Öffentliche Verkehrsmittel können ganz schön abenteuerlich sein, noch abenteuerlicher sind aber Taxifahrten - zumindest in Rumänien. Über Verkehr, Bettler, Snack-Kultur - und was Sie sonst noch wissen sollten. Von Karin Spitra, Bukarest

Bukarest hat rund zwei Millionen Einwohner - und zur Stoßzeit genauso viele Autos© Picture-Alliance/DPA
"When in Rome, do like the Romans do" - selbstverständlich beherzigen wir kosmopolitischen Reisenden dieses Motto, schließlich lernt man nur so Land und Leute kennen. Dass damit auch gewisse Risiken verbunden sind, wird einem schnell klar. Je nachdem, in welchem Land man unterwegs ist, schon nach wenigen Minuten. Die erste Lektion lernen Neuankömmlinge in Rumänien, sowie sie den Flughafen verlassen. Ich bekam sie also gleich auf dem Weg ins Hotel, und sie lautete: Steige NIEMALS in einem rumänischen Taxi vorne ein. Das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist für alle, die mehr als einen Rucksack dabei haben, sowieso nicht zu empfehlen.
Fahrspuren? *pfffff*
Offenbar glauben die Vorsteher der meisten Sektoren (Bukarest ist in sechs Sektoren unterteilt), dass Fahrbahnmarkierungen die rumänische Seele unnötig einengen würden. Es könnte natürlich auch sein, dass sie das Geld für die Farbe einfach eingesteckt haben. Wo sich die Stadtplaner vielleicht drei Fahrbahnspuren vorgestellt haben, passen hier "locker" fünf Autos nebeneinander, die Fahrweise ist dementsprechend. So kommt man zu dem seltenen Vergnügen, die sonst übliche Distanz zu seinen Mitmenschen aufzugeben - in meinem Fall konnte ich beim Fahrer des Nebenwagens quasi die Nasenhaare zählen. Leider war die Kamera im Koffer, so dass ich kein Foto machen konnte - nur wer diese Nase gesehen hat, dürfte meinen vielleicht etwas abartig wirkenden Impuls verstehen.
Also krallte ich mich die 20 Kilometer zwischen Flughafen und Hotel etwas unentspannt an den Türgriff und bewunderte die Leistung des Taxlers, sich todesmutig in jeden Kreisverkehr zu werfen (Rumänien wimmelt davon) und dabei von ganz links über gefühlte acht Spuren nach ganz rechts zu ziehen. Natürlich ohne zu blinken, sie sind ja keine verwestlichten Weicheier, die für alles Regeln brauchen. Dabei telefonierte der gute Mann auch noch über weite Strecken auf dem Handy (auch in Rumänien verboten, aber egal) und vermittelte dabei offenbar seinem Schwager einen Arzttermin mit nur zwei Tagen Wartezeit. Im Gegenzug wollte er die Mutter des Arztes (gebrechlich) zwei Mal zum Friedhof fahren. Gut, ich habe die Fahrt überlebt, ohne jeden Kratzer und mit dem gesamten Gepäck. Auch die Hotelreservierung war ok.
Lüge - oder Geschäftstüchtigkeit?
Trotzdem kam es dann zu Lektion zwei: Glaube NIEMALS einem rumänischen Hotelprospekt. WiFi? WLan? Wie angekündigt im ganzen Hotel? Nun, "das ist ein kleines Missverständnis," wie der freundliche Mann an der Rezeption bedauerte. Klar gäbe es das, allerdings "nur hier unten, im Bereich der Rezeption". Weil Rumänen sehr höflich sind und keinem gerne Kummer bereiten, blieb dabei unerwähnt, dass es WiFi nur in einem ganz schmalen Funk-Korridor im Bereich der Rezeption gab. In diesem Bereich standen ein klitzekleiner Tisch von der Größe eines besseren Gästehandtuchs und zwei Stühle. Ständig belegt. Von korpulenten Männern mit riesigen Schnauzern. Und leider keinen Rumänen, sondern Angehörigen irgendeiner der zahllosen Ex-Sowjetrepubliken. Bei Rumänen kann man - besonders als Frau - immer an das Gute im Menschen appellieren, bei Menschen, die geröstete Kürbiskerne knacken und die Schalen kunstvoll durch die Lücke zwischen den Vorderzähnen in den Aschenbecher spucken, fühle sogar ich mich gehemmt.
Wer derlei Wirrnisse positiv betrachten will, kann immerhin einwenden, dass die Rumänen seit den Tagen der Planwirtschaft sehr schnell das kapitalistische ABC gelernt haben: Natürlich kann man sich auch vom Zimmer aus einloggen, aber das kostet extra - und das nicht zu knapp. Die Männer mit den Zahnlücken und den Kürbiskernen scheinen übrigens zum Inventar jedes bessern Hotels zu gehören. Feldversuche in den anderen hochpreisigen Innenstadthotels bestätigten meinen Verdacht: Sie sitzen überall.
Kommunikation ist alles
Vielleicht erwarte ich aber auch zu viel. Private Computer sind noch die Ausnahme, wer online etwas erledigen will, geht ins Internet-Café - oder tut das verbotenerweise am Arbeitsplatz. Mailen ist deshalb noch nicht so richtig verbreitet, dafür haben überraschend viele Rumänen zwei Handys. Und telefoniert wird ständig, überall und rund um die Uhr. Rumänen sind mitteilsam, und das Handy ist ein tolles Mittel, um andere am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Das führt dann auch so weit, dass sie Freunde anrufen, wenn sie etwas Bemerkenswertes miterleben - und zwar egal wo sie gerade sind. So lernte ich dann meine dritte Lektion: Rumänen lieben das DRAMA. Ort der Lektion: die Bukarester U-Bahn.

Wie mittlerweile überall auf der Welt enterte auch hier ein Bettler unser Abteil. Mit geschlossenen Augen (auch noch blind?) stellte er sich an die Tür und begann mit sehr lauter Stimme (vielleicht auch taub?) seinen Vortrag: "Ich bin ein armer Mann…" - weiter kam er nicht. Denn die ersten Mitfahrer intonierten freudig: "Ich auch". Unbeirrt fuhr er fort: "Ich habe keine Arbeit und finde keine, weil ich krank bin. (Stimmen: Wohl erkältet?). Dann schlug das Schicksal erneut zu - meine Frau erlitt einen Schlaganfall und ist seitdem ans Bett gefesselt." (Hier zückte mein Sitznachbar sein Handy und rief einen Freund an: "Hey Traian, hier ist ein Bettler mit einer neuen Geschichte").
Trunksüchtiger Vater, invalide Frau, sieben Geschwister
Der machte unterdessen mit sich steigernder Lautstärke weiter: "Vor kurzem starb mein Vater, nachdem er von einem durchgehenden Pferd niedergetrampelt wurde (anerkennendes Klatschen vom hinteren Wagenende, mein Sitznachbar informierte Traian auch über diese Entwicklung). "Außerdem muss ich für sieben jüngere Brüder sorgen, muss ihnen Essen, Kleidung und einen Platz zum Schlafen geben" - hier fiel er auf seine Knie und blickte mit immer noch geschlossenen Augen zur Wagondecke - "und letzte Woche habe ich deshalb unseren letzten Teppich ins Pfandhaus getragen" (Mein Sitznachbar lässt Traian wissen, dass er das mit dem Teppich nicht recht glaubt).
Zum Schluss kommt dann die obligate Bitte, ihn doch mit einer kleinen Gabe zu unterstützen - für die Frau und die Brüder und um den gesamten Hausrat aus dem Pfandhaus zu holen. "Die Jungfrau Maria, die nicht so herumgehurt hat wie die jungen Mädchen jetzt, die völlig unverdient ihren Namen tragen, wird es euch danken" lauten dann die letzten Worte des flammenden Appells. Das Einsammeln des Geldes erfolgte übrigens wieder offenen Auges. Traian hat meinem Nachbarn wohl empfohlen, trotz der Wendung mit dem Teppich etwas springen zu lassen, denn er zückt einen kleinen Schein. Und leider liegt ab jetzt die Latte für deutsche Bettler bei mir hoch.
Kein Geld für Bettler
Vielleicht noch eine Anmerkung für den ordnungsliebenden, zart besaiteten, politisch korrekten, westeuropäischen Reisenden: Rumänien macht nachdenklich. Ob es die heruntergekommenen Straßenkinder sind, die Betrunkenen, die so hinüber sind, dass sie sich einnässen, bettelnde Zigeunerinnen mit Babys an der Brust, die abgearbeiteten Menschen in Bussen und U-Bahn - wer kein gänzlich verstocktes Gemüt hat, muss an solchen Eindrücken ganz schön knabbern. Und wird gleichzeitig von unsichtbaren Sensoren als potenzielles Opfer erkannt. Soll man jetzt dem bettelnden Kind doch etwas zustecken? Oder der Zigeunerin? Nun, warum nicht - aber bitte kein Geld.
Rumänen sind fanatische Anhänger der Snack-Kultur. Ständig wird an etwas geknabbert, gekaut, gegessen. Überall gibt es Imbisse, welche die traditionellen Suppen (Ciorba) verkaufen. Es gibt leckere Krapfen (Gogoase), Käsegebäck und einfach alles, was sich aus Blätterteig machen lässt. Wer also etwas geben will, gebe Essen.
Raus - ins Leben
Und damit schließt sich der Kreis: Am meisten lernt man über diese Karpatenbewohner, wenn man es macht wie sie: Also raus aus den Touristenghettos der Nobelhotels, raus aus den Taxen - und rein in die Busse, rein in die U-Bahn, rein in die Züge (siehe auch die nebenstehenden Erklärungen). Rumänen sind ein kommunikatives Völkchen, die meisten jungen Leute sprechen mindestens eine Fremdsprache. Es wird gern und viel flaniert und spazieren gegangen - die zahlreichen Parks sind immer voll, auf den Boulevards drängen sich die Menschen. Und bald sind das nicht nur Rumänen, bald werden auch Italiener und Deutsche, Spanier und Griechen darunter sein. Dann ist nicht nur Rumänien in der EU angekommen, sondern Europa auch in Rumänien.
Im nächsten Teil der Serie lesen Sie das Porträt eines ganz normalen rumänischen Ehepaares - und ihrem Leben auf 50 Quadratmetern. Mit zwei Söhnen, einem Pianino, einem Schlagzeug, einer Elektro-Orgel und einem Siamkater.
Falls Sie den ersten Serien-Teil verpasst haben: Hier könne Sie ihn nachlesen:
Rumänien: Stolz und Vorurteil.