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11. April 2010, 18:59 Uhr

Der Präsident kommt nach Hause

Lech Kaczynski ist wieder in der Heimat. Die polnische Flagge umhüllt seinen Sarg. Am Flughafen trauert die Familie, die Staatsspitze ringt um Fassung. Nur seine Mutter weiß von nichts. Von Mariusz Matwiejczuk, Warschau, und Christoph Schäfer

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Der Sarg von Lech Kaczynski auf dem Flughafen in Warschau: Auf Knien erweist ihm sein Bruder Jaroslaw die letzte Ehre© Kacper Pempel/Reuters

Die Familie wartet am Flughafen, bereit, ihren Verstorbenen in Empfang zu nehmen. Die polnische Staatsflagge umhüllt den großen, schwarz-braun lackierten Sarg mit der Leiche von Lech Kaczynski. Sein Bruder Jaroslaw ist ebenso zum Flughafen gekommen wie seine Tochter Marta und die kleinen Enkelinnen Ewa und Martyna.

Einzig Lechs Mutter Jadwiga, 84 Jahre alt, liegt im Krankenhaus und weiß von nichts. Die Ärzte haben der Familie abgeraten, ihr die Nachricht mitzuteilen. Zu sagen, dass große Teile der polnischen Elite bei einem Flugzeugabsturz am Samstagmorgen in Russland ums Leben kamen. Darunter auch ihr Sohn Lech, der Staatspräsident.

Jaroslaw hingegen musste seitdem wohl mehr sehen, als ein Mensch normalerweise aushalten kann: Noch am Tag des Unglücks war er nach Smolensk gefahren, um die sterblichen Überreste von seinem Zwillingsbruder und dessen Frau Maria zu identifizieren. Seinen Bruder konnte er erkennen, bei Maria musste er passen. Die Leichen sind so stark verbrannt, dass auch eineinhalb Tage nach dem Unglück erst 24 der 96 Toten identifiziert sind. Im Krankenhaus aber, wo Jaroslaw Kaczynski in den vergangenen Stunden die meiste Zeit verbrachte, musste er all das für sich behalten, durfte sich bei seiner Mutter nichts anmerken lassen.

Die Staatsspitze ringt um Fassung

Auch beim feierlichen Empfang am Flughafen muss sich der Spitzenpolitiker weiter zusammenreißen. Nach den militärischen Ehren kniet sich die Familie nacheinander vor den Sarg. Minutenlang verharren sie in dieser Position, das Land hält den Atem an. Der amtierende Staatschef Bronislaw Komorowski, Ministerpräsident Donald Tusk, die ganze Staatsspitze ist gekommen und ringt noch beim anschließenden Trauergottesdienst um Fassung.

Nicht anders ergeht es vielen Zuschauern, als eine schier endlose Wagenkolonne den Sarg zum Präsidentenpalast bringt. Dort ist er inzwischen in der Kapelle aufgebahrt worden. Schon Stunden vorher waren die Bürgersteige an der Strecke in die Innenstadt voller Menschen, mittlerweile sind Zehntausende gekommen, mindestens. Aus allen Richtungen strömen sie noch immer ins Zentrum, Blumen und Grablichter in den Händen. Auf ihrem Weg sehen sie weiß-rote Fahnen mit schwarzen Streifen, die an Häusern, Autos, Bussen und Armeefahrzeugen hängen. Alle Medien senden in schwarz-weiß.

Die Menschen selbst sind feierlich angezogen, aber das ist sonntags nichts Ungewöhnliches in Polen. Der letzte Tag der Woche ist hier Kirchentag. Die meisten haben sich direkt nach dem Kirchgang auf den Weg zum Präsidentenpalast gemacht, ihre Trauer ist deutlich zu spüren, man sieht sie aber auch in den Gesichtern.

"Ich bin hier, um mich mit den Familien in ihrem Schmerz zu vereinen, mein Beileid zu bekunden und mich in das Kondolenzbuch einzutragen", sagt eine alte Frau mit Kopftuch. Sie spricht aus, was alle hier denken. Die Leute sind still, nachdenklich. Keiner lacht. Alles bewegt sich irgendwie langsamer, sogar Fußgänger werden nicht mehr angehupt, wenn sie den Zebrastreifen überqueren. An diesem nationalen Trauertag werden sie von den Autofahrern vorgelassen - was normalerweise nie passiert.

"Wir müssen ja weiter leben"

Nach Warschau gekommen sind auch viele Familien der Katyn-Opfer von 1940. Damals hatten an diesem Ort Russen etwa 20.000 Polen umgebracht und so quasi die gesamte Elite des Landes ausgelöscht. Nun, 70 Jahre später, wollte Lech Kaczynski dort mit der russischen Staatsspitze der Opfer des Massakers gedenken – und wurde selbst zum Opfer.

"Es ist ein Drama für uns, es hat uns so mitgenommen, dass es schwer zu beschreiben ist", stammelt Kazimierz Kasprowicz, dessen Onkel 1940 in Katyn ermordet wurde. "Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen", sagt er, "aber wir müssen ja weiter leben."

Auch Adam Boniecki Priester, Chefredakteur der Wochenzeitschrift "Tygodnik Powszechny", ringt um die richtigen Worte. "Es ist eine große Erfahrung der Zerbrechlichkeit des Menschen: Der Tod traf Menschen, die dank des Fernsehens jeden Tag zu Gast bei Millionen Menschen waren." Die gemeinsame Trauer vereine nun seine Landsleute, sagt er. Und: "Ich hoffe, es wird lange halten."

Von Mariusz Matwiejczuk, Warschau, und Christoph Schäfer
 
 
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