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5. März 2007, 16:14 Uhr

Geduldeter 'Abschaum'

Roma in Südosteuropa

Während in Deutschland eine hitzige Debatte über Kinderbetreuung geführt wird, haben Roma-Kinder in Südosteuropa - nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt - ganz andere Probleme: zwei Drittel leben in bitterer Armut.

Eine alleinerziehende Mutter (23 Jahre alt) mit ihren fünf Kindern in einem von Unicef geförderten Projekt in Manic (Belgrad)© Zoran Jovanovic Maccak/Unicef

Alle Menschen sind gleich? Sicher nicht! Alle Kinder sind gleich? Ganz sicher auch nicht! Deshalb hat Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, die Regierungen in Europa dazu aufgerufen, für Roma-Kinder die gleichen Rechte auf Gesundheit, Bildung und Schutz sicher zu stellen, wie für alle anderen Kinder auch. Die acht bis zehn Millionen Roma sind die größte Minderheit Europas. Und ihr Schicksal ist hart: Die überweigende Mehrheit der Kinder lebt unterhalb der Armutsgrenze, zeitweise hungern zwei von drei Familien - und die Kinder natürlich auch.

Brutaler Rassismus Anlässlich der Konferenz "Roma-Kinder in Europa - Zwischen Integration und Isolation" in Paris appelliert Unicef an Politik, Medien und Behörden sich dafür einzusetzen, Vorurteile gegenüber der mit acht bis zehn Millionen Angehörigen größten Minderheit Europas abzubauen und den verbreiteten Rassismus gegenüber Roma zu bekämpfen. Bei der Tagung hatte Unicef einen Bericht zur Lage der Roma-Kinder in sieben Ländern Südosteuropas (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien) sowie im Kosovo erstellt.

Dabei ist laut Unicef die Lage der Roma in den neuen EU-Mitgliedstaaten kaum besser als in den ehemaligen Kriegsgebieten Bosnien und Kosovo. In Rumänien lebte etwa ein Drittel der Roma in "gettoartigen Wohnsiedlungen" meist ohne fließendes Wasser.

Roma-Kinder werden oft nicht eingeschult Insbesondere in Südosteuropa, wo die meisten Roma in großer Armut am Rande der Gesellschaften leben, müssen massive Anstrengungen unternommen werden, damit alle Roma-Kinder die Schule besuchen können und medizinisch versorgt werden. In Ländern wie Albanien, Bulgarien und Rumänien werden gegenwärtig zwischen 20 und 40 Prozent der Roma-Kinder nicht einmal eingeschult. In Bosnien-Herzegowina gehen sogar 80 Prozent nicht zur Schule.

Fast die Hälfte der Roma in Südosteuropa sind Kinder und Jugendliche. Bei aller Unterschiedlichkeit haben sie eines gemeinsam: die meisten sind arm und wachsen in Verhältnissen auf, die oft nicht viel besser sind als in den Endwicklungsländern. Vor allem die Kinder leiden unter Armut, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit.

Teufelskreis aus Ausgrenzung und Armut "Roma-Kinder müssen die Chance bekommen, den Teufelskreis aus Armut, Ausgrenzung und Vorurteilen zu durchbrechen. Wenn mitten in Europa dauerhaft Hunderttausende Kinder in Ghettos ohne gute Ausbildung und Perspektiven aufwachsen, ist dies nicht allein eine Katastrophe für die Betroffenen. Ablehnung, Frustration und Aggression können sich aufschaukeln. Die sozialen und politischen Folgekosten wären enorm", sagte Reinhard Schlagintweit, Vorstandsmitglied von Unicef Deutschland.

Von Karin Spitra

Armut

Hunderttausende Roma leben isoliert in Ghettos und Slums. Etwa zwei Drittel haben keine Toilette und kein Badezimmer. Die schlechten Wohnverhältnisse am Rand der Städte und Ortschaften stigmatisieren die Bewohner und fördern Vorurteile. In fast allen Ländern muss mehr als die Hälfte der Roma mit weniger als 100 Euro im Monat auskommen.

Bildungsniveau

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und den Balkankriegen sank das Bildungsniveau in den meisten Ländern weiter. So ist in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, in Serbien und im Kosovo der Anteil der Roma, die nicht lesen und schreiben gelernt haben, bei den 14- bis 24-Jährigen deutlich höher als bei der mittleren Generation der heute 25- bis 34-Jährigen.

Gesundheit

Zwei Drittel der Roma-Haushalte haben nicht genug zu essen. Die Kinder werden seltener geimpft und ihre Familien können sich keine Medizin leisten, wenn sie krank sind. 20 Prozent der Kinder sind nicht gesund, verglichen mit nur sieben Prozent der Kinder aus Nicht-Roma-Familien.

Roma in Deutschland

In Deutschland leben etwa 70.000 Sinti und Roma mit deutschem Pass. Sie bilden seit Jahrhunderten eine nationale Minderheit. Weiter gibt es etwa 50.000 Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, die schon seit vielen Jahren hier leben und deren Kinder zum Teil hier geboren sind. Wie in den anderen europäischen Ländern teilen die unterschiedlichen Roma-Gruppen auch in Deutschland die Erfahrung, als "Zigeuner" beschimpft und diskriminiert zu werden. Besonders schwierig ist die Lage der Flüchtlinge, wie eine Untersuchung des Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin in Zusammenarbeit mit UNICEF ergab.

Roma-Kinder in Deutschland Für Roma-Familien, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen und deren Kinder hier geboren oder zum größten Teil aufgewachsen sind, setzt sich Unicef für eine großzügige Aufenthaltsregelung ein. Von den rund 50.000 Roma-Flüchtlingen sind zwei Drittel lediglich geduldet. Diese Familien sind jeden Tag von Abschiebung bedroht. Sie dürfen nicht arbeiten und an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen. Für die Kinder gilt vielerorts keine Schulpflicht oder sie haben sogar kein Anrecht, zur Schule zu gehen.

Roma in Rumänien

Die Roma (oder Zigeuner, wie sie früher auch genannt wurden) verließen in einer großen Völkerwanderung den Norden Indiens im zehnten und elften Jahrhundert und kamen um das Jahr 1407 herum in Europa an. Fast direkt nach ihrer Ankunft wurden sie versklavt, im 16. Jahrhundert begann dann die erste Welle der Verfolgung, die in ihrem Ausmaß und ihrer Grausamkeit nur noch von dem Nazi-Terror übertroffen wurde. Noch 1837 schrieb der Politiker Mihail Kogalniceanu, der sich sehr für ihre Rechte der Roma einsetze: " Ich habe in meiner Jugend auf den Straßen von Iasi Menschen gesehen, die Ketten an Armen und Beinen trugen, andere mit eisernen Schellen um ihre Stirn und wieder andere mit einem schweren Mtallreifen um ihren Hals. Grausame Züchtigungen und andere Strafen wie Verhungern lassen oder in den gefrorenen Fluss gehängt zu werden - dies war das Schicksal der bemitleidenswerten Zigeuner."

Die rumänischen Fürstentümer Walachei und Modawien befreiten ihr Roma zwischen 1837 und 1856. Viele blieben als bezahlte Arbeitskräfte bei ihren früheren Besitzern, während andere das Land verließen. So erreichten weitere Roma-Wellen um 1860 Deutschland, 1867 Frankreich, 1868 Großbritannien und die Niederlande und schließlich 1881 Nordamerika.

Wärhend des Antonescu-Regimes im Zweiten Weltkrieg wurden mindestens 20.000 Roma nach Transnistrien deportiert. Insgesamt starben damals mehr rumänische Roma, als in jedem anderen europäischen Land. Das spätere kommunistisiche Regime zwang sie dann sich am Rande der Städte und Dörfer anzusiedeln - wer sich weigerte landete im Gefängnis.

Heute leben von den insgesamt rund acht Millionen Roma fast zwei Millionen in Rumänien, immerhin knapp neun Prozent der Bevölkerung und eine der größten ethnischen Minderheiten Europas. Etwa ein Zehntel der Roma sind immer noch Nomaden, die nur die Winter in festen Camps verbringen, etwa 40 Prozent sprechen nicht mehr ihre eigene Sprache Romani und halten sich selbst auch nicht mehr für Roma.

Roma in Südosteuropa
StaatRoma in Tsd.Gesamtbev. in Mio.Roma-Anteil in Prozent
Albanien90 - 1003,12,9 - 3,2
Bosnien & Herzegovina40 - 503,91,0 - 1,3
Bulgarien700 - 8007,79,9 - 10,4
Mazedonien220 - 2602Nov 13
MontenegroFeb 200,620,3 - 3,2
Rumänien1.800 - 2.50021,68,3 - 11,6
Kosovo36 - 402,11,7 - 1,9
Serbien450 - 5007,75,8 - 6,5

Stand: 2006Quelle: UNPD Statisikbüro
Schulbesuch

Roma-Kinder sind beim Schulbesuch stark benachteiligt. Wenn sie überhaupt eingeschult werden, kommen sie oft auf reine "Roma-Schulen", die meist schlecht ausgestattet sind und wo es an qualifiziertem Personal fehlt. Oft werden Roma-Kinder mit fadenscheinigen Begründungen an Sonderschulen verwiesen.

KOMMENTARE (6 von 6)
 
Auslaender (06.03.2007, 10:22 Uhr)
Selbst verursacht?
Hier in Bosnien haben die Behörden häufig gar keine Möglichkeit, auf die Misere der Kinder aufmerksam zu werden. Die Eltern zeigen die Geburt der Kinder in den meisten Fällen nicht an. Damit sind sie auf dem Papier nicht existent. Folglich kann man im Schulalter auch keine Eltern befragen, warum ihre Kinder denn nicht in die Schule gehen. Die Kinder sitzen ja auch viel besser in der Fußgängerzone oder schielen nach den Handtaschen der Passanten...
Rosenengel (06.03.2007, 10:10 Uhr)
Zigeuner
Es ist Richtig, auch wenn man etwas einen anderen Namen gibt, so bleibt es doch zum Schluss das selbe. Ein neuer Name macht noch lange kein neues Ding. Und das dann irgendwelche Namen einen besseren Klang haben, das heisst angeblich weniger rassistisch sein sollen, behaupten nur diejenigen, die in andere Namen/Bezeichnungen etwas rassistisches hineindeuten.
Einige Beispiele: Ein Ausländer bleibt immer Ausländer, auch wenn man ihn nun politisch korrekt Migrant nennt.
Hier wo wir leben bezeichnen sich Zigeuner selber als Zigeuner (Gitano). Die Worte Roma und Sinti sind ihnen Fremd.
Polen bezeichnen sich selber als Polack, was die korrektere Bezeichnung wie das eingedeutschte Pole ist.
Schwarzafrikaner bezeichnen sich selber als Neger (negro), in Anlehnung an ihrer Hautfarbe und uns als Weisse.
Und ich frage mich, warum wehren sich die Hamburger nicht dagegen, das weltweit täglich Millionen Hamburger verzehrt werden (Neger - Küsse wurden verboten), warum wehren sich die Wiener nicht dagegen, das täglich Millionen Wiener gegessen werden? Dies ist alles nicht rassistisch? Warum dies nicht, aber alles was mit Neger oder Zigeuner zu tun hat? Warum ist das Wort "Weisse", das Schwarzafrikaner für uns verwenden nicht rassistisch und steht ebenfalls unter Strafe?
EspritCritique (06.03.2007, 00:35 Uhr)
Political Correctness
Schon interessant. Man formuliert einen sachlichen, kritischen Kommentar zum Artikel und schon fliegt man damit innerhalb von wenigen Minuten hinaus, ohne dass auch nur annähernd geschmäht, beleidigt oder sonst eine Grenze überschritten worden wäre. Die Garantien der Meinungsfreiheit gelten offenbar nur für die mit der Schere im Kopf beim Stern.
EspritCritique (06.03.2007, 00:20 Uhr)
Nur Vorurteile? 3
Wie kommt es eigentlich, dass eine 23jährige Frau ohne jegliche Zukunftsaussicht 5 Kinder in die Welt setzt, die sie offensichtlich nicht ernähren kann? Egal, welche Nationalität oder Minderheitenzugehörigkeit jemand hat: Warum soll die Allgemeinheit für das daraus zwingend resultierende Leid aufkommen?
Wie kommt es eigentlich, dass nicht einmal die kommunistisch-diktatorischen Regime des früheren Ostblocks (insbesondere in der CSSR) es geschafft haben, trotz Angeboten von Wohnungen, Arbeit und Bildung diese nach Auffassung der Autorin offenbar so integrationswilligen Menschen in die Gesellschaft zu integrieren, diese vielmehr die zur Verfügung gestellten Wohnungen massenweise geplündert (ohne Waschbecken, Toiletten, Türrahmen etc.) hinterließen? Wie kommt es eigentlich, dass keine andere sog. Minderheit praktisch in allen europäischen Ländern den gleichen "Popularitätsstatus" genießt? Wie kommt es eigentlich, dass trotz aller Umwälzungen der letzten vielen Jahrhunderte es allein die Sinti und Roma nicht geschafft haben, einen respektablen Platz in den europäischen Gesellschaften zu finden? Liegt es wirklich so fern, dass sich über die Jahrhunderte ein Lebensstil tradiert, der mit den in Europa herrschenden Lebensformen unvereinbar ist. Auch deutschen Staatsbürger ohne Minderheitenzugehörigkeit wird ein gewisser Lebensstil (Schulpflicht, Vorrang eigener Verantwortung, Verbot mafiösen Verhaltens) abverlangt, der den Roma genauso zugemutet werden muss.
Integration ist keine Einbahnstraße. Und wie ich jemanden bezeichne, ist nicht das Problem, sondern was ich damit assoziiere. Egal ob Zigeuner oder Roma: Negative Konnotationen werden mir weder Funktionäre, die lediglich eine Ablenkungsfunktion haben, noch die allgegenwärtige Sprachpolizei der politischen Korrektheit nehmen können.
Weiss13 (05.03.2007, 23:50 Uhr)
Nur Vorurteile? Nr.2
Ich wurde 1997 von einem solchen "Handelsreisenden" in meinen Haus ueberfallen, weil ich angeblich mit seiner Freunding geschlafen haette. Die Polizei verbot mir, "Zigeuner" zu sagen. Ich machte eine Anzeige, welche wegen fehlendem oeffentlichen Interesse abgewiesen wurde. Wenige Wochen spaeter traf ich in einer Wirtschaft einen jener Polizisten von dem Nachmittag wieder. Er erinnerte sich und meinte, "Die sagen dreimal Auschwitz und schon bist DU im Knast, nicht sie."
Rosenengel (05.03.2007, 23:18 Uhr)
Nur Vorurteile?
Hier in dem Ort wo wir leben, leben sehr viele Zigeuner. Die Frauen sitzen vor den Kaufhallen und betteln, während ihre Männer goldbehangen in den Bars sitzen und Kaffetrinken.
Für rumänische und bulgarische Zigeuner wird sich die Situation aber schnell verbessern. Dadurch, das diese Länder jetzt zur EU gehören, haben sie die Freizügigkeit sich in jedem Land der EU niederlassen zu dürfen. Und sie wissen, wo man leicht an Sozialhilfe kommt.
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