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4. Dezember 2008, 21:50 Uhr

Wladimir Putins Fernseh-Gymnastik

Wladimir Putin hatte alle Mühe, Optimismus zu verbreiten. Die Finanzkrise hat auch die Russen tief verunsichert. In der dreistündigen Fragerunde im TV war der Unmut der Bürger deutlich spürbar. Putin versprach in jedem Fall schnelle Hilfe und zudem Morgengymnastik im Staatsfernsehen. Von Andreas Albes

Wladimir Putin, Russland, Finanzkrise, Putin, Georgien

Wladimir Putin beantwortete drei Stunden Fragen der Bürger im Fernsehen© Natalia Kolesnikova/AFP

Es war etwa Halbzeit in Wladimir Putins traditioneller TV-Fragestunde, als der russische Premierminister zum ersten Mal lächelte. Ein Anrufer wollte wissen, ob es denn stimme, was die Medien über ihn berichteten, dass er Georgiens Präsident Saakaschwili "an einem bestimmten Körperteil" aufhängen will. Die Frage bezog sich auf Zeitungsberichte, wonach Putin gesagt haben soll, Saakaschwili gehöre "an den Eiern aufgehängt".

Putin lehnte sich in seinem blauen Ledersessel zurück und erwiderte, "warum denn nur an einem" bestimmten Körperteil. Dann wurde er wieder ernst, bezeichnete den Angriff georgischer Truppen auf Südossetien im August als Verbrechen; Georgiens Volk würde eines Tages schon selbst erkennen, was es mit seiner politischen Führung am besten anstellt.

Drei Stunden dauerte die beliebte Sendung, die seit 2001 schon zum siebten Mal übertragen wurde. Weit über zwei Millionen Fragen gingen im TV-Studio in Moskau ein, wo 400 verdiente Mitglieder der Putin-Partei "Einiges Russland" auf den Rängen saßen. Ferner war eine U-Bootwerft aus Archangelsk zugeschaltet, eine Bioplantage aus Tartastan, eine Sportschule aus Naltschik im Kaukasus und ein Krankenhaus aus Chabarowsk. Während das Wort "Krise" aus dem täglichen Programm des Staatsfernsehens weitgehend verbannt wurde, um dem Volk die Stimmung nicht zu vermiesen, war es heute der dominierende Terminus.

Putin und die Zahlen

Studiogäste und Fernsehzuschauer wollten wissen, was die Regierung gegen die drohende Massenarbeitslosigkeit tun werde; wie jemand seinen Wohnungskredit zurückzahlen soll, wenn er seinen Job bereits verloren hat; ob der Rubel noch stabil ist; wie viele Banken bankrott gehen würden und welche Auswirkungen die Krise auf das Pensions- und Gesundheitssystem habe.

Putin hatte wie immer bei solchen Anlässen eine Menge Zahlen parat. Die Krise, sagte er, betreffe andere Staaten weitaus schlimmer, Russland verfüge dank des hohen Ölpreises der vergangenen Jahre über Goldreserven im Wert von 450 Milliarden Dollar, diese Mittel werde der Staat zur Lösung der Probleme einsetzen. Trotz allem rechne er für dieses Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 6,8 Prozent, statt der erwarteten 7,5 Prozent; die Inflation werde auf etwa 13 Prozent steigen, von der Arbeitslosigkeit seien gegenwärtig etwa 1,6 Millionen Menschen betroffen. "Von Massenarbeitslosigkeit kann also keine Rede sein."

In Russland, wo die Korruption fast jeden Unternehmer zu illegalen Geschäftsmethoden zwingt, Steuerbetrug als Volkssport betrachtet wird, ein Großteil der Bevölkerung ohne festen Vertrag arbeitet und gerade mal ein Fünftel der Bürger über ein Bankkonto verfügt, sind solche Angaben mit Vorsicht zu genießen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass Russlands Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr auf magere 3,5 Prozent fällt. Was die Arbeitslosigkeit angeht, haben unabhängige Institute ermittelt, dass die Zahl im Oktober bereits bei 4,6 Millionen lag, was einer Quote von 6,1 Prozent entspricht. Und die schlimmsten Kündigungswellen stehen erst noch bevor.

Skepsis ist gewachsen

Putin hatte also alle Mühe, Optimismus zu verbreiten. Er versicherte, das Sozialsystem sei nicht in Gefahr und die Pensionen sicher, er betonte, das Arbeitslosengeld werde auf 4900 Rubel, 140 Euro, erhöht. Wie eine Familie davon überleben soll, sagte er nicht. Auch wenn die über 70 Fragesteller während der Live-Sendung offensichtlich sorgfältig ausgewählt wurden und gravierende Probleme wie Korruption und Überbürokratisierung gar nicht erst zur Sprache kamen, war der Unmut deutlich spürbar.

Da berichtete der Wolgograder Bürgermeister, dass eine wichtige Umgehungsstraße schon seit Jahren nicht weitergebaut werde und die Stadt im Stau ersticke. Ein typisches Beispiel dafür, wie halbherzig sich das an Rohstoffen so reiche Russland um seine Infrastruktur kümmert. Von zu wenig Kindergartenplätzen war die Rede, der schlechten Versorgung mit Medikamenten und der mangelnden Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen. Selbstverständlich sagte Putin auch hier schnelle Hilfe zu.

Morgengymnastik im Staatsfernsehen

Die Bevölkerung steht solchen Versprechungen inzwischen skeptisch gegenüber. Ein couragierter Zuschauer wollte wissen, was es denn gebracht habe, dass Putin seit einem Jahr Vorsitzender der Partei "Einiges Russland" ist. Vage antwortete er, die Arbeit würde nun energischer vorangehen. Per SMS erkundigte sich jemand, warum es nötig war, jüngst die Verfassung zu ändern, damit Russlands Präsident künftig nicht nur vier, sondern sechs Jahre im Amt bleibt. Das sei wichtig, erklärte Putin, weil Russland eben ein großes Land sei. Zu den Spekulationen, ob er seinen Präsidentschaftsnachfolger Dmitri Medwedew, der derzeit übrigens in Indien weilt, über kurz oder lang ablösen werde, erklärte Putin: Die Frage stelle sich nicht vor den Wahlen im Jahr 2012.

Sichtlich erleichtert griff der russische Premierminister gegen Ende der Sendung zu einem Stapel mit ausgedruckten Emails, die leicht verdauliche Fragen enthielten. Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi würden wie geplant stattfinden; wann es in Moskau endlich schneit, könne nur Gott vorhersagen; Neujahr würde er zu Hause verbringen; und selbstverständlich sei es eine gute Anregung, künftig im Staatsfernsehen Morgengymnastik zu übertragen.

Schließlich hatte noch die kleine Dascha aus Burjatien in Sibirien ein Herzensanliegen. Sie lebe zusammen mit ihrer Schwester bei der Großmutter, erzählte das Mädchen mit dünnem Stimmchen, und wünsche sich zu Weihnachten so sehr ein goldenes Kleid. Putin lud die Familie zum Weihnachtsfest nach Moskau ein und gab "Daschinka" noch einen guten Rat mit auf den Weg: Sie solle sich nicht so sehr um ihre eigenen Wünsche kümmern, sondern eher darüber nachdenken, wie sie ihre Großmutter glücklich machen kann.

Von Andreas Albes
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
kopeika (05.12.2008, 08:29 Uhr)
"magere" 3,5% Wachstum in Russland
wir stehen viel bessser da!
Berlin/Brüssel - Der deutschen Wirtschaft droht der Absturz. Eine einer besonders pessimistischen Prognose veröffentlicht jetzt die Deutsche Bank Chart zeigen: Im kommenden Jahr könne das Bruttoinlandsprodukt um bis zu vier Prozent schrumpfen, sagte der Chefvolkswirt der Bank, Norbert Walter, der "Bild"-Zeitung.
Die Wahrscheinlichkeit dafür betrage "rund ein Drittel", sagte der Ökonom. Sollte sich die Prognose sich bewahrheiten, wäre dies die größte Krise seit Bestehen der Bundesrepublik. Als mögliche Ursachen für einen solchen Einbruch nannte Walter unter anderem eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Russland und im Nahen Osten.
keinheiliger (05.12.2008, 08:16 Uhr)
Natuerlich ist es bei uns besser!
Na schoen, Russland ist nicht so demokratisch aufgestellt, wie wir es gerne haetten.
Und ja, natuerlich geht es bei uns demokratischer und auch freier zu. Es werden in der Regel auch keine Journalisten oder gar Oppositionelle umgebracht, weil es gar nicht noetig ist. Unser System funktioniert wesentlich subtiler und eleganter und hat sich doch auch erfolgreich bewaehrt, sogar ohne Wirtschaftskrise. Vielen Menschen geht es von Jahr zu Jahr schlechter, die Niedrigloehne sind nicht mehr den Existenzkosten angepasst, Bildung wird immer weniger Menschen zugaenglich, Gesundheit ist fuer Viele kaum noch bezahlbar, Energiekosten sind zur Zweitmiete mutiert, etc.
MfG
phalancs (05.12.2008, 03:28 Uhr)
@gmathol
bloß nicht. Schau Dir mal die Mensch hier an, dass diese eine solche Stimmgewaltbekommen halte ich für arg gefährlich. DAfür haben wir Politiker und wenn du mit deren Arbeit nicht zufrieden bist, dann werde doch selber einer.
gmathol (05.12.2008, 01:22 Uhr)
Der Westen ist frei?
Eher frei von jeglicher Demokratie. Es ist an der Zeit das endlich das permanente Referendum als 4. Kraft die wirklich unabhaengig sein wird verfassungsmaessig installiert wird.
Die aberwitzigen Militaerabenteuer fuer die USA in Afghanistan waeren damit ganz schnell beendet.
tagora-sagittara (05.12.2008, 01:16 Uhr)
sich wundern??,...
der war doch auch in Heiligendamm dabei,... also weiss er auch was hier geplant und beschlossen wurde!!
Maxi456 (05.12.2008, 00:36 Uhr)
das kann bei uns nicht passieren
Wann hat sich der letze Deutsche Politiker Fragen aus der Bevölkerung gestellt?
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