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Nutzt der Abschuss des russischen Bombers der Türkei?

Ein Himmel, zwei Wahrheiten: In der Frage, was sich im syrischen Grenzgebiet zugetragen hat, stehen sich Russland und Türkei unversöhnlich gegenüber. Ist der gemeinsame Kampf gegen IS nun in Gefahr? Fragen und Antworten.

Ein Video vom Moment des Absturzes. Darauf ist zu sehen, wie ein brennendes Kampfflugzeug zur Erde stürzt.

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu zeigte ein Video vom Moment des Absturzes. Darauf ist zu sehen, wie ein brennendes Kampfflugzeug zur Erde stürzt. 

Am Dienstag schoss die Türkei einen russischen Bomber ab. Zwei F-16-Kampfflugzeuge holten den SU-24 im türkisch-syrischen Grenzgebiet vom Himmel. Nun tobt der Kampf um die Deutungshoheit. Hat der russische Jet den türkischen Luftraum verletzt? Warum wurde er dann offenbar über Syrien abgeschossen? Wem nützt der Vorfall? Und welche Konsequenzen drohenden für den gemeinsamen Anti-IS-Kampf?

Was sagt Russland?

"Der Vorfall gleicht einem Dolchstoß in den Rücken, begangen von Helfershelfern von Terroristen", sagte Russlands Präsident Wladimir Putin am Dienstag. Zum Zeitpunkt des Abschusses habe sich der russische Bomber auf einer Höhe von 6000 Metern befunden, einen Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Der Kampfjet habe die Türkei "in keiner Weise" bedroht. "Wir wissen mit Sicherheit, dass sich das Flugzeug im syrischen Luftraum befand, über dem syrischem Territorium", sagte ein Kreml-Pressesprecher Dmitrij Peskow. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, es gebe konkrete Beweise dafür, dass das Flugzeug das syrische Gebiet nicht verlassen habe. Tatsächlich befindet sich der Absturzort vier Kilometer von der türkischen Grenze entfernt.

Was sagt die Türkei?

Die Türkei beharrt auf dem Standpunkt, dass der russische Bomber den türkischen Luftraum verletzt habe. Nach Darstellung des Nato-Landes wurde der Pilot mehrfach gewarnt, ohne jedoch den Kurs zu ändern. Den Angaben des türkischen UN-Botschafters Halit Cevik flogen zwei russische Flugzeuge für 17 Sekunden durch den türkischen Luftraum. Die Regierung in Ankara betonte, die Grenzverteidigung sei "sowohl unser internationales Recht als auch unsere nationale Pflicht".

Was sagen NATO und USA?

Das US-Militär bestätigte die Darstellung der Türkei ebenso wie Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Wie das US-Präsidialamt am Dienstagabend mitteilte, bekräftigte Obama in einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, dass der Nato-Partner Türkei das Recht habe, seine Souveränität zu verteidigen. Zugleich stimmten beide Politiker darin überein, dass die Lage nicht eskalieren dürfe. Es müssten Vorkehrungen getroffen werden, damit sich solch ein Vorfall nicht wiederhole.

Nach Einschätzung des US-Militärs wurde der russische Jet jedoch innerhalb des syrischen Luftraums abgeschossen. Die Maschine sei zwar kurzzeitig im türkischen Luftraum gewesen, dort aber nicht getroffen worden, sagte ein Vertreter der US-Regierung, der nicht namentlich genannt werden wollte, zu Reuters. Diese Beurteilung basiere auf Wärmedaten des Jets.

Nutz der Abschuss der Türkei?

Der Abschuss des Russischen Jets ist der Tiefpunkt einer Krise, die schon länger andauert. Die russischen Luftangriffe in Syrien waren der Türkei schon immer ein Dorn im Auge. Russland geht derzeit mit heftigen Bombardierungen gegen Ziele im Norden Syriens vor. Ankara wirft Moskau vor, damit Assad stärken zu wollen. Die Türkei ist jedoch ein ausgesprochener Gegner des syrischen Machthabers. Russland begehe einen schweren Fehler mit seinen Luftangriffen. Sie seien nicht hinnehmbar, erklärte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan noch im Oktober. Assad gehört wie weite Teile der syrischen Elite der Religionsgemeinschaft der Alawiten mit schiitischen Wurzeln an. Die Türkei will Assad vor allem stürzen, um in Damaskus eine sunnitische Regierung an die Macht bringen zu können.

Russische Beobachter fürchten, dass der Vorfall durch die Türkei gezielt provoziert sein könnte, weil Ankara verhindern möchte, dass Russland nun in die Anti-IS-Koalition aufgenommen wird. Dann könnte es dazu kommen, dass Assad an der Macht bleibt. Nach den Anschlägen von Paris hatten Frankreich und Russland bereits eine militärische "Koordination" in Syrien angekündigt.

Experten sehen bei der Lösung der Syrienkrise schon seit längerem die Türkei als Problemland an. Ankara gilt den großen westlichen Playern als unsicherer Spieler. Zu sehr versuchen die Türken, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. "Manchmal hat man den Eindruck, sie kämpfen mehr gegen die Kurden als gegen den IS", sagte ein westlicher Diplomat der Deutschen Presse-Agentur.

Welche Konsequenzen zieht Russland?

Wladimir Putin drohte am Dienstag, der Vorfall werde ernste Konsequenzen für die Beziehungen beider Staaten haben. Der russische Außenminsiter Sergej Lawrow sagte nach dem Vorfall ein schon länger für Mittwoch geplantes Treffen mit seinem türkischen Kollegen Feridun Sinirlioglu in Istanbul wegen der "wachsenden terroristischen Gefahr" in der Türkei ab. Zugleich warnte er seine Landsleute vor Reisen in die Türkei.

Ab jetzt werden außerdem alle Luftwaffeneinsätze Russlands gegen den IS von eigenen Kampfjets begleitet, wie der Generalstab in Moskau bekanntgab. Zuvor hätten Bomber keinen derartigen Schutz bekommen. Außerdem wurde der russische Raketenkreuzer "Moskwa" demnach angewiesen, vor der syrischen Mittelmeerküste Position zu beziehen und alle Ziele zu vernichten, die Russlands Luftwaffe in dem Bürgerkriegsland gefährden könnten.

Ist der Anti-Terror-Kampf bedroht?

Nach dem Abschuss des russischen Fliegers steht die von der NATO angestrebte Koalition gegen den IS unter Einbeziehung Russlands unter Frage. "Der Abschuss des russischen Kampfjet durch die Türkei ist ein schwerer Schlag für das Ringen um Fortschritte in Syrien und hat selbst die letzten Hoffnungen auf ein breites Bündnis gegen den ISIS-Terror zunichte gemacht", sagte der britische Terror-Experte Davis Lewin gegenüber der "Bild"-Zeitung. "Der Abschuss ist ein schwerer Rückschlag", sagte der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler, der "Huffington Post". Einen Nato-Bündnisfall halte er jedoch "für unwahrscheinlich, weil eine Bewertung des Vorfalls im Moment unmöglich ist. Um alle Einzelheiten zu kennen, müssten beide Seiten Gespräche führen. Doch daran hat zumindest die türkische Seite im Moment kein Interesse."

Moskau signalisiert, dass Russland dennoch zu einem gemeinsamen Militärkommando mit den USA, Frankreich und auch der Türkei im Kampf gegen den IS bereit sei. "Diese Koalition ist eine Möglichkeit", sagte der russische Botschafter in Frankreich, Alexandre Orlow, dem Radiosender Europe 1 am Mittwoch.

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