Sein enormes Vermörgen verdankte Jurij Luschkow seiner Firma und seinem Amt: Als Bürgermeister von Moskau war er sein eigener Bau-Auftraggeber. Nun hat ihn Dimitri Medwedew rausgeworfen. Wer war der Mann, der den Kreml nervte? Von Bettina Sengling

Eine mittlerweile erkaltete Beziehung: Luschkow (r.) und Putin bei der 860-Jahr-Feier Moskaus© Wladimir Rodionow/EPA/DPA
Ein guter Verlierer ist der ehemalige Bürgermeister nicht: Er sei Opfer, schrieb Jurij Luschkow beleidigt an die Führung seiner Partei "Einiges Russland". Die staatlichen Medien hätten ihn hart und ungerecht attackiert. Grund für die pampige Einlassung war eine Botschaft, die ihn am Arbeitsplatz erreichte - an dem er sich nach seinem Urlaub in Kitzbühel gerade wieder einrichten wollte: Luschkow ist nicht mehr Bürgermeister von Moskau. So ging in der russischen Hauptstadt nun eine Ära zu Ende - und das wenig ehrenvoll.
Denn Präsident Dimitri Medwedew hat in diesem Jahr bereits andere langjährige Gouverneure entmachtet. Doch die wurden nach einem persönlichen Gespräch mit dem Präsidenten in den Ruhestand geschickt. Luschkow nicht. Er habe kein Vertrauen mehr in den Moskauer Bürgermeister, ließ Medwedew verlauten und schmiss den Bürgermeister kurzerhand raus. Eine ehrenvolle Entlassung sieht anders aus.
Luschkow ist politisches Urgestein in Russland, fast zwei Jahrzehnte lang war er einer der mächtigsten Männer im Land. Bürgermeister wurde er schon unter Jelzin, mit dem er Anfang der neunziger Jahre noch befreundet war und damals schon wie ein freundlicher Großvater aussah, galt zu dem Zeitpunkt noch als tatendurstig und energisch, als mustergültiger Verwalter. Volksnah in Schiebermütze und Jeans gekleidet, fuhr er jeden Samstag große Baustellen ab und kontrollierte den Fortschritt in seiner Stadt, bestimmte die Farbe von Häuserwänden und die Blumensorte in den Rabatten.
Und Moskau veränderte sich nach Luschkows Geschmack: Er ließ die riesige Christus-Erlöser-Kathedrale errichten, die Stalin 1931 zerstört hatte. Häuser wurden restauriert, Einkaufszentren hochgezogen. Aus den Straßen verschwanden Schlaglöcher, Wohnsiedlungen wurden gebaut. Moskau sah im Zentrum immer schick aus - und viele Jahre lang waren die Moskauer stolz auf ihre Stadt.
Das änderte sich spätestens 1999, als sich Luschkow in einen Machtkampf mit dem Kreml einließ. Weil der todkranke Präsident Boris Jelzin nur noch selten vor sein Volk trat, hoffte Luschkow auf seine Chance. Dank seines autoritären Führungsstils und seiner fremdenfeindlichen Rhetorik hatte er sich eine breite Anhängerschar aufgebaut. Der ehrgeizige Bürgermeister verbündete sich mit anderen Gouverneuren, um bei den Präsidentschaftswahlen gegen die Kreml-Clans anzutreten.
Das war ein Fehler. Für einen ehrenwerten Stadtverwalter hielten ihn später nur noch jene Russen, die ihren Fernseher nie einschalten - eine schonungslose Kampagne gegen den Bürgermeister begann. Schon damals zeigte das Staatsfernsehen, wie sich der angeblich tadellose Stadtvater offenbar jahrelang bereichert hatte, präsentierte sein 80 Hektar großes Anwesen mit Gutshäusern, Pferdekoppeln, Tennisplätzen und Fischteichen und berichtete über die Geschäfte von Elena Baturina, seiner Gattin, die durch ihre Baufirma zur reichsten Frau Russlands wurde. Ihr Aufstieg begann in den neunziger Jahren, als sie lukrative Aufträge von der Stadt bekam. 1998 rüstete ihre Firma "Inteko" das größte Stadion der Stadt mit 85.000 Plastiksitzen aus. Zusammen mit ihrem Bruder baute sie ein Imperium auf. Heute besitzt sie Anwesen in Österreich, Deutschland, England und Frankreich.
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