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Wer Schmiergeld zahlt, gewinnt

Afghanistan sitzt auf Gold, Öl und Seltenen Erden, eigentlich ist das Land reich. Die Deutschen können beim Abbau der Rohstoffe jedoch kaum helfen. Vor allem wegen der Korruption.

Von Nico Wingert

Afghanistan ist vom Krieg zerrüttet und wirtschaftlich zerstört. Dabei könnten die vielen Rohstoffe das Land eigentlich reich machen.

Afghanistan ist vom Krieg zerrüttet und wirtschaftlich zerstört. Dabei könnten die vielen Rohstoffe das Land eigentlich reich machen.

Es waren ernüchternde Worte. „In Afghanistan gibt es nur Staub", sagte der deutsche ISAF-General Hans-Lothar Domröse vergangene Woche in Leipzig. "Und unter dem Staub ist noch einmal Staub." Ganz anders sei es im Irak - dort gäbe es Öl und Gas, eine gebildete Mittelschicht und kleine Firmen. Kurzum: Der Irak komme alleine wieder auf die Beine; Afghanistan benötige auf Jahre hinaus die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, selbst wenn die westlichen Truppen schon lang abgezogen sind.

So sehen es allerdings nicht alle. "Unter dem Staub mag ja noch einmal Staub sein, aber darunter befinden sich gewaltige Rohstoffvorkommen", erklärt Rudolf von Sandersleben, Ex-Banker und Präsident des Leipziger Wirtschaftsclubs. Davon ist auch Carsten Drebenstedt, Professor an der sächsischen Bergakademie, überzeugt. Er zählt auf, was in Afghanistan zu finden ist: "Eisenerze, Kohle, Kupfer, Phosphor, Gold, Öl, Gas, seltene Erden, seltene Metalle - ein gigantischer Schatz." Die Ausbeutung dieser Rohstoffe könnte dem Land so hohe Steuereinnahmen bescheren, dass es für seine Sicherheit selbst aufkommen könne, hofft Drebenstedt. Mehr noch: Afghanistan habe das Potential, sich wie einer der reichen, arabischen Golfstaaten zu entwickeln.

"Ein gigantischer Schatz" - Experten schätzen den Gesamtwert auf drei Billionen Dollar. Das ist ein ganz neuer Blick auf das Land, das die Deutschen seit zehn Jahren nur mit Leid, Tod und Barbarei assoziieren.

Zu wenig Fachpersonal

Allein: Die Frage, wer die Rohstoffe abbauen soll (und kann), ist nicht beantwortet. Für Afghanistan wäre es am besten, wenn die Afghanen selbst das Geschäft selbst in die Hand nehmen. Dafür aber bräuchten sie einheimisches Fachpersonal: Ingenieure, Bergarbeiter, Straßenbauer. Das ist aber nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Zwar steigt der Anteil der jungen Menschen mit Schulabschluss ständig, aber ein Studium ist weiterhin unüblich. Die gängigen Alternativen für Teenager heißen: bezahlte Ausbildung, Hilfsarbeit auf dem Feld - oder Abdriften ins Milieu der Milizen und religiösen Radikalen.

Die Deutschen zeigen wenig Neigung, in dieses ökonomische Vakuum vorzustoßen und sich selbst um den Rohstoffabbau zu kümmern. "Die Deutschen wollen einfach fertig abgebaute Rohstoffe kaufen oder deren Zwischenprodukte" glaubt Drebenstedt. Zwar habe die Automobilindustrie beispielsweise einen unstillbaren Bedarf an Blechen, käme aber deswegen noch lange nicht auf die Idee, Eisenerze in Afghanistan abzubauen. Um daraus fertige Bleche herzustellen, wären nämlich noch ein Kraftwerk zur Stromerzeugung, ein Stahlwerk zur Verhüttung der Erze und ein Walzwerk nötig, also eine ganze industrielle Kette. Zu viel Aufwand für die hochspezialisierten Deutschen?

China liefert Rundum-Sorglos-Pakete

Andere Staaten sind nicht so zurückhaltend. Eine indische Company gewann jüngst die Ausschreibung für eine große Eisenerzgrube (geschätzter Wert: elf Milliarden Dollar), eine chinesische Firma stach ihre amerikanische Konkurrenz aus und betreibt nun eine Kupfermine in Anyak bei Kabul (geschätzter Wert drei Milliarden Dollar). Generell entwickeln die Chinesen das afghanische Rohstoffgeschäft am erfolgreichsten. Auch deswegen, weil sie - anders als westliche Firmen - kein Problem mit der Korruption haben. Sie verpacken ihre Deals in Rundum-Sorglos-Pakete: Im Austausch zu Abbaurechten bauen sie Straßen und Eisenbahnen, beziehen lokale Milizen und Warlords mit ein und finanzieren Minister sowie deren Mitarbeiter. Hauptsache, es rechnet sich unterm Strich.

So simpel können die Deutschen, die an ihr Rechtssystem gebunden sind, nicht vorgehen. Vor einiger Zeit hat ein deutsches Gericht einen Siemens-Manager angeklagt - wegen Schmiergeldzahlungen in Afrika. "Die Chinesen haben andere gesetzliche Regelungen für solche Fälle, da können wir nichts entgegensetzen", seufzt Helene Rang, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Organisation Numov. Der Verein bahnt seit 79 Jahren Geschäfte im Nahen und Mittleren Osten an, zahlreiche Vertreter aus Industrie und Banken sind dort Mitglied. Auch Rang würde es gerne sehen, hätten die Deutschen eine Chance, sich an der Ausbeutung der afghanischen Rohstoffvorkommen zu beteiligen. Doch sie verweist auf ein weiteres Problem: "Wenn das Auswärtige Amt eine Reisewarnung für das Land herausgibt, müssen die Firmen hohe Versicherungspolicen für Ihre Mitarbeiter zahlen - und es gibt dennoch keine Garantie für deren Leben." Faktisch sei die Sicherheitslage in Afghanistan schlechter als je zuvor, auch wenn Nato und Isaf das Gegenteil behaupten würden.

Die Chinesen, so Rang, seien in Sicherheitsfragen und im Umgang mit Koruption "extrem flexibel". Deshalb stünden sie nun in der ersten Reihe. "Eine Realität, die zu verinnerlichen ist."

Hartz IV-Fall der Staatengemeinschaft

So nehmen die Chinesen das Geschäft mit, während die Steuerzahler der westlichen Nationen in die Röhre schauen. "Wenn die Gelder der internationalen Gemeinschaft nicht auf den Privatkonten Einiger verschwinden sondern in den Bergbau Afghanistan investiert würden, könnte sich das Land schnellstens entwickeln", sagt Helene Rang. Doch das ist Wunschdenken. Afghanistan ist nach wie vor ein Nehmerland, sozusagen der Hartz IV-Fall der ISAF. Und der stete Zahlungsfluss hat eine fatale Mentalität befördert: abwarten und abkassieren.

Selbst dringend notwendige - und technisch einfache - Investitionen kommen nicht voran. Eine von den Russen gebaute Raffinerie steht seit Jahren ungenutzt im Norden. Stattdessen wird jeder Liter Benzin kostspielig importiert. Das Geschäft führt immer wieder zu bewaffneten Konflikten um Marktanteile, beispielsweise welche Firma eine Tankstelle beliefern darf und welche nicht. Nur wer Waffen hat, ist klar im Vorteil.

Ähnlich ist es beim Zementbedarf. "Im Moment holen die jeden Sack Zement mit langen und unsicheren Transportwegen aus Pakistan, aber die Afghanen haben jede Menge Kalksteinsteinbrüche und könnten den Zement selbst herstellen", beschreibt Professor Drebenstedt die Lage. Im Norden des Landes stehe ein Zementwerk, das die Sowjets erbaut hätten, das aber jahrelang nicht genutzt worden sei. Nun habe sich ein Warlord das Werk "einverleibt" und die ersten Säcke Zement produziert. So geht afghanisches Business.

Bislang nur Erkundungen

2014 wird ein entscheidendes Jahr für Afghanistans Zukunft. Bislang hat die Regierung nur Lizenzen zur Erkundung erteilt. Für den Abbau der Rohstoffe fehlen noch die gesetzlichen Grundlagen. Sie sollen bis Jahresende definiert sein - und werden für Wohl und Wehe des Landes entscheidend sein. Es muss den Afghanen gelingen, möglichst viel Jobs, Wohlstand und Know-How zu kreieren, von dem sie auch künftig profitieren können.

Die Schlacht um Afghanistan wird jetzt nicht mehr militärisch entschieden. Sondern wirtschaftlich.

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