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Die Probleme von Saudi-Arabien - und warum es sich missverstanden fühlt

Saudi-Arabien, der unheimliche Verbündete, liegt im Clinch mit seinem Erzfeind Iran. Das Land, so der Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons im stern-Interview, hat enorme Probleme und fühlt sich vom Westen missverstanden.

König Salman bin Abdelasis al Saud von Saudi-Arabien

Der König von Saudi-Arabien, Salman bin Abdelasis al Saud (M.), hat vor einem Jahr viele Probleme seines Vorgängers übernommen

Her Sons, was passiert gerade im Nahen Osten?

Saudi-Arabien und der Iran geraten schon seit vielen Jahren immer wieder aneinander. Beide Länder verbindet eine tiefe Abneigung miteinander und sie ringen um die Vorherrschaft in der Region. Und für beide Länder dient der jeweils andere Staat als willkommener Sündenbock, um von eigenen Problemen abzulenken.

Sebastian Sons

Sebastian Sons ist Islamwissenschaftler und beschäftigt sich bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin vor allem mit Saudi-Arabien. Zurzeit schreibt er seine Doktorarbeit über Pakistaner, die in dem Land arbeiten.


Welche Probleme wären das?
Saudi-Arabien ist ein sehr widersprüchliches Land und von vielen Gegensätzen durchzogen. Seit der neue König Salman bin Abdelasis al Saud vor einem Jahr die Macht übernommen hat, steht er erheblich unter Druck. Da wären die wirtschaftlichen Probleme durch den niedrigen Ölpreis, eine hohe Staatsverschuldung, die gestiegene Jugendarbeitslosigkeit sowie die Krisenherde in direkter Nachbarschaft: Jemen, Irak und Syrien. Der Iran ist für König Salman ein willkommenes Feindbild, dem man die Verantwortung an den diversen Krisen zuschreibt.

Es gab aber auch Zeichen der Entspannung: Saudi-Arabien wollte demnächst einen neuen Botschafter nach Teheran entsenden, hat aber nun die dortige Botschaft geschlossen. Wieso ist die Situation plötzlich so eskaliert?

In der Hauptstadt Riad sitzen nicht nur Hardliner, es gab und gibt auch immer wieder Versuche, einen pragmatischen Umgang mit dem Iran zu finden. Bei den Syrien-Gesprächen in Wien etwa saßen beide Staaten gemeinsam an einem Tisch, wahrscheinlich auch Ende Januar wieder, wenn es in Genf erneut um Syrien gehen wird. Doch die Stimmung wird, auch von außen, immer wieder aufgeheizt - und leider hat die neue saudische Führung in den letzten Monaten vernachlässigt, pragmatische Politik zu betreiben.

Woran liegt das?

Ich glaube, Saudi-Arabien fühlt sich in die Ecke gedrängt und muss gleichzeitig zusehen, wie das Ansehen des Iran nach der Einigung im Atomkonflikt steigt und steigt. Von meinen saudischen Gesprächspartnern höre ich immer wieder: 'Warum versteht ihr uns nicht? Warum könnt ihr uns nicht in unsere Lage versetzen? Wir stehen unter einem enormen Druck, wir brauchen eure Unterstützung'. Es scheint, als reagiere das Land aus einer Position der Schwäche heraus mit einer zunehmend undiplomatischeren Politik.

Straßenszene Riad

Ein normaler Tag in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens: Das Land leidet unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten und entsprechend hoher Arbeitslosigkeit


Aber warum sollte sich Saudi-Arabien schwach fühlen?

Es gab eine interessante Entwicklung in den letzten Monaten: In der Wahrnehmung des Westens nimmt Saudi-Arabien immer mehr die Rolle des Bösewichts ein, die Rolle, die bis vor kurzem noch der Iran innehatte. Das befremdet die Führung in Riad verständlicherweise, schließlich unterhält sie seit langem enge Beziehungen zum Westen und kämpft an dessen Seite in der Anti-Terror-Allianz gegen den Islamischen Staat. Die jüngsten, vollstreckten Todesurteile sollten somit auch als Symbol gelten, kompromisslos gegen den islamistischen Terror vorzugehen - doch statt Lob für dieses Vorgehen zu empfangen, muss sich das Königshaus von den westlichen Verbündeten kritisieren lassen.

Sollte man nun etwa Mitleid mit Saudi-Arabien haben?

Nein, darum geht es nicht. Natürlich trägt die saudische Politik auch destabilisierende Züge - von der zu kritisierenden Menschenrechtslage brauchen wir auch nicht reden. Zugleich aber bekämpft die Regierung den Islamischen Staat, was hier jedoch kaum anerkannt wird. Trotz der ambivalenten Interessen zwischen Saudi-Arabien und dem Westen müssen wir dem Land klar machen, dass es weiterhin ein wichtiger Partner ist. Denn ohne Saudi-Arabien wird es eine langfristige Stabilisierung der Region nicht geben, weil es der wichtigste arabische Akteur ist - aus politischen, wirtschaftlichen und religiösen Gründen.


Die Religion, in diesem Fall der Konflikt zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien, gilt als einer der Hauptgründe für die Dauerfehde der beiden Länder.
Die konfessionellen Unstimmmigkeiten werden instrumentalisiert - von allen Seiten: sowohl von den Saudis, den Iranern als auch von anderen Akteuren. Ohne Frage gibt es schon seit langer Zeit Probleme zwischen Schiiten und Sunniten, aber es gab auch immer wieder sehr lange Phasen, in denen ihr Zusammenleben kein Problem war. Erst seit vier, fünf Jahren werden für die Auseinandersetzungen wieder vermehrt religiöse Motive ins Feld geführt. Den Beteiligten geht es aber vor allem um politische und wirtschaftliche Macht, um geostrategische Interessen und weniger um Religion. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wird instrumentalisiert, ist aber nicht die Ursache der Konflikte.


Was halten sie von der Forderung, Saudi-Arabien zu sanktionieren, etwa Waffenlieferungen zu stoppen?

Ich glaube generell, dass Waffenlieferungen ganz sicher nicht dienlich für die Stabilisierung der Region sind. Aber davon abgesehen halte ich wirtschaftliche Sanktionen für kontraproduktiv, weil das politische Signal, dass dadurch mitgesendet wird, lauten würde: Wir haben kein Vertrauen mehr zu euch. Sollte das passieren, wäre eine ernsthafte Verschlechterung der Beziehungen zu Saudi-Arabien die Folge, was die Lage weiter verschlimmern würde.

Hat die aktuelle Eskalation ihren Höhepunkt erreicht oder wird sich die Lage weiter zuspitzen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Iran und Saudi-Arabien irgendein Interesse daran haben könnten, die Situation weiter eskalieren zu lassen. Von einer militärischen Auseinandersetzung ganz zu schweigen. Die Saudis wissen, wie viele Konflikte sie lösen müssen und hätten auch keine Kapazitäten für eine direkte militärische Konfrontation mit dem Iran. Ideologisch und rhetorisch aber könnte ich mir vorstellen, dass das Ende der Spirale noch nicht erreicht sein wird. Man kann nur hoffen, dass beide Seiten zu einer rationalen und gemäßigten Politik finden.

Interview: Niels Kruse
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