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28. November 2007, 20:14 Uhr

Die zwei Wahrheiten des Kreml

Russland und die Russen leben in zwei Welten: Es gibt das öffentliche Russland, das aus dem Fernsehen, wo Putin geliebt und verehrt wird und es gibt das andere Russland. stern.de-Kolumnistin Olga Kitowa hat es getroffen.

Mit dem gespiegelten Kreml verhält es sich wie mit der propagierten und der öffentlichen Meinung: Es gibt zwei Wahrheiten© Oksana Yushko/Reuters

Neulich wollte unser Präsident etwas über das russische Leben erfahren und sprach deshalb mit ausgewählten Straßenarbeitern in der sibirischen Stadt Krasnojarsk. Einer von ihnen bat Putin, eine weitere Amtszeit Präsident zu bleiben. Glaubt man den offiziellen Nachrichten, ist die Liebe des Volkes zu Putin nahezu unerschöpflich. Die Menschen in Russland haben scheinbar keine anderen Sorgen als die, was aus unserer glücklichen Heimat ohne Putin wird.

Am selben Tag habe ich auch mit ein paar Arbeitern gesprochen – oder besser gesagt: mit Verkäufern auf einem Technikmarkt in der Nähe der Metrostation „Rischskaja“ im Nordosten Moskaus. Der Markt ist täglich in einer riesigen ungeheizten Halle. Alle frieren, bei uns ist es schon winterlich kalt und die Verkäufer sehen sehr dick aus in ihren Wattejacken, gefütterten Hosen und mächtigen Winterstiefeln. Es sind gibt auch keine Geschäfte, sondern winzige Verkaufswaben, die mit Staubsaugern, Waschmaschinen und anderen Haushaltswaren vollgestellt sind.

Ich habe mit vier Verkäufern gesprochen. Drei von ihnen hatten studiert, sie waren Diplomingenieure, ausgebildet an einer guten Moskauer Hochschule. Der vierte hatte sein Ingenieursstudium nach einem Semester geschmissen: Er hatte kein Geld mehr und sah auch keinen Sinn darin, da er, wie er glaubte, sowieso keine Arbeit in diesem Beruf finden würde. Diese vier stehen sich auf dem kalten Markt im Moskauer Norden beinahe täglich die Beine in den Bauch.

Wie Putin und die Arbeiter sprachen wir über Russland, die Wahlen, Parteien und die „Märsche der Unzufriedenen“ der Opposition. Und über das Leben. Allerdings gehören die Menschen auf dem Moskauer Markt zu einem anderen Russland als zu dem, das Putin kennt. Sie sind das unzensierte und ehrliche Land.

Keiner möchte Putin wählen

Keiner der Verkäufer wollte für die Kremlpartei "Einiges Russland" stimmen, der bei den bevorstehenden Parlamentswahlen etwa 70 Prozent der Stimmen vorhergesagt werden. Darin waren sich sofort alle einig. "Die klauen doch nur das, was Jelzin noch übrig gelassen hat", sagte einer. Und die Alten kriegen winzige Renten, sagte ein anderer, weniger als hundert Euro. "Davon kann keiner leben!" Die kostenlosen staatlichen Schulen seien schlecht, die anderen zu teuer. Die Mieten sind höher als im Westen. Das Fernsehen zeigt nur billige Serien und Nachrichtensendungen berichten darüber, wie toll es ist, in Putins Land zu leben.

"Ich werde die Liberalen von Jabloko wählen", sagte ein Verkäufer. "Ich weiß natürlich, dass die niemals mehr ins Parlament kommen, selbst wenn sie die Sieben-Prozenthürde schaffen. Man nimmt ihnen die Stimmen weg. In der Duma werden kluge Leute nicht gebraucht, nur Leute, die gehorsam abstimmen." Der andere Verkäufer wollte die Kommunisten wählen. Zwei ärgerten sich darüber, dass sie nicht mehr bei "Gegen alle" ankreuzen können, denn diese Spalte ist auf den Wahlzetteln wohlweislich abgeschafft worden.

Alle freuten sich, dass Putin versprochen hat, nicht gegen die Gesetze der Verfassung für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Sie wollen ihn so schnell wie möglich loswerden. Vielleicht würde es dann weniger Korruption geben in Russland, überlegten sie.

Keiner von ihnen glaubt, dass seine Stimme bei den Parlamentswahlen Gewicht hat. Und an ehrliche Wahlen glaubt auch keiner. "Die malen die Zahlen, die der Kreml braucht!", sagten die Männer.

Eigentlich sei es sinnlos, überhaupt in ein Wahllokal zu gehen. Genauso wie früher, in der Sowjetunion. Die Männer hätten noch lange weiter schimpfen können. Aber ich musste gehen, mir war schrecklich kalt.

Die Journalistin Olga Kitowa ...

Die Journalistin Olga Kitowa ... ... schreibt seit vielen Jahren über Korruption und Amtsmissbrauch in Russland. Im Dezember 2001 wurde sie zu zweieinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, wegen angeblicher "Verleumdung, Beleidigung und tätlichen Angriffs" auf Mitglieder der örtlichen Miliz. Ende 2003 wurde ihr in Wiesbaden der Preis der Pressefreiheit vom Deutschen Journalisten Verband verliehen.
Bei stern.de schreibt sie exklusiv und persönlich über Russland vor der Parlamentswahl.

Olga Kitowa
 
 
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