. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
10. Dezember 2003, 10:26 Uhr

Der Tyrann und sein jämmerliches Ende

Verraten von Vertrauten, fiel Saddam Hussein den Amerikanern in die Hände. Die zeigten der Welt den Schlächter von Bagdad als feigen alten Mann. Und zerstörten damit das Bild des heldenhaften Führers.

Schmachvolles Ende: Saddam Hussein mit Vollbart und zersaustem Haar nach seiner Festnahme durch US-Truppen© AP

Wahrscheinlich waren die Bilder des verwahrlosten Mannes, der seinen amerikanischen Doktor willig nach Läusen suchen ließ, das Schlimmste, was man Saddam Hussein antun konnte. "Er ist ein Feigling, nicht mehr als eine Ratte", mokierten sich die Menschen in den einst Saddam City genannten Slums von Bagdad, als sie ihren ehemaligen Unterdrücker nach acht Monaten im Untergrund sahen. "Er sieht aus wie ein Bettler", sagten sie über den alten Mann mit dem Fusselbart, der ihnen einst in den Endlosschleifen des staatlichen Fernsehens oder von Hauswänden herab als "glorreicher Führer", als "Gesalbter", als "Erbe Nebukadnezars" erschienen war.

Während die einen darüber in Jubel ausbrachen, dass Jahrzehnte der Angst und Verfolgung nun zu Ende gingen, und andere sich schämten, dass sie für so einen Menschen und seine Macht ihr Leben riskiert hatten - ein Gedanke einte an jenem Sonntag wohl alle Iraker: Saddam Hussein ist tot. Er hatte sich nicht nur erst lebendig begraben, sondern sich dann auch noch widerstandslos festnehmen lassen.

Dabei hatten die Soldaten der Ersten Brigade der Vierten US-Infanterie-Division keine Ahnung, auf wen sie am Samstag der vergangenen Woche Jagd machen würden. Zusammen mit Special Forces sollten sie ein Gelände etwa 15 Kilometer südlich von Tikrit nach einem "hochwertigen Ziel" durchkämmen. Nicht weit vom Ostufer des Tigris riegelten sie das Gebiet ab, auf dem mehrere Hütten in einem Hain von Dattelpalmen, Orangen- und Zitronenbäumen standen. Die Elitesoldaten der "Einheit 121" sollten mit CIA-Agenten das Gebiet durchsuchen.

20 bis 30 geheime Verstecke

Morgens um 10.50 Uhr hatte das US-Hauptquartier in Bagdad Informationen erhalten, nach denen Saddam Hussein sich in Dawr aufhalten könnte. In den acht Monaten zuvor war er den Suchtrupps der Amerikaner immer wieder entwischt. Elfmal glaubten sie, ihm ganz dicht auf der Spur gewesen zu sein. Doch immer wieder war Saddam Hussein kurz zuvor aus einem seiner 20 bis 30 geheimen Verstecke entschlüpft, darunter mindestens einmal auch aus Dawr.

Um acht Uhr abends hatten die 600 Soldaten ein etwa zehn Quadratkilometer großes Terrain abgeriegelt. Bradley-Schützenpanzer, Humvees und Apache-Helikopter standen bereit. Um 20.26 Uhr drangen Spezialeinheiten in die Sperrzone vor. Sie durchsuchten zwei Bauernhütten, fanden aber nichts. Schließlich sahen sie, wie zwei Männer im Schutz der Dunkelheit zu entkommen versuchten. Die GIs konzentrierten sich nun auf ein Gebäude, das eher einem Verschlag als einer Hütte glich. Auf dem Bett darin lagen mehrere neue Kleidungsstücke verstreut, darunter T-Shirts und Socken, einige noch verpackt. Bei einem Schafstall parkte ein orange-weißes Taxi. Am Flussufer hatte jemand mehrere Boote vertäut. Die Offiziere waren sich sicher, dicht auf der Spur einer wichtigen Person zu sein.

Unklar ist bis heute, ob die beiden vergebens fliehenden Iraker oder verschüchterte Bewohner der Hütten den entscheidenden Hinweis gaben. Die Soldaten fanden nach diesem Tipp im Hof ein Loch, das mit einer Styroporplatte und einem alten Teppich bedeckt war. Darüber lagen Steine und Dreck.

Als die Soldaten die Verkleidung entfernten, entdeckten sie darunter einen Schacht, der in eine etwa zwei Meter tiefe Erdhöhle führte. Sie mussten Schaufeln einsetzen, um sich Zugang zu verschaffen.

Kaninchenbau mit Gebläse

Wie in einem Kaninchenbau, kaum größer als er selbst, lag dort der Mann, dessen Bunker noch vor wenigen Monaten prächtiger waren als die Häuser seiner meisten Landsleute. Neben sich ein Gebläse, das Frischluft ins Loch pustete, und ein zweites Rohr, das als Urinal diente. Der Mann sah "überrascht und äußerst verwirrt" aus. Er hielt eine Pistole in Händen, ließ sich aber widerstandslos festnehmen. Als ein Soldat ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er: "Ich bin Saddam Hussein. Ich bin der Präsident des Irak. Und ich bin bereit zu Verhandlungen." Der Soldat erwiderte: "Beste Grüße von Präsident Bush."

Amerikas Staatsfeind Nummer eins war in die Hände seiner ärgsten Widersacher gefallen - der größte Erfolg für US-Präsident Bush seit dem Fall von Bagdad. Und es war der Erfolg einer neuen Taktik der US-Armee nach Monaten intensiven, aber vergeblichen Suchens, in denen ihnen meist nur unschuldige Iraker bei Razzien in die Hände gefallen waren. Einmal sogar der CBS-Nachrichtenmann Dan Rather. Seit die Agenten der CIA aber eine Liste der engen Mitarbeiter des ehemaligen Diktators zusammengestellt hatten, bis hin zum letzten Leibwächter oder Koch, hatte sich der Kreis um Saddam immer enger gezogen. In den Verhören der vergangenen Woche gaben Angehörige von einigen dieser Saddam-Mitarbeiter anscheinend wichtige Hinweise. In Ouja, dem Geburtsort des Diktators, redeten sich am Montag alle die Köpfe heiß, wer Saddam verraten haben könnte. Zwei Versionen machten die Runde: Entweder war es der zehn Tage zuvor verhaftete Leibwächter Mohamed Rijab Hadauschi, oder eine Nachricht an seine zweite Frau Samira wurde Saddam zum Verhängnis, weil deren Bruder überwacht wurde. Der Durchbruch war am Freitag gekommen, als US-Soldaten eines der Verstecke Saddams in Bagdad entdeckten und einen Iraker festnahmen.

Die Amerikaner fanden Saddam dort, wo sie ihn eigentlich immer vermutet hatten: Nicht weit von den Palästen in Tikrit zogen sie ihn am vergangenen Wochenende aus einem Erdloch. Und nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort, wo er 60 Jahre zuvor als Gelegenheitshirte seinen Lebensunterhalt hatte verdienen müssen. Der Aufstieg vom vaterlosen Kind in einer patriarchalischen Gesellschaft, das darauf hoffen konnte, eines Tages Besitzer von ein paar Schafen zu werden oder Kellner in der nächsten Stadt - der Aufstieg von einem Sohn der Gasse zum Tyrannen vom Tigris war absolut ungewöhnlich.

Zu danken hatte es der junge Mann zunächst vor allem seinem Onkel Khairallah Tulfah, der den Achtjährigen zu sich nahm. Der einstige Offizier schickte Saddam zur Schule, brachte ihm das Schießen bei und erzog ihn im Hass gegen die britischen Besatzer, Schiiten und Juden.

"Es genügt nicht, eine Idee zu bekämpfen"

Seine einzige Chance, im Irak der fünfziger Jahre Karriere zu machen, war die Armee. Doch Saddam Hussein fiel bei der Aufnahmeprüfung zur Militärakademie durch. So ging er in die Politik, um seinen ungeheuren Ehrgeiz zu befriedigen. "Es genügt nicht, eine Idee zu bekämpfen. Damit sie verschwindet, muss man den Menschen, der sie vertritt, eliminieren", hatte der Gründer der Baath-Partei, Michel Aflak, einmal gesagt. Der Spruch schien zu Saddams Lebensmotto zu werden.

  zurück
1 2
 
 
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe