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Er tötete, wen er wollte

Das Ende des Diktators ist das Ende eine Ära der Angst. Im Größenwahn forderte er die USA heraus und verlor. 24 Jahre regierte Saddam Hussein das Land mit eiserner Hand. Er blieb den Irakern ein Fremder.

Von Stefanie Rosenkranz

Er erschien wie ein Tyrann aus längst vergangenen Zeiten, mit seinen Palästen und seinen Leibköchen, mit seinen Vorkostern und seinen Doppelgängern, mit seinen Schwimmbädern und seiner Familie, die Borgias wirkten dagegen wie die Schröders. Er war ein Dämon mit seinem Giftgas und seinen Methoden. Seinen Opfern ließ er die Augen ausstechen. Oder die Nase abschneiden. Oder die Brüste. Oder die Lippen. Manchmal ließ er ihnen die Füße abhacken. Gelegentlich sorgte er dafür, dass man Nägel in ihre Körper schlug.

Meistens ließ er sie zum Schluss töten. Manchmal aber ließ er sie frei, und dann mussten sie so tun, als sei nichts gewesen. Es war besser so für sie. Denn er war überall, er war alles. Er war "der Gesalbte", "der glorreiche Führer", "der weise Lenker", "die Sonne". Er war Präsident des Irak, Chef des Revolutionsrats, Feldmarschall, Doktor der Rechtswissenschaften, Großonkel seines Volkes. Und sein Volk musste ihn lieben, immer mehr, daran durfte kein Zweifel aufkommen. Vergangenes Jahr wählte es ihn mit 100 Prozent zum Staatspräsidenten, sieben Jahre zuvor waren es bloß 99,96 Prozent gewesen; man fragt sich, was in der Zwischenzeit aus den 0,04 Prozent geworden war und denkt an Friedhöfe.

Er ließ sich feiern als Erbe Nebukadnezars, als Erbe des Propheten und des Kalifen Harun al-Raschid, als Erbe des Sultans Saladin und des Ägypters Nasser; er ließ sich abbilden als Beduine, als Familienvater, als Soldat, als Gläubiger, als Gärtner, als Kurde, als Wandersmann, als Staatsmann, als gütiger Mann, als lachender Mann, als ganz normaler Mann, als riesengroßer Mann, als der einzige Mann. Er war Vergangenheit und Gegenwart. Die Zukunft ist er nicht mehr.

24 Jahre lang regierte Saddam Hussein den Irak

wie einst sein Vorbild Nebukadnezar in Babylon, über den es in der Bibel heißt: "Er tötete, wen er wollte; er ließ leben, wen er wollte; er erhöhte, wen er wollte; er demütigte, wen er wollte." Jetzt, nach weit mehr als Tausendundeiner Albtraumnacht, ist seine Ära zu Ende; zum Schluss glich Saddam nicht mehr Nebukadnezar, sondern dessen Sohn Belsazer, dem eine Schrift an der Wand erschien, Mene mene tekel u parsin, "Gott hat dein Königtum gezählt und beendet, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden, dein Reich ist zerteilt."

Nur hatte Gott hier nicht die Hand im Spiel. Es waren die USA, die sein Reich beendeten. Und nicht, weil sie ihn für zu leicht befunden hatten, sondern für zu schwer. Zu schwer, zu ehrgeizig, zu arrogant, zu gefährlich. Schrecklich sind auch andere anderswo und furchtbar. Nur verfügen die nicht über zehn Prozent der weltweiten Ölreserven. Auch kennen sie die Unterwerfungsrituale, die der Supermacht gebühren. Saddam aber waren Demutsgesten fremd, es sei denn, er war ihr Empfänger. Er wollte, dass sein Land "das Grab der amerikanischen Hegemonie wird", wie noch kürzlich einer seiner Schranzen Besuchern in Bagdad mitgeteilt hatte. Auch wenn es dabei das Grab seines Volkes und sein eigenes würde. Er hätte abtreten können in letzter Minute. Doch er hat seinen Untergang gewählt.

"Herrsche oder stirb, der Rest ist Kommentar",

so umschrieb der amerikanische Journalist Thomas Friedman die Grundregel nahöstlicher Politik. Niemand hatte diese Maxime mehr verinnerlicht als Saddam Hussein. Sie hatte nicht nur sein Überleben an der Spitze arabischer Politik garantiert, jener eigentümlichen Welt ohne Freunde, dafür aber mit Agenten und übervollen Gefängnissen. Er kennt sie, seit er als Sohn einer Analphabetin im Dorf Ouja nahe der Provinzstadt Tikrit in einer der ärmsten und unwirtlichsten Gegenden des Irak am 28. April 1937 geboren wurde. Seine Geburt war "kein freudiges Ereignis, und keine Rosen bedeckten meine Wiege", erzählte Saddam später seinem Biografen Amir Iskandar.

Bevor er zur Welt kam, war sein Vater Hussein al-Majid verschwunden, und niemand weiß, ob er gestorben war oder geflohen vor seiner dominierenden Frau Subha Tulfah. Die verheiratet sich bald nach Saddams Geburt mit einem Taugenichts, der den Stiefsohn schlägt. Die Familie schläft in einem Zimmer auf dem Boden, es gibt weder Wasser noch Strom.

Die Bewohner von Ouja, allesamt sunnitische Beduinen, gelten als zäh, gewalttätig und verschlagen. "Die einzige Loyalität, die sie kennen, ist diejenige zu ihrer Familie, zu ihrem Dorf. Man kann lügen, betrügen, stehlen und selbst töten, all das wird hingenommen, solange man ein loyaler Sohn seines Klans bleibt", schreibt der irakische Journalist Saad al-Bazzaz, geflohen 1992, über die Welt des jungen Saddam. Am besten aber, man wird vom Sohn zum Chef des Klans, dann kann man auch Klan-Mitglieder eliminieren. Saddams Lieblingsfilm, kein Wunder, ist die mörderische Mafia-Saga "Der Pate".

Er wächst heran in einer gewalttätigen Familie

in einem harten Land. Der Irak war ein 1921 von den Briten aus drei Provinzen des Osmanischen Reichs geschaffenes Kunstprodukt mit einem Import-Monarchen an der Spitze, bewohnt von Schiiten, Sunniten, Kurden, Turkmenen und Christen, die einander befehdeten, wenn sie nicht gerade versuchten, das Regime zu stürzen (allein zwischen 1936 und 1941 gab es sechs Putschversuche). Die Menschen von Ouja gehören zum Bodensatz der neuen Nation. Und Saddam, vaterloses Kind in einer patriarchalischen Gesellschaft, ist der Elendste unter den Elenden, ein "ibn aziqa", ein Sohn der Gasse, der mit sechs nicht zur Schule geschickt wird, sondern barfuß als Gelegenheitshirte arbeiten muss. Seinesgleichen kann darauf hoffen, eines Tages Besitzer von ein paar Schafen zu werden – oder es in der nächsten Stadt zum Kellner zu bringen.

Die steile Karriere der Halbwaise aus der Steppe, beeindruckend auch nach westlichen Maßstäben, hat im traditionellen Irak kein Beispiel. Mit 31 Jahren ist Saddam Vizepräsident des Landes, Chef der allmächtigen Sicherheitsdienste sowie stellvertretender Generalsekretär der Baath, der Partei der Wiedergeburt, einer panarabischen, mehr national als sozialistisch eingefärbten Bewegung.

Zu verdanken hat er diesen Aufstieg Khairallah Tulfah,

einem Onkel, der den Achtjährigen zu sich nimmt. Der Ex-Offizier, 1941 wegen Verschwörung aus der Armee entlassen und seither Lehrer, schickt Saddam zur Schule, bringt ihm das Schießen bei, erzieht ihn zum Hass gegen die Briten, die Schiiten und die Juden. Er gibt Saddam seine Tochter Sajida zur Frau. Im Gegenzug macht sein Neffe ihn später zum Bürgermeister von Bagdad.

Die einzige Aufstiegsmöglichkeit für gescheite Landeskinder ohne Geld ist damals die Armee, doch Saddam, der spätere Oberbefehlshaber der Streitkräfte und General von eigenen Gnaden, versagt nach dem Schulabschluss bei der Aufnahmeprüfung für die Militärakademie. Als Sprungbrett für seine ungeheuren Ambitionen dient ihm fortan die Politik. Treibhaus seines Ehrgeizes ist die Baath-Partei, deren Gründer Michel Aflak die Ansicht vertritt: "Es genügt nicht, eine Idee zu bekämpfen. Damit sie verschwindet, muss man den Menschen, der sie vertritt, eliminieren." Dieses so schlichte wie brutale Weltbild wird Saddam später mit stalinistischen Weisheiten bereichern; gern zitiert er die Devise seines großen sowjetischen Vorbilds: "Wo ein Mensch ist, ist ein Problem, wo kein Mensch ist, ist kein Problem."

Im Eliminieren übt sich Saddam schon als Teenager.

Er ist erst 19, als er an einem gescheiterten Umsturzversuch gegen die Monarchie teilnimmt. 1959 versucht er sich erneut als Killer. Mit einigen Mitverschwörern versucht er, General Abdel Karim Kassem zu ermorden, der den Irak ein Jahr zuvor zur Republik gemacht hat. Doch Saddam schießt zu früh. Kassem überlebt, Saddam wird ins Bein getroffen. Seit er selbst herrscht, muss jedes irakische Schulkind lernen, wie der junge Held sich einst mit einer Rasierklinge die Kugel aus dem Fleisch schnitt, zu Pferde den Tigris erreichte, den Fluss durchschwamm, die Wüste durchquerte und zu guter Letzt auf einem dicken Motorrad der Marke Norton in Syrien ankam.

1963 taucht Saddam wieder in Bagdad auf, nach einem erneuten Putsch will er endlich in der Regierung mitmischen. Stattdessen landet er, inzwischen verheiratet mit Sajida, für zwei Jahre im Gefängnis. Fünf Jahre später ist es so weit: Nach einem weiteren Coup ist Saddam angelangt, wo er schon immer hinwollte, an der Macht. Zwar muss er sie teilen mit einem Verwandten, dem Staatspräsidenten Ahmed Hassan al-Bakr, doch in Wahrheit hält er mit seinen Sicherheitsdiensten allein die Fäden in der Hand.

Als al-Bakr elf Jahre später in den nicht ganz freiwilligen Ruhestand geht, hat Saddam den Irak bereits vollständig verändert: Unter seiner Ägide wurden 1972 die Erdölquellen des Landes verstaatlicht; der Irak wird zu einem der reichsten Staaten der Region. Anders als der Schah im Iran lässt er das Volk teilhaben am Boom. Nicht, weil er es liebt, sondern weil er es fürchtet, so sein Biograf Said Aburish. Wie Stalin glaubt er, dass satte Menschen nicht rebellieren. Krankenhäuser, Schulen, Straßen, Eisenbahnen werden gebaut, Elektrizität erreicht jetzt auch entlegene Dörfer wie Ouja, die Armen erhalten gratis Kühlschränke und Fernseher, in denen sie immerfort Großonkel Saddam nebst zwei Söhnen und drei Töchtern ansichtig werden dürfen. Die Frauen bekommen den gleichen Lohn wie die Männer, eine Landreform wird durchgeführt, das Volk alphabetisiert.

Letzteres funktioniert schon deswegen so gut, weil der Tyrann jeden, der schwänzt, ins Gefängnis steckt.

Außenpolitisch verbündet sich der Irak

mit der Sowjetunion und genießt das Wohlwollen der Franzosen. Weil laut Saddam „kein Land, das seine Waffen importieren muss, unabhängig ist“, beginnt er ein gigantisches Aufrüstungsprogramm, und alle aus Ost und West stehen Schlange, um mitzuverdienen.

Wen interessiert es da schon, dass es im Irak viel zu essen, aber nichts zu lachen gibt, dass längst "die Angst der Zement ist, der die Gesellschaft zusammenhält", wie der Exil-Iraker Samir al-Khalil schreibt? Das satte Volk ist zum Komplizen des Grauens geworden, als eine halbe Million Zuschauer 1969 freudig der Hinrichtung von 14 Menschen auf dem "Platz der Befreiung" in Bagdad beiwohnten. Es ist die grausige Ersatz-Revolution der Baath-Partei, eine blutige Kommunion.

Als Saddam wenige Tage nach al-Bakrs Rücktritt

Zigarren rauchend und unter Tränen alle Mitglieder des Revolutionsrates zusammentrommelt und mehrere Dutzend "Verschwörer" unter ihnen enttarnt, applaudieren die Übriggebliebenen nicht nur frenetisch; sie werden die "Täter" anschließend auch eigenhändig erschießen, vor laufender Kamera. "Weder Stalin noch Hitler hätten sich derlei ausgedacht", schreibt al-Khalil.

Unter den Opfern ist auch Saddams Weggefährte Adnan Hamdani, dessen Witwe er kurz darauf einen Kondolenzbesuch abstattet. Schluchzend versichert er der entsetzten Frau, er habe ihren Mann geliebt "wie seinen Bruder", indes habe er ihn "für die Sache" opfern müssen.

"Die Sache", das ist keine Ideologie und kein Glaube,

das ist er selbst, Saddam. Er tötet vor allem diejenigen, die ihm gefährlich werden könnten, weil sie ihm nahe stehen, etwa seine Schwiegersöhne. Die fliehen aus Angst vor seinem Sohn Uday 1995 nach Jordanien und kehren im Jahr darauf groteskerweise zurück. Uday, der auch schon mal einen Domestiken erschlug, soll ihre Exekution persönlich überwacht haben.

"Die Revolution wählt sich ihre Feinde selbst", sagt Saddam, und auch: "Wir müssen die Erwachsenen mit ihren Söhnen umzingeln." Frauen fürchten sich vor ihren Männern, Eltern vor ihren Kindern, Spitzel vor anderen Spitzeln. Saddam verwandelt den Irak in ein Land der Lüge und des Schreckens, wo es tausendundeine Art gibt zu sterben, aber nur zwei zu überleben – die Mitwisserschaft und die Mittäterschaft. Es gibt keine Unschuldigen mehr, dafür hat er gesorgt.

Und der Westen ebenfalls.

Denn was sind schon im Angesicht ihrer Eltern gefolterte Kinder gegenüber dem unberechenbaren Fanatiker Ayatollah Khomeini, der 1979 die Allmacht im Iran ergreift? 1980 startet Saddam seinen Angriff auf den fundamentalistischen Nachbarn, wobei ihm die Großmächte bereitwillig mit Waffen unter die Arme greifen. Aus dem erhofften Blitzsieg wird ein achtjähriger Stellungskrieg, der mit einem Patt endet und den Irak 120000 Tote und mehr als 300000 Verletzte kostet. Als der Tyrann Giftgas gegen Khomeinis Gotteskämpfer und später gegen die Kurden in Halabja einsetzt, löst das im Ausland nicht mehr als ein indigniertes Hüsteln aus.

Erst als Saddam 1990 die gigantische Tankstelle Kuwait überfällt, macht der Westen gegen ihn mobil, schlägt ihn – und lässt ihn gewähren, als er nach dem Krieg seine Republikanischen Garden auf die rebellischen Schiiten und Kurden hetzt. Das Embargo, das anschließend gegen den Irak verhängt wird, schwächt nicht Saddam, sondern sein Volk.

Der Tyrann hatte bis zum jetzigen, seinem letzten Krieg

noch nie verloren, trotz all seiner Niederlagen. "Ein erniedrigter Araber", schreibt der Araber Gérard Khoury, "empfindet keine Schuld, sondern Schmach. Wer sich schuldig fühlt, kann seine Fehler erkennen. Für die Schmach jedoch ist man nicht verantwortlich. Schuldig sind die, die sie einem zugefügt haben. Man will die Revanche."

Saddam wird sie nicht mehr bekommen, sein Spiel ist aus. Doch es wird keinen Sieger geben in diesem Krieg. Millionen von Menschen empfinden so, wie es in einem Pamphlet geschrieben stand, das 1920 an den Häuserwänden von Damaskus hing, nachdem die Siegermächte des Ersten Weltkrieges das Osmanische Reich unter sich aufgeteilt hatten. "Eine Nation lebt in Angst, und Wut erneuert ihren Hass. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen: Die Araber haben den Tumult eurer Versammlungen gehört, wo ihr entscheiden wolltet über die Verteilung des Landes, und sie haben verstanden, dass ihr nichts seid als Wölfe."

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