Sie sind die Menschen, durch die Horror wie Heldenmut ein Gesicht bekamen. Ihre Bilder erschütterten vor einem Jahr die Welt. Jetzt erzählen sie, wie der Anschlag auf das World Trade Center sie verändert hat. Von Michael Streck

Father Judge wird offizielll als erster Toter geführt: Sein Totenschein trägt die Nummer 00001© Reuters
Dies ist ein guter Tag für Marcy Borders. An guten Tagen ist der Kühlschrank einigermaßen voll, und Marcy traut sich auf die Straße. Besucht vielleicht einen Freund um die Ecke oder ihre Cousine oder Schwester. Oder Tochter Noelle, neun Jahre, die beim Vater lebt, seit die Mutter nur noch weinte und auf dem Sofa lag und beim Grübeln nicht weiter kam als auf den Grund der Bier- und Schnapsflaschen.
Dies ist ein guter Tag für Marcy Borders, weil sie einigermaßen flüssig erzählen kann und nur gelegentlich von Weinkrämpfen geschüttelt wird und niemand anruft, der fragt: "Wie fühlst du dich?" Monate hat sie darauf nur antworten können: "Wie am 12. September." Dies ist auch ein guter Tag, weil die Kopfschmerzen nicht so stark sind wie sonst und sie kein Aspirin schlucken muss, "ich habe nie Aspirin genommen vor dem Elften." An schlechten Tagen wummert der Schädel, und das hat nichts zu tun mit leeren Schnapsflaschen. Marcy trinkt zurzeit nicht mehr. Sagt sie. Der Schädel wummert von der Wucht der Bilder. Ein immer gleicher Film läuft da ab: Tote, Verletzte, Flugzeuge, Menschen, die aus den Türmen springen, bevor die einstürzten. Es ist ihr Film, "ich kriege das nicht aus dem Kopf".
Marcy Borders ist krank. Sie benötigt dringend psychologische Hilfe. Aber da ist niemand, der ihr hilft. Vielleicht wohnt sie im falschen Ort, Bayonne, New Jersey, eine Schlafstadt auf der anderen Seite des Hudson-Flusses. In New York, Luftlinie fünf Meilen, geben sie Abermillionen aus für die psychologische Betreuung von Opfern des 11. September. Marcy Borders ist eine junge, attraktive Frau von 29 Jahren. Ihre Augen sind matt, sie spricht leise mit einer rauchigen Stimme. Sie sagt, dass sie einmal eine fröhliche Frau war: "I was a Party-girl." 1992 hat Marcy ihren Schulabschluss an der Bayonne High School gemacht, sie studierte für kurze Zeit an der New Jersey State University und machte einen Abschluss am "Chubb Institute", einer Schule für Büro-Management. "Ich hatte eine ganze Reihe von Jobs." Marcy Borders konnte immer gut mit Menschen. Dreimal in der Woche ging sie in die Baptisten-Kirche, und gelegentlich half sie in der Suppenküche und teilte Essen aus an Obdachlose. "Ich habe immer gegeben, immer."
Sie lebte ein beschauliches Vorstadtleben im ärmeren Viertel von Bayonne, zog ihre Tochter groß. Und vergangenes Jahr hatte sie Glück. Ihre Zeitarbeitsfirma vermittelte ihr ein Angebot der "Bank of America", New York City, World Trade Center. Marcy mochte New York eigentlich nie. Sie hatte ihr Leben lang Angst vor der großen Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Hatte immer Angst, dass etwas passieren könnte, etwa in der U-Bahn. Es gab und gibt zu viele Verrückte in New York City. Marcy Borders war nie im Central Park, nie in der Wall Street, sie hasste die Brücken und Tunnel. Sie kannte Manhattan als Skyline. Sie sagt: "Ich war im ganzen Leben nur zweimal drüben - zum Einkaufen." Aber das Angebot als Büroassistentin war gut, und es hätte ihr 40000 Dollar pro Jahr gebracht und damit finanzielle Sicherheit für sich und die Tochter. Sie willigte ein. Marcy Borders trat ihre Stelle am 12. August an.
Sie steht am Kopierer im 81. Stock, als das Flugzeug sich zwölf Etagen höher in den Nordturm bohrt. Der Tower schwankt wie ein Schiff auf hoher See. Sie schreit, "ich dachte sofort, das ist Krieg, eine Rakete hätte eingeschlagen". Ein Kollege kommt auf sie zu und sagt "Beruhige dich. Ein kleines Flugzeug hat uns gestreift." Und nichts würde passieren. Aber Marcy glaubt das nicht. Sie sieht ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Panik erfasst sie, und die Panik rettet ihr das Leben. Marcy beginnt unverzüglich den Abstieg durchs Treppenhaus. Im 44. Stockwerk wollen Sicherheitsleute die Flüchtenden umdirigieren zu einem Fluchtweg. Marcy weigert sich, sie steigt weiter ab. Im 33. Stockwerk trifft sie den ersten Feuerwehrmann. Er hastet an ihr vorbei und mit großer Sicherheit in den Tod. Im 25. Stock tropft Wasser aus den Wänden. Ein Mann hinter ihr kehrt um. Sie geht weiter. "Ich fragte Gott: Was soll ich tun?" Und sie entscheidet sich richtig. Abwärts, nur abwärts. Und sie singt. Immer und immer wieder singt sie ein Gospellied von Kirk Franklin: "My Life is in your hands, You don't have to worry, And don't you be afraid. Oh I know that I can make it." Ich kann es schaffen. Sie singt und singt. Und sie schafft es.
Nach einer Stunde und zwanzig Minuten erreicht die junge Frau den Ausgang. Die Rettungsleute unten sagen: "Keine Panik." Aber sie rennt. Und stolpert und fällt. Steht wieder auf und läuft, fällt wieder. Dann hört sie ein Grummeln, und ein Feuerwehrmann brüllt: "Rennt, rennt, dreht euch nicht um, rennt." Es ist der Moment, in dem der Südturm zusammenstürzt. Sie kreischt: "Ich will nicht sterben!" Die Druckwelle reißt sie von den Beinen. "Alles war schwarz um mich herum. Alles. Ich glaubte ganz sicher, ich sei tot."
Marcy kann nichts sehen, der Staub ist überall. Im Mund, in den Nasenlöchern. Auf dem ganzen Körper. Ihr Kostüm - schwarzes Top, schwarzes Halstuch, beiger Rock - und die kniehohen Wildlederstiefel sind nun weiß. Marcy spuckt Staub. Ein Mann tritt auf sie zu. Er hat kein Hemd mehr an, sein Bauch ist dick, daran erinnert sie sich. Der Fremde hilft ihr auf die Beine, hakt sie unter und geleitet sie durch die Trümmer zu einem sicheren Gebäude. "Er war mein Schutzengel, ohne ihn hätte ich es nicht geschafft." Sie hat ihn danach gesucht, sie hat alle möglichen Leute befragt. Sie glaubt, dass der fremde Mann mit dem dicken Bauch wieder zurück gerannt ist, um anderen zu helfen, "vermutlich ist er tot". Marcy lebt.
In dem Augenblick, als der Fremde kehrt macht, drückt der Fotograf auf den Auslöser. Seitdem ist Marcy Borders "die Staubfrau". Aber seitdem ist sie berühmt. Seitdem ist ihr Leben ein Trümmerfeld.
Man erreicht Marcy Borders kleines Apartment über eine vermüllte Treppe. Im Hausflur hängt ein Geruchsgemisch aus Essen, Hundescheiße und Urin. An ihrer Tür klemmt eine kleine US-Fahne, und darunter pappt ein Aufkleber: "09 - 11 - 01. Bayonne Columbine Commitee. WE CARE". Marcy sagt: "Kümmern?" Sie lacht spöttisch. Zwei, drei Tage nach der Katastrophe, sagt Marcy, rief die "Bank of America" bei ihr an. Man teilte ihr mit, sie habe eine Woche Zeit, wieder zu sich zu kommen - "sonst werden Sie ersetzt".