Sie sollten nach Waffen suchen und entdeckten einen Psychopathen. US-Inspekteure enthüllen in ihrem Irak-Bericht, wie Saddam Hussein sich selbst, sein Regime und Tausende Anhänger in den Untergang bluffte.

Mit wirrem Haar sitzt der gefürchtete irakische Diktator Saddam Hussein kurz nach seiner Festnahme in einem Bauernhaus bei Tikrit© DPA
Eine schwarze Katze, die über die Straße sprang, konnte ihn dazu veranlassen, seine Wagenkolonne wenden und nach Bagdad zurückkehren zu lassen. Sogar eine Plastiktüte, die über die Fahrbahn wehte, galt als schlechtes Omen und veranlasste ihn dazu, unverrichteter Dinge umzukehren", berichtet Ala Bashir, einer der Leibärzte, über die Marotten des einstigen irakischen Tyrannen Saddam Hussein.
Jahrelang war er der Dämon schlechthin, das schnauzbärtige Böse aus dem Zweistromland. Man wusste wenig, traute ihm aber alles zu: Massaker und Massenvernichtungswaffen, Größenwahn und kilometerlange Tunnelnetze unter seinen Palästen. Dass er abergläubisch bis zum Exzess war, außer an sich selbst vor allem an Geister glaubte, wird erst langsam bekannt, seit seine Verwandten und ehemaligen Weggefährten mehr und mehr Details über ihn preisgeben.
Wie sich Saddam Hussein, der vermeintlich streng rational vorging und glaubte, die Regeln der großen Politik zu verstehen, bis in den eigenen Untergang verrannte, hat jetzt der oberste US-Waffenfahnder im Irak in seinem 1200-seitigen Abschlussbericht aufgedeckt. Charles Duelfer enthüllt, wie Saddam Hussein den USA den Grund für ihre Invasion lieferte - indem er bluffte, doch noch Massenvernichtungswaffen zu besitzen, obwohl er seit einem Jahrzehnt keine mehr hatte.
Monatelang ist gerätselt worden über dieses teuerste, tödlichste und absurdeste Missverständnis der jüngeren Geschichte. Washington und Saddam haben in gegenseitiger Unkenntnis des anderen einander völlig missverstanden. So liest sich Duelfers Bericht über weite Strecken eher wie der Forschungsbericht eines Therapeuten als die Bestandsaufnahme eines Waffenfahnders. Die Regierenden in Washington, aber auch die CIA konnten sich schlichtweg nicht vorstellen, dass Saddam sich und sein Land ein Dutzend Jahre lang den amerikanischen Sanktionen aussetzte, geschätzte 100 Milliarden US-Dollar Öleinnahmen abschrieb, wenn er nicht wirklich etwas zu verstecken hätte.
Hatte er aber nicht. Der Möchtegern-Nebukadnezar ließ seine Bestände an Nervengas und Biogiften nach dem verlorenen Golfkrieg 1991 vernichten. Als Saddams Schwiegersohn Hussein Kamil, Chef der irakischen Rüstungsprogramme, 1995 nach Jordanien floh und bereitwillig auspackte, fanden die UN-Waffeninspektoren noch Restbestände. Kamil hatte im CIA-Verhör auch damals schon erzählt, dass es keine Programme zum Bau neuer Waffen gebe. Aber Washingtons Regierende glaubten lieber an Saddams Täuschungsmanöver. Er ließ leere Lastwagen umherfahren und machte die Arbeit der UN-Waffeninspektoren durch seine Schikanen zusehends unmöglich, bis sie 1998 abgezogen wurden und der damalige US-Präsident Clinton die Bombardierung Bagdads befahl.
Saddam bluffte, um daheim, vor allem aber beim Erzfeind Iran, die Befürchtung aufrechtzuerhalten, er habe immer noch ein letztes vernichtendes Ass in den Arsenalen. Gleichzeitig aber glaubte er fest daran, dass die USA über seinen Bluff im Bilde seien. Heillos überschätzte er die CIA, dachte, die Spione wüssten mehr als sein eigener Militärapparat - dass nämlich alle Massenvernichtungswaffen zerstört waren. Über die Abrüstung war nie akkurat Buch geführt worden, was die irakischen Unterhändler Anfang 2003 vor die unlösbare Aufgabe stellte, beweisen zu müssen, dass etwas nicht mehr existiert.
Saddam dachte, die CIA hätte überall Spitzel, so wie er ja auch alles und jeden ausspionieren ließ. Weit gefehlt: Wie das Geheimdienstkomitee des US-Senats im Juli 2004 mitteilte, besaß die CIA mindestens in den letzten fünf Jahren vor dem Krieg keinen einzigen Informanten im irakischen Herrschaftszirkel. Saddam hielt viel mehr von der CIA als deren oberster Dienstherr Bush, der sich lieber auf windige Überläufer verließ als auf seinen Geheimdienst.
Darin einander verblüffend ähnlich, wollten Saddam und Bush überall nur das sehen, woran sie ohnehin glaubten. Alles nur Show, dachte Saddam, als Washington seine Streitmacht in Marsch setzte und seine Verbündeten massiv unter Druck setzte, dem Krieg zuzustimmen. Alles nur Tarnung, vermutete US-Präsident Bush, als bei 731 Inspektionen der UN-Fahnder innerhalb von vier Monaten vor der Invasion keinerlei Beweise für Massenvernichtungswaffen auftauchten. Er hielt Saddam nur für noch gerissener, weil es ihm offenbar gelang, sein ganzes mörderisches Arsenal perfekt zu verbergen.
Selbst die irakische Regierung ließ sich täuschen. Der ahnungslose Rüstungsminister Abdeltawab Mullahweisch machte sich in den Monaten vor der US-Invasion große Sorgen, es könnte in seinem Zuständigkeitsbereich Waffen geben, von denen er nichts wisse, nachdem Präsident Bush in seiner Rede vom Januar 2002 Irak ganz oben in der "Achse des Bösen" eingeordnet hatte - "er konnte nicht verstehen, dass die USA derart drohen, wenn sie nicht glasklare Beweise haben", so Charles Duelfer.