karadzic ist bosnischer Staatsbürger und hat nicht diesen Ruf als Volksheld wie Mladic. Es war sicher etwas einfacher Karadzic auszuliefern.
Erst seit kurzem hat Serbien eine pro-europäische Regierung, die keine Angst haben muss, mit diesem Coup nationalistische Wähler zu verlieren, wie die bisherigen Regierungen. Im April wurde das "Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen" mit der EU unterzeichnet. Es kann erst in Kraft treten, wenn Serbien "vollständig" mit dem Tribunal in Den Haag zusammenarbeitet. Dazu kommt: Serbien versucht derzeit vor dem Internationalen Gerichtshof klären zu lasen, ob die einseitig erklärte Unabhängigkeit des Kosovo gegen das Völkerrecht verstößt. Die Strategie ist klar: Sie wollen signalisieren, dass sie sich an das Völkerrecht halten, also sollen es die anderen, die Kosovaren, auch tun. Und dann berät in diesen Tagen der EU-Rat über die künftige Serbien-Politik - es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sie ihn zufällig ausgerechnet jetzt aufgespürt haben.
Zum einen ist eine Verurteilung für die Opfer natürlich wichtig, es verschafft ihnen Genugtuung, wenn schwerste Menschenrechtsverletzungen nicht straflos bleiben. Zum anderen wirkt es der Spirale gegenseitiger kollektiver Schuldvorwürfe entgegen. Die Verantwortung wird damit individualisiert, also bestimmten Personen zugeordnet. Für Serbien ist das in gewisser Weise auch ein Neuanfang.
Nein. Auch wenn es einige sehr nationalistische Kreise gibt, die den Prozess als Angriff auf die serbische Ehre betrachten. Aber das ist eine Minderheit. Die klare Mehrheit aber ist froh, dass Karadzic nun gefasst wurde. Vor fünf Jahren wäre das vielleicht noch anders gewesen.
Wahrscheinlich.
Offenbar hat er Freunde im Geheimdienst und in der Armee. Allerdings werden die Kräfte, die Mladic schützen, schwächer und es wird wohl nicht lange dauern, bis sie auch ihn haben.
Er ist im Militär groß geworden - zu Zeiten Jugoslawiens, als die Armee sehr angesehen war. Zudem hat er den Krieg geführt, den viele als Verteidigungs-, nicht als Angriffskrieg sehen. Und auch auf serbischer Seite hat es viele Opfer gegeben.
Leider nicht. Es gibt noch sehr viele, die frei herumlaufen, die nur nicht so prominent sind. Da ist noch ein Weg zu gehen.
Ja, sicherlich. Zumal es auch Skandal war, dass er so lange nicht gefasst wurde. Und auch der Westen hat sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Man denke allein an die riesigen Nato-Truppen, die es nicht geschafft haben, ihn zu schnappen. Für Bosnien-Herzegowina ist das sicher ein großer Schritt, im übrigen Fall Ex-Jugoslawien, etwa im Kosovo, bleibt noch viel zu tun.
Marie-Janine Calic ... ... gilt als führende Balkan-Expertin und lehrt als Professorin an der Ludwig-Maximillian-Universität in München. Zur Zeit forscht sie am Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS).