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3. November 2009, 19:57 Uhr

Merkels Gespür für Amerika

Angela Merkel hat die Einladung des US-Kongresses klug genutzt. Ihre historische Rede war durchkomponiert, ungewöhnlich emotional und mit einer klaren Botschaft. Ein Kommentar von Niels Kruse

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Angela Merkel vor dem US-Kongress. Im Hintergrund: Vizepräsident Joe Biden und Repräsentantenhaus-Sprecherin Nancy Pelosi© Rainer Jensen/DPA

Diese historische Rede von Angela Merkel vor dem US-Kongress dürfte ganz nach dem Geschmack von Barack Obama gewesen sein. Denn die Botschaft, die die Kanzlerin vor den Vertretern des amerikanischen Volks in Washington ausgesendet hat lautet sinngemäß: Zusammen immer, gegeneinander nimmer. Welches Bild sie auch benutzte, welche Erinnerung sie bemühte, welchen Gedanken sie formulierte - alles stand beispielhaft für unbedingte Zusammenarbeit. Es ist die gleiche Botschaft, mit der der US-Präsident die Amerikaner vor ziemlich genau einem Jahr überzeugte, für ihn zu stimmen.

Merkel hatte einen guten Tag für ihre Rede erwischt. Denn aus der Heimat kam die Nachricht, dass der bislang widerborstige Präsident Tschechiens, Vaclav Klaus, endlich den Lissabon-Vertrag unterschrieben hat, der das schwierige Gemeinschaftsprojekt EU zum 1. Dezember handlungsfähiger machen soll. Kaum etwas taugt besser als Symbol dafür, dass Ost- und Westeuropa im Vielvölkerbund Europäische Union zusammengewachsen sind. In gerade einmal 20 Jahren, die seit dem Mauerfall vergangen sind.

Die USA als "Land der Unerreichbaren"

Die Kanzlerin begann die Rede mit ihrer Biografie, die so eng verknüpft ist mit der Öffnung des eisernen Vorhangs. Und sie wurde ungewöhnlich persönlich, wohlwissend, dass die Amerikaner wenig so sehr fasziniert, wie der Mut der damaligen DDR-Bürger. Die ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf des SED-Staats gezogen haben. Vor 1989 seien die USA für Merkel das "Land der Unerreichbaren" gewesen, sagte sie. Doch nur ein Jahr später reiste sie zum ersten Mal in die Vereinigten Staaten und "niemals werden wir den ersten Blick auf den Pazifischen Ozean vergessen".

Dass vor allem die Wiedervereinigung ohne die Unterstützung der Amerikaner nicht möglich gewesen wäre, hob Merkel explizit hervor: "Wir Deutschen wissen, wieviel wir Ihnen verdanken". Ihr Dank gelte den in Deutschland über die Jahrzehnte stationierten Soldaten und Diplomaten, ohne die die "Überwindung der Teilung unmöglich gewesen wäre", so Merkel weiter. Alles sei nun möglich, zitierte sie Ex-Präsident Bill Clinton, auch dass eine Frau wie sie nun hier vor dem Kongress stehen könne. "Niemals werde ich Ihnen das vergessen."

Neue Generation soll Mauern einreißen

Deutschland und Europa seien nun vereint, und das müsse der neuen politischen Generation zeigen, dass auch sie Mauern einreißen könne, sagte sie und kam schnell zu den großen globalen Brennpunkten Globalisierung, Finanzkrise, Afghanistan, Klimawandel. Das Motiv der Zusammenarbeit zog sich hier besonders deutlich durch ihre Sätze. Die Finanzkrise zeige, dass eine globalisierte Wirtschaft einen globalen Handlungsrahmen brauche. Hier sei die Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA wichtig. Auch die Befriedung Afghanistans sei nur dann erfolgreich, wenn die Gemeinschaft jeden weiteren Schritt gemeinsam gehe. Und dann folgte Merkels eindrücklichster Appell an die USA. Der Klimaschutz sei die aktuelle Mauer, die es einzureißen gelte. Hier sei Amerika besonders gefordert.

Sieben Mal haben die Repräsentanten der USA Merkels Worte mit stehenden Ovationen gewürdigt. Am häufigsten erhoben sie sich, als die Kanzlerin ihre Loyalität zu Israel bekundete. "Wer Israel bedroht, bedroht auch uns", sagte sie und natürlich war der Iran damit gemeint. Teheran kenne die Grenzen der Geduld der internationalen Gemeinschaft. Einen Iran, der Israel bedrohe, dürfe es nicht geben, so die deutsche Regierungschefin. Es war die einzige Passage, in der sie sich klar gegen etwas positionierte, anstatt die Zusammenarbeit zu beschwören.

Applaus gegen die Klimaschutzbremser

Es war eine gute Rede der Kanzlerin: durchkomponiert, emotional und mit einer klaren Botschaft. Natürlich hatte niemand schwerwiegende Ankündigungen erwartet, dafür war der Rahmen doch etwas zu feierlich. Immerhin aber ließ Merkel durchblicken, sich mehr in Afghanistan engagieren zu wollen, was die USA mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben dürften. Im Gedächtnis wird den Amerikanern aber wohl vor allem ihr Drängen bleiben, dass die USA beim Kopenhagener Klimagipfel der Welt mehr entgegenkommen müssen. Dafür gab es nicht nur Applaus. Aber der, den es gab, richtete sich an die Deutsche am Rednerpult und gegen die Klimaschutzbremser in den eigenen Reihen.

Ein Kommentar von Niels Kruse
 
 
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