Was Pussy Riot im Arbeitslager erwartet

13. Oktober 2012, 13:35 Uhr

Zwei Aktivistinnen der Politpunk-Aktion Pussy Riot müssen für zwei Jahre ins Arbeitslager. Aber was bedeutet diese erschreckende Aussicht eigentlich im Jahr 2012? Von Sophie Albers

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Ein Schlafsaal in einem russischen Straflager für Frauen©

Die Kombination der Worte "Russland" und "Arbeitslager" führt zu düsteren Assoziationen. Das gefürchtete Gulag, in dem Menschen verhungern und erfrieren, Sibirien, härteste körperliche Arbeit, Folter, Schikane. Nach Ende der Berufungsverhandlung im Prozess gegen Politaktivistinnen des Moskauer Punkkollektivs Pussy Riot steht fest, dass die 22-jährige Nadeschda Tolokonnikowa und die 24-jährige Maria Aljochina für zwei Jahre ins Arbeitslager müssen. Aber was bedeutet das eigentlich im Jahr 2012?

Unklar sei noch, in welchem Lager die beiden Frauen ihre Strafe für "Rowdytum aus religiösem Hass" abarbeiten müssen, aber nach russischem Recht sollte es in der Nähe ihres Wohnorts sein, sagt Peter Franck, Russlandexperte von Amnesty International. Eine Strafkolonie sei immerhin nicht so schlimm wie Gefängnis, sondern eine "leichtere" Form der Strafe, da man mehr Bewegungsfreiheit habe. Die Lager seien "quasi militärisch organisiert": Morgens der Antritt zum Appell, danach zur Arbeit, was bei Frauen meist Näharbeiten bedeute. Die Verpflegung sei immerhin ausreichend. Heutige Strafkolonien seien nicht mit den Gulags der Sowjetunion zu vergleichen, auch wenn sie von den Standards unserer Gefängnisse weit entfernt seien.

Sechs Pakete im Jahr

Franck und auch der Russland-Kenner Ulrich Heyden beschreiben, dass Lagerinsassinnen in großen Schlafsälen mit rund 100 anderen Frauen untergebracht sind. Und das bringe automatisch Auseinandersetzungen mit sich. Da viele Russen in der berüchtigten Pussy-Riot-Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale im Zentrum Moskaus nicht die Kritik an Präsident Putin, sondern einen Angriff auf die Religion sehen (wie es die Regierung Putin immer dargestellt hat), könnte das für Tolokonnikowa und Aljochina Probleme bedeuten. "Im Gefängnis ist Gott die letzte Hoffnung", zitiert Heyden auf "Heise.de" eine ehemalige Gefangene, die in einem Blog über die eigenen Erfahrungen berichtet hat. "Niemand werde die Aktivistinnen wegen ihrer 'anti-religiösen' Haltung schlagen, aber vielleicht würden sie gepiesakt."

Die Frauen in den Lagern organisierten sich in kleinen "Familien", man koche und esse zusammen. Diese Familie schütze die Einzelne nach außen. Erniedrigung sei an der Tagesordnung, schreibt Heyden weiter. So würden die Frauen bestraft, wenn sie die Arbeitsnormen nicht erfüllen, "da kann ein Waschtag oder ein Essen gestrichen werden". Von den rund 100 Euro, die die Frauen mit dem Nähen im Monat verdienen, blieben nach Abzug der Kosten für Kleidung, Strom und Ernährung etwa 25 Euro übrig. Gemäß dem Urteil sind die Frauen - anders als zu Beginn der Haftzeit von Putins Intimfeind Michail Chodorkowski - nicht zu einem strengen, sondern zu einem "regulären Regime" verurteilt. Das heißt, Kontakte mit der Familie und auch den Anwälten sollten erlaubt sein. Was allerdings abzuwarten sei, so Franck. Außerdem dürfen Insassinnen Pakete und Geld von Familie und Freunden annehmen, doch dürfen sie im Monat nicht mehr als 345 Euro ausgeben. "Pro Jahr dürfen Häftlinge sechs Pakete empfangen. Außerdem sind pro Jahr vier Drei-Tage-Besuche und sechs Kurzbesuche von bis zu drei Stunden erlaubt", schreibt Heyden. Bei den Kurzbesuchen dürften sich die Inhaftierten und der Besuch allerdings nur über Telefon und durch eine Glasscheibe getrennt unterhalten.

Ob die beiden Frauen die ganze Strafzeit von zwei Jahren im Lager verbringen werden müssen, hänge natürlich von dem Richter ab, der eine mögliche Bewährung zu verhandeln hat, sagt Franck. "Oder ob, wie bei Chodorkowski, Disziplinarverstöße fingiert werden."

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