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4. September 2008, 06:47 Uhr

Die Macht des ersten Eindrucks

Sie hielt den Erwartungen stand: John McCains Vizewahl Sarah Palin gab sich auf dem Parteitag der Republikaner als Kämpferin, als Bannerträgerin konservativer Werte. Zum Abschluss ihrer Rede gab es Familie satt, und selbst ein Überraschungsgast aus Alaska wurde präsentiert. Von Katja Gloger, St. Paul

Stellte sich einer ganzen Nation vor: die republikanische Vizekandidatin Sarah Palin auf dem Parteitag in St.Paul© Damir Sagolj/Reuters

Gerade mal eine Woche ist die Dame nun Kandidatin für das zweitmächtigste Amt in der Welt - und schon herrscht ein Kultur-Krieg um Sarah Palin, 44. Ein Krieg mit merkwürdigen Frontverläufen. Da wurde in den Talkshows ausführlich darüber diskutiert, ob eine fünffache Mutter den anspruchsvollen Aufgaben im Weißen Haus wirklich gewachsen sei. Da erklärten erzkonservative Frauen eine überzeugte Abtreibungsgegnerin zur neuen Vorkämpferin des Feminismus.

Und dann schwang sich auch noch der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani zum obersten Frauenverteidiger auf - der Mann, der seiner Frau einst per Zeitung mitteilen ließ, dass er sie verlassen werde. "Sie hat mehr Erfahrung als die beiden demokratischen Kandidaten zusammen", gab er in einem Interview nach dem anderen zu Protokoll. Und war sogar überzeugt, dass diese Sarah Palin selbst eine Krise wie den 11. September mühelos meistern würde.

Tagelang hatte die Gouverneurin des immerhin 670.000 Einwohner zählenden Staates Alaska die nachrichtenhungrige Nation mit Schlagzeilen versorgt - allerdings mit ganz anderen, als John McCains Wahlkampfstrategen geplant hatten. Etwa der angeblich rigorose Auswahlprozess für das Amt des Vizepräsidenten - McCain hatte die Frau offenbar erst in letzter Minute ausgewählt. Ihre Qualifikation für einen Job, von dem möglicherweise die Sicherheit der Welt abhängt - bis vor kurzem war sie Bürgermeisterin eines freundlichen 7000-Einwohner-Städtchens in Alaska. Und dann auch noch die Schwangerschaft ihrer gerade mal 17-jährigen Tochter Bristol, einer Schülerin. Der Vater: ein 17-jähriger Schüler. Welch eine Story für die Medienmaschine!

Konservative verteidigen Palin

Gestern schalteten die Wahlkampf-Manipulatoren auf Gegenangriff, schlugen aggressiv zurück: Die Gouverneurin habe mehr exekutive Erfahrung als Obama, tönte McCains oberster Wahlkampfmanager Steve Schmidt. Das konservative "Wall Street Journal" argumentierte mit alten Vorurteilen: "Die politische Klasse in Washington rebelliert mit aller Kraft gegen eine nicht-domestizierte Konservative, die eine Bedrohung für die Krönung ihres Kandidaten Obama darstellen könnte. Denn Palin ist sehr populär bei Konservativen in der weißen Mittelklasse." Und die ehemalige Gouverneurin von Massachusetts wusste sowieso, wer schuld ist: die linken Medien, die eine "Schmierenkampagne" inszeniert hätten - und suggerierte, Sarah Palin sei Objekt sexistischer Angriffe wie einst Hillary Clinton. Und über die angeblich einseitige Kritik der Medien an seiner Wahl regte sich John McCain so auf, dass er ein Interview in der populären Talkshow Larry King absagte.

Der republikanische Kongressabgeordnete Steve Hoekstra wiederum gab die "talking points" der Wahlkämpfer wieder, als er Sarah Palin kühn als "erfahrene Reformerin" beschrieb, die "die Bürokraten in Washington angreift."

Mit einer riskanten Strategie des Doppelschlages will John McCain in den kommenden Wochen weiter gegen Obama punkten : Zum einen will er sich und seine Vize-Kandidatin als erfahrene Reformer darstellen, auf die man sich verlassen kann - und nicht ein luftiger "Hoffnungsverkäufer" wie Barack Obama. Mit dem Image als "Maverick", als Washingtoner Außenseiter, will er den Kampf gegen das Establishment propagieren - damit sollen konservative Demokraten und Wechselwähler gewonnen werden. Und dazu an seiner Seite: eine handfeste, zupackende Frau mit echten erzkonservativen Werten, die die Parteibasis mitreißt. Wie erklärte George Pataki, der ehemalige Gouverneur des Bundesstaates New York gestern unermüdlich: "Wir sind alle so unglaublich begeistert."

Für McCain steht viel auf dem Spiel

So sollte der Boden bereitet werden für Sarah Palins großen Auftritt in St. Paul. Mehr als 30 Minuten zur besten Sendezeit, keine kritischen Fragen, ein jubelndes Publikum - so würde sich Sarah Palin dem amerikanischen Volk vorstellen. Natürlich war es die wichtigste Rede in ihrem politischen Leben - vor allem aber waren es entscheidende 30 Minuten für John McCain: Denn auch für ihn hieß es gestern "Schwimm oder gehe unter." Friss oder stirb.

Denn diese Rede würde zeigen, ob er mit seiner überraschenden Wahl richtig lag oder nicht. Sie würde zeigen, ob er über weises Urteilsvermögen verfügt oder doch noch seinem Temperament folgt, das selbst Freunde als "unberechenbar" bezeichnen. Viele der republikanischen Granden sind entsetzt über McCains Entscheidung. Palin schrecke die wichtigen Wechselwähler ab, mahnen sie, die unerfahrene Politikerin lasse Zweifel an der Kompetenz und Verlässlichkeit des Kandidaten John McCain aufkommen.

Karl Rove, vor vier Jahren "Architekt" des Wahlsieges von George W. Bush, kritisierte höflich: "Die Entscheidung für Sarah Palin ist eine Wahlkampfentscheidung, keine Entscheidung für ein Regierungsamt." "Es ist vorbei", jammerte eine konservative Kommentatorin, die einst für Reagan gearbeitet hatte. "Es kann nicht funktionieren" stöhnte der PR-Fachmann und ehemalige McCain-Mitarbeiter Mike Murphy. "McCains Größe besteht darin, dass er nicht zynisch ist. Aber das ist eine zynische Entscheidung."

Akribisch geplanter Auftritt

Seit vergangenen Sonntag wurde Sarah Palin regelrecht unter Verschluss genommen. Man hatte ihr einen Stab PR-erprobter Mitarbeiter zugeteilt. Wie Matt Scully, einen ehemaligen Redenschreiber von Präsident Bush. Und vor allem Tucker Eskew, ein Mann, der vor acht Jahren einst eine erfolgreiche politische Schmutzkampagne inszeniert hatte - als Mitarbeiter von George W. Bush im Vorwahlkampf gegen John McCain. Man hatte an ihrer Rede gearbeitet, Übungen am Teleprompter absolviert. Gestern Morgen um sechs Uhr wurde Palin zu einer Besichtigung in die Delegiertenhalle geführt, vorsorglich so früh, dass es kaum jemand mitbekam. Und wohlweislich hatte man auch einen schüchtern dreinblickenden jungen Mann nach St. Paul geschafft und mit McCain fotografieren lassen: Levi Johnston, 17, den Verlobten der schwangeren Tochter Bristol,17. Er saß gestern Abend in der Ehrenloge und wusste wohl selbst nicht, wie ihm geschah.

Die Erwartungen himmelhoch, eine Nation am Fernsehen, in den Fernsehstudios saßen Dutzende Experten bereit, um jeden Satz, jede Geste auseinanderzunehmen. Noch nie haben so viele Menschen die Rede eines Vizepräsidentenkandidaten gesehen. Und schon heißt es, Sarah Palin habe möglicherweise mehr Zuschauer bekommen als Barack Obama - und der hatte mit 40 Millionen Zuschauern vergangene Woche schon alle Rekorde geschlagen.

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KOMMENTARE (10 von 25)
 
PEFRA (05.09.2008, 07:39 Uhr)
Bigotterie
diese Heuchelei und Doppelmoral der Amis ist so offensichtlich, dass es einem nur noch schlecht wird...
Amerika, der Jura-Zoo. Aber was will man von einem Land erwarten, wo in manchen Bundesstaaten Fellatio in der Ehe noch unter Strafe steht.
Keine Gesellschaft hat ähnlich bizarre Gerichtsurteile hervorgebracht wie die US-amerikanische. In Florida erhalten Frauen, die beim Friseur unter der Trockenhaube einschlafen, einen Strafzettel. Nein, dies ist kein Scherz, dies ist gültige Gesetzeslage. Also aufgepaßt! Wer als Deutscher Urlaub in den USA macht, sollte vorher einen Grundkurs in amerikanischem Recht belegen.
Kein Land hat ähnlich abstruse Gesetze.
Wen wundert da noch die Rede der Madame Palin....
ganzbaf (04.09.2008, 23:22 Uhr)
Ich als Amerikaner...

würde nur einen Native Indian wählen.
.
RED-Power!... ;-P
JuergenHartl (04.09.2008, 19:37 Uhr)
Eine Andere Rede?
Also ich sah hier eine ganz andere Rede.
Diese Rede war zugeschnitten auf die religiöse Basis der Republikaner. Vermutlich sollte sie diese Basis mobilisieren. Unabhängige Wähler hat diese rede eher verprellt.
Es gab keinen Ausblick auf die Zukunft, es waren nur Angriffe auf Obama, wobei die Wahrheit verdreht, oder komplett außer Acht gelassen wurde.
nightmare_online (04.09.2008, 15:14 Uhr)
@traldors
Also McCain ist IMHO kein Spinner, hört AFAIK keine Stimmen, fühlt sich nicht von Gott gesandt, und dürfte qua seiner eigenen Erfahrung auch nicht kriegsgeil sein. Insofern wäre ein Präsident McCain schon mal ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem Status Quo.
Seine ökonomische Inkompetenz (die er btw. selbst zugibt), seine Pläne bezüglich Öl, Gesundheitsreform etc. sind allerdings nichts anderes als eine Fortsetzung von Bush. Teilweise sogar noch extremer.
Die ultimative Drohung ist aber IMHO das es ein durchaus realistisches Szenario ist, das er in seinem Alter während seiner Präsidentschaft das zeitliche segnet. Und dann regiert jemand wie Palin die USA? Wenn das keine Drohung ist, dann weiss ichs auch nicht. Vielleicht fällt ihr nach der Pipeline durch Alaska und dem Irak-Krieg noch etwas anderes ein, was ihrer Meinung nach zu Gottes Plan gehört. Es gibt ja diverse Evangelikale, die in nächster Zeit das jüngste Gericht erwarten ...
auwei (04.09.2008, 15:14 Uhr)
@johann58
Das ist der Punkt. Was wirkliche US-Konervative so denken und glauben, mutet hierzulande derartig exotisch und verrückt an, dass eine Verständigung kaum möglich scheint. Mir bleibt regelmäßig der Mund offen stehen, wenn ich Statements von "aufrechten" (ich kenne glücklicherweise genug andere US-Bürger) Amerikanern höre. Da regt sich schon kein Widerspruchsgeist mehr, nur noch ungläubige Paralyse. Leben diese Menschen seit 200 Jahren in einem Kokon? Das sollen sie ja auch gerne tun, aber: der Welt haben sie ganz offensichtlich nichts Wertvolles mitzuteilen. Warum versuchen sie es immer wieder? Sollen sie sich doch mit ihren nahöstlichen Brüdern im Geiste zusammentun, sich wahlweise gegenseitig umbringen oder zusammen beten - und den Rest der sündenpfuhligen Welt in Ruhe lassen.
tricky_dude (04.09.2008, 15:09 Uhr)
@chatahootchee
Well honey, falls du das hier doch noch liest: ich hab Familie in den Staaten und kenne das Land sehr gut. Daher weiß ich was die religiöse Rechte so von sich gibt. Aber ich weiß auch das es genügend Leute in den USA gibt, denen dieser fanatismus genauso auf den Geist geht, bzw. Angst macht.
Im übrigen haben wir hier in DE auch amerikanische Sender, CNN, NBC, etc. abgesehen von den US-Zeitschriften und Zeitungen die es in in jedem Bahnhofskiosk zu kaufen gibt. Also erzähl nicht wir wären nicht informiert! Aber was will ich mit einem McCain-Wähler diskutieren. Obwohl ich auch zwei oder drei Republikaner-Wähler in der Familie habe, aber selbst die sind sich nicht sicher ob die ihn wählen sollen.
@All: Ich vermisse Ronald Reagan, wirklich. Im Vergleich mit Bush, Cheney, McCain, Palin war der ein lieber Opa und ein netter Kerl. Nur halt etwas rechts...
Johann58 (04.09.2008, 15:03 Uhr)
@hamburg123
Der Chatahoochee (schreibt sich eigentlich Chattahoochee) ist ein Fluss, der aus den Bergen Nord Georgias durch Georgia, Alabama und schliesslich Mississippi fliesst und in den Mississippi muendet. Chatahoochee wohnt irgendwo in einem westlichen Suburb von Atlanta, durch das der Chattahoochee ebenfalls fliesst. Georgia ist einer der klassischen Staaten des Bible Belt, in dene es Gegenden gibt, wo es mehr Kirchen als Wohnhaeuser gibt. Ich lebe selbst in einem noerdlichen Suburb von Atlanta und bin oft ghenug erschuettert ueber die unglaubliche Intolleranz der Baptisten und anderer 'christlicher' Religionen. Obwohl die Weissen in der Minderheit sind, wird traditionell Republikanisch gewaehlt. Obama wird wohl keine Chance haben und die Denkensweise von Chatahoochee ist durchaus nicht ungewoehnlich. Aus unserer europaeischen Sicht nur schwer nachzuvollziehen.
SinBringer (04.09.2008, 15:02 Uhr)
@catahoochee
Ist es nicht so, dass Amerika so breitschultrig für die "Freiheit" eintritt?
Freiheit setze ich aber nunmal eher mit liberaler Herangehensweise gleich, denn Freiheit bedeutet nicht, daß jeder nach meiner (Ihrer) Schnauze reden muss, sondern jeder hat das Recht sich selber ein Bild zu machen und seine Meinung zu äußern, auch wenn diese Ihnen nicht passt.
---
Liberal mit "links" gleich zu setzen ist einfach nur schrecklich dumm und wenn Sie ach so viel über UNSER Land hier wissen würden, dann wüßten Sie auch, daß die bundesdeutschen Liberalen eher dem konservativen Lager zugerechnet werden als den Linken.
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Freiheit muss auch gedeien können und diese gedeit sicher nicht indem man den göttlichen Willen als einziger glaubt erkannt zu haben und anderen aufzwingen will, dabei geht nämlich genau die Freiheit für die man eingetreten ist allzu schnell verloren!
Die werte Lady Palin glaubt ja auch nicht, daß die Klimaveränderungen durch das Handeln des Menschen herbei geführt wurden, sie glaubt daran, dass Pipelines göttlicher Wille wären und der dumme erlogene Krieg im Irak gottgewollt ist. Vielleicht wacht die Dame auf wenn Ihr Sohn dort schwer verletzt oder getötet wird (wobei ich ihr und vor allem ihm das sicher nicht wünsche).
Wer sich auf Gott beruft und alle Welt gerne mit Abtreibungsverbot, sexueller Ahnungslosigkeit, Homohass und Kreationstheorie zwangschristianisieren will (und ich bin aus gutem Grund Atheist!) hat es meiner Ansicht nach nicht wirklich so arg mit der Freiheit!
traldors (04.09.2008, 14:51 Uhr)
Wann der Abgrund uns (...)
anschaut ist gewiss: Wenn die Reps in den USA gewinnen.
Die jetzige Außenpolitik beweist es, Europa ist kaum handlungsfähig, die USA destabilisieren Europa u.a. mit Ihrem Raketenschild der komplett sinnfrei ist und u.a. mit ihren Lakaien Polen deren derzeit herrschende, politische Kaste im Kern genauso bizarr veranlagt ist.
Die Methode einen Krieg als Lösung für Probleme durchzuführen, mag für das 19 Jahrhundert approbat gewesen sein, in der heutigen Zeit verursacht diese Denkweise weitere, unlösbare Konflikte. Die Welt ist voll von Kriegsschauplätzen und dem Denken ewig gestriger Strategen.
Das Problem sind die radikalen Kräfte auf beiden Seiten. Weder Osama noch Bush liegen wirklich weit auseinander. Doch vielleicht, der "body count" wird Bush gewinnen, aber deswegen ist er noch lange kein Terrorist. Einfach nur Präsident der der Vereinigten Staaten von Amerika.
So far (...)
Ernst_Derlage (04.09.2008, 14:36 Uhr)
Ratlos
Es ist schon ein bizarres Pärchen, der alte Schrat und die junge Hockey-mom. Aber sie hat den lieben Gott auf Ihrer Seite und weiß, dass der Irak-Krieg und diverse Piplines eine göttliche Fügung sind. Da werde ich richtig neidisch und frage, wie schaffe auch ich, dass ich das Gefühl bekomme, dass Gott mit mir plaudert? Wo kann man das Zeugs kaufen? Ist es verschreibungspflichtig oder am Ende verboten? Oder reicht es aus, wenn ein Puck mit der richtigen Geschwindigkeit und dem richtigen Winkel in meinem Hinterkopf eingschlägt?
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