Israels Partystadt bleibt cool

17. November 2012, 12:22 Uhr

Alarm? Raketenbeschuss? Die jungen Hippster in Tel Aviv reagieren betont lässig auf die Attacken aus Gaza - auch weil die Angst zur Normalität geworden ist. Ein Streifzug durch die Stadt. Von Theresa Breuer, Tel Aviv

Tel Aviv, Israel, Hamas, Bomben, Raketen, Kassam, Stadt, Reservisten, Netanjahu, Nahost, Konflikt

Nur wenige Minuten einer der Raketenwarnung am Freitag: ein demonstrativer Strandbesuch junger Israelis©

Freitagnachmittag, Rothschild Boulevard in Tel Aviv. Das Café 12 ist brechend voll. Gutaussehende Menschen zwischen 25 und 35 trinken Roséwein und essen Salat. Idan Lieberman, 26, wartet mit zwei Freunden auf einen Tisch. Ob er keine Angst habe? "Doch, klar", sagt Idan, "Angst davor, keinen Tisch zu bekommen". Seine Freundin, tätowierte Arme, bunter Schal, grinst. Idan zündet sich eine Zigarette an.

Keine zwei Stunden vorher haben die Alarmsirenen in Tel Aviv geheult. Raketen aus Gaza waren im Süden der Stadt eingeschlagen. Wie schon am Donnerstagabend. So etwas ist seit 1991 nicht mehr passiert. Die Hamas hatte angekündigt, vor keinem Ort in Israel Halt zu machen – und ihre Ankündigung wahr gemacht. Doch schon kurz nach dem Alarm deutet hier nichts auf eine Bedrohung hin.

Vorwarnzeit: eineinhalb Minuten

Idan Lieberman, Dreitagebart, trägt Jeans und ein T-Shirt, auf dem ein Snowboarder abgebildet ist. Er arbeitet als Texter in einer Werbeagentur. Als die Sirenen erstmals heulten, telefonierte er sich gerade mit einer Kundin aus den USA. Die Kundin fragte ihn: "Ist Alarm in Tel Aviv?" Er musste erst kurz überlegen. "Ja, stimmt", antwortete er schließlich, "lass mich nachher zurück rufen". Mit seinen Kollegen ging er ein Stockwerk tiefer. Einen adäquaten Schutzraum hat sein Bürogebäude nicht. "Angst hatten wir keine, aber wir haben uns auf jeden Fall erschrocken."

Später ist er dann noch mit Freunden durch die Bars gezogen. Warum auch nicht, sagt er. "Die Chance, von einer Rakete getroffen zu werden, ist ziemlich klein. Außerdem haben wir in Tel Aviv eineinhalb Minuten Zeit, Schutz zu suchen. Das ist mehr, als die Leute in den Städten rund um Gaza haben." Er überlegt kurz. "Würde ich da leben, hätte ich wahrscheinlich mehr Angst."

Kein Vergleich mit zweiter Intifada

Dass Idan und seine Freunde die Situation so locker sehen, ist keine Ausnahme. Sie alle sagen, dass Tel Aviv schon schlimmere Zeiten erlebt habe. Etwa während der zweiten Intifada, als Selbstmordattentate das Land erschütterten, kein Bus, kein öffentlicher Platz sicher schien. Oder 1991, als Saddam Hussein aus dem Irak Langstreckenraketen auf Israel feuerte und Israelis ständig Gasmasken tragen mussten, aus Angst vor biologischen oder chemischen Waffen. "Damals ist eine Rakete direkt neben dem Haus meiner Familie eingeschlagen", erzählt Idan, "das war unheimlich".

Damals habe es aber auch weniger Informationen gegeben. Heute, sagt er, verbreite sich alles rasend schnell über Social Media. "Und dort machen die Menschen Witze über die Situation. Auf Facebook, auf Twitter, wir nehmen die Hamas nicht wirklich ernst." Das bisschen Alarm in Tel Aviv? Idan macht eine wegwerfende Handbewegung. "Bisher ist hier ja nichts heruntergefallen. Und so lange das nicht passiert, werde ich mein Leben leben wie bisher."

"Homland" schiebt sich über Realität

Fünf Kilometer weiter sitzen Yael Engelhart und Adi Gura auf Yaels Balkon und trinken Campari zum Sonnenuntergang. Im Nachbarhaus spielt jemand Gitarre. Die beiden hübschen Frauen Anfang 30 unterhalten sich über Terroristen, Anschläge, Geheimdienste. "Meinst du, dass sie Abu Nazir demnächst fangen?", fragt Adi. Yael ist skeptisch. Abu Nazir, weltweit gesuchter Terrorist, arbeitet nicht für die Hamas – er ist ein fiktionaler Charakter aus der preisgekrönten US-Serie "Homeland", in der eine CIA-Agentin Terroristen jagt. Über eine Fernsehserie zu sprechen ist für die Frauen interessanter, als über das zu sprechen, was gerade in ihrer Umgebung stattfindet. "Es ist hier doch immer das gleiche", sagt Yael, "wir drehen uns im Kreis". "Willkommen im Nahen Osten", fügt Adi hinzu.

Es ist jetzt dunkel in Tel Aviv. Die Nachrichten verkünden, 75.000 Reservisten einberufen werden sollen. In den Bars von Tel Aviv steigt der Lärm-Pegel. Männer mit schwarz umrandeten Brillen und Frauen in Vintage-Kleidung und rotem Lippenstift ziehen durch Jaffa, ein Stadtviertel, dessen Flair an Kreuzberg erinnert. Es wird getrunken, geredet, gelacht. Hier in der Nähe soll am Donnerstagabend eine Rakete eingeschlagen haben. "Es ist weniger los als sonst", sagt ein Barkeeper. Weniger los – das bedeutet, dass die Leute nicht Schlange stehen, um einen Tisch in den Kneipen zu bekommen.

Electrosound und Kriegsgedanken

Um Mitternacht legt in der Bar Anna Loulou ein DJ minimalistische Electro-Platten auf, ein paar Leute tanzen, die meisten stehen in den Ecken oder an der Bar. So auch Guy, er trinkt Ouzo, pur. Guy, 39, ist erfolgreicher Künstler, gerade läuft eine Ausstellung mit seinen Werken in Tel Aviv. Über den Konflikt redet er, wie er über seine Kunst redet: die Gedanken sind einstudiert, schon tausendmal hat er darüber gesprochen. Er denkt darüber wie Idan darüber denkt. Wie Yael und Adi darüber denken. Wie offenbar die meisten Israelis denken, die in diesen Tagen weiterleben, als habe sich nichts verändert. "Krieg", schnaubt Guy verächtlich, "das hier ist doch kein Krieg. Krieg ist, wenn kein Wasser in den Leitungen fließt und kein Brot in den Regalen liegt".

Lesen Sie auch