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8. Dezember 2008, 14:06 Uhr

Allianz gegen sture Merkel

Für diplomatische Gepflogenheiten herrscht ein rauer Ton vor dem EU-Gipfel. In Paris ist man entsetzt über den "isolatorischen Kurs" von Kanzlerin Merkel, London ist enttäuscht, dass Deutschland keine Konjunktur-Impulse gebe. Aus Berlin tönt es dazu: "Ohne Deutschland geht nichts."

EU-Gipfel, Sarkozy, Brown, Merkel

Protagonisten im europäischen Machtspiel (v.l.): Gordon Brown, Nicolas Sarkozy und Angela Merkel als Keramikfiguren© Albert Gea/Reuters

Manche sprechen in Paris von einer Umzingelung Deutschlands vor dem EU-Gipfel: Erst suchte Nicolas Sarkozy den Schulterschluss mit den ostmitteleuropäischen Ländern für einen Klima-Kompromiss, dem sich Deutschland nicht mehr entziehen könne. Und dann flog der EU-Ratspräsident am Montag nach London, um mit Premierminister Gordon Brown eine entsprechende Allianz bei der Krisenbekämpfung zu schmieden. Klima- und Konjunkturpaket sind die zentralen Themen des EU-Gipfels am Donnerstag und Freitag.

Das Treffen Brown-Sarkozy erhöht den Druck auf Berlin, für die Konjunktur den Geldhahn weiter aufzudrehen. Fast trotzig erklärt der Berliner Regierungssprecher Thomas Steg: "Wer auch immer sich trifft, der tut das in dem klaren Bewusstsein, dass ohne Deutschland nichts geht." Dabei läuft die Konjunkturpolitik von Paris und Berlin erstaunlich parallel. Beide legen Zwei-Jahres-Programme in der Größenordnung von 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf. Beide zielen vor allem auf die Infrastruktur und Liquidität und vermeiden möglichst langfristige Mehrausgaben. Und beide warten vor weiteren großen Schritten auf den künftigen US-Präsidenten Barack Obama.

Merkel auf "isolatorischem Kurs"

Es hilft nichts. Der Élysée-Palast streut, Angela Merkel müsse man zum Jagen tragen. Die linke "Libération" bescheinigt der Kanzlerin einen "isolationistischen Kurs" und der konservative "Figaro" äußert gar sein "Erschrecken über die große Kehrtwende der deutschen Politik". Das "deflationistische und konservative germanische Europa" mit "Deutschland und seinen Satelliten" Polen und Tschechien stemme sich gegen den Konsens, der von Washington über Moskau, Rom, London und Madrid bis Paris reiche, meint das regierungsnahe Blatt.

Paris und London machen Druck auf Berlin, weil Deutschland etwas besitzt, was sie nicht haben: Spielraum im Haushalt. Die große Koalition hat es geschafft, das Defizit praktisch auf null zu fahren, während Sarkozy und Brown vor großen Haushaltslöchern stehen. Doch die "tugendhaften" Deutschen wollen nicht für die "Verschwender" in der EU einspringen. Jeder Vorschlag aus Paris oder Brüssel laufe "im Zweifelsfall darauf hinaus, dass die Deutschen zahlen", sagt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück.

Auch London sei "enttäuscht, dass Deutschland keine aggressiveren Konjunkturimpulse gebe", schreibt der "Guardian". Als Grund für Merkels Knauserigkeit vermuteten britische Minister die "persönliche Feindseligkeit" zwischen ihr und Sarkozy, schreibt das Londoner Blatt. Doch aus deutschen Kreisen heißt es, Berlin wolle sich auch nicht von Brown die Richtung diktieren lassen, der einst Merkel die Vorzüge der freien Finanzmärkte pries und als Finanzminister den Gang der Banken in die Pleite nicht kommen sah.

Warten auf Obamas Amtsantritt

Der Berliner Geldhahn bleibt also zu. Jedenfalls bis Weihnachten. Am 5. Januar wird die große Koalition die Lage analysieren und im Februar oder März dürfte sie nach Pariser Einschätzung ein neues Konjunkturpaket auflegen. Frankreich werde dann ebenfalls nachlegen, meint Sarkozys Reformvordenker Jacques Attali.

Denn vom 20. Januar am ist Obama in den USA am Ruder. Und er wird immensen Druck machen, dass die Europäer sein Konjunkturprogramm mit weiteren Milliarden unterstützen. Bis dahin, meinen Experten, wollen Berlin und Paris ausreichend Pulver für ein neues Ausgabenfeuerwerk trocken halten. Sarkozy bereitet sich auf alle Eventualitäten vor und hat seinen "Leutnant" Patrick Devedjian zum "Minister für die Wiederankurbelung der Wirtschaft" gemacht. Gemeinsam mit Brown hält er aber den Druck auf Berlin aufrecht. Nur Deutschland mit seinem starken Außenhandel könne in Europa eine starke Konjunkturlokomotive sein, heißt es im Élysée-Palast.

Paris: Merkel durch Vorwahlkampf gelähmt

Dass die Bundesregierung "ihren Spielraum nicht nutzt", führt man in Paris auf den Vorwahlkampf in Deutschland zurück. Merkel habe ihre Kampagne auf die Haushaltskonsolidierung aufbauen wollen. Und die SPD setze wegen der starken Konkurrenz der Linken auf ein neues Bündnis mit Merkel.

Die "Figaro"-Edelfeder Alexandre Adler spricht von einer "völligen Anpassung der SPD an die Konservativen der CDU", weil der "rechte SPD-Flügel um Steinbrück" dafür sorgen wolle, dass "die Große Koalition erneuert wird". Deshalb gebe es "das doppelte Risiko eines Erdbebens in der deutschen Politik und eines Bruchs in der Euro- Zone".

Hans-Hermann Nikolei, DPA
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Heizkessel (08.12.2008, 17:06 Uhr)
"Merkel durch Vorwahlkampf gelähmt." - Ahja..
Das "deflationistische und konservative germanische Europa" mit "Deutschland und seinen Satelliten" Polen und Tschechien stemme sich gegen den Konsens..." - Wie bitte? Sehr kreative Wortwahl, um diplomatisch zu sein....
Frau Merkel, Sie haben nicht mal mehr ein Jahr Zeit, allen zu zeigen, daß Sie zurecht zur Bundeskanzlerin gewählt wurden und dieses auch unbedingt zukünftig bleiben sollten..
Ich bin gespannt...
walhalla (08.12.2008, 16:57 Uhr)
Arbeitendes Volk
gibts immer noch. 1 Million geht arbeiten, und kann vom Einkommen nicht leben. 7 Millionen haben den Hartzer Roller erwischt.Rund 30 Millionen gehen arbeiten, und hadern mit dem Finanzamt, mit der Krankenkasse, und dem Einzelhandel.Eine hauchdünne Minderheit von sagen wir mal 100 Tausend lobt den Abend schon vor dem Morgen. Und nur für die schuftet Frau Merkel.Komisch, ne.
guenti2477 (08.12.2008, 16:33 Uhr)
@laeppe
Aus welchem Grund sollte man Hartz IV erhöhen? Für das arbeitende Volk Steuern senken wäre eher angebracht. Sonst arbeitet irgendwann keiner mehr.
starmax (08.12.2008, 16:19 Uhr)
Ist hier eigentlich klar,
daß auch Europa mit auf dem Spiel steht?
Mal abgesehen davon, daß alle (wirklich alle) Maßnahmen nur in die Hyperinflation führen und zur Geldreform mit Vernichtung von Papiergeldvermögen : Wenn unsere Märkte wegbrechen, sitzen wir genauso auf unseren Schulden rum, wie die anderen auch. Der Binnenmarkt erkonnt zum Schwarzmarkt.
Ich gebe es jedem gern schriftlich: Je länger man die Reform
hinausschiebt, um so tiefer wird der Sturz - und um so härter die Maßnahmen gegen die Verursacher. Die Geschichte lehrt es, auch gerade in Griechenland
Marty_D (08.12.2008, 16:14 Uhr)
ist es zu glauben
nein mit angie spielen wir nicht mehr...
Hallo Europa Kindergarten es sterben menschen jetzt gerade. Hunger Kinderarmut etc.
Stimmt es gibt ja sonst keine Probleme in Europa und der Welt. Danke liebe Europa Politiker.
laeppe (08.12.2008, 16:12 Uhr)
Erhöhung von Hartz IV - Grundeinkommen
sparsame Autos, Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen, hohe Einkommen hoch besteuern ohne Schlupflöcher,
neue Energiepolitik - es gibt viel zu
tun
weber671 (08.12.2008, 15:55 Uhr)
Danke für eine Kanzlerin wie Merkel...
...Schröder hätte seinen britischen Freunden schon alles Geld nachgeschmissen.
Fakt ist, dass keiner heute weiß, was auf uns zukommt. Wenn man jetzt Milliarden in Konjunkturprogramme schmeißt, die ohnehin nur verpuffen und dann nächstes Jahr trotzdem das große Firmensterben losgeht, dann ist nichts mehr da um zu helfen.
Was helfen würde, wären Infrastrukturprogramme. Aber die wirken ohnehin nicht kurzfristig.
Und all die Kommentare, die hier auf Merkel eindreschen sind politischer Natur. Sie würden genauso dreschen, wenn sie Milliarden bewilligen würde.
Also ruhig Blut Frau Merkel. Die Deutschen sind intelligenter als die Summe aus Wirtschaftsexperten und Journalisten und unterstützen ihren Kurs!
kaisergarten (08.12.2008, 15:38 Uhr)
Pah!
Frankreich, Spanien und GB. Die Pleitegeier. Und wir sollen einspringen und tun es aber nicht - tragisch. Ich finde unsere Konjunkturprogramme derzeit ausreichend - keiner weiß was noch kommen wird und OB überhaupt die derzeitigen Maßnahmen überhaupt ziehen. Noch mehr Geld (das auch D nicht hat) zu verpulvern macht eventuell keinen Sinn.
PS: Habe noch nie was davon gehört, dass es eine besondere Allianz zwischen Deutschland, Polen und Tschechien gibt - da träumen die Franzmänner von.
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