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"Wir erleben die Stunde der Wahrheit"

Zahlreiche Selbstmordattentäter, die in Israel Blutbäder anrichteten, trugen die Insignien der Hamas. Nun hat die radikal-islamische Bewegung die Wahl in den Palästinensergebieten gewonnen. Hat der Frieden noch eine Chance? stern.de sprach mit Peter Scholl-Latour.

Herr Scholl-Latour, wie konnte es der Hamas gelingen, die Wahlen in den Palästinensergebieten zu gewinnen?

Die Korruption in der Autonomiebehörde und in der Fatah-Partei hat eine große Rolle gespielt. Schauen Sie sich im Gaza-Streifen die großen Villen an, diese Paläste, in denen Fatah-Leute leben. Den einfachen Palästinensern geht es dagegen sehr schlecht. Um diese Menschen hat sich Hamas aber gekümmert, sie haben Schulen gebaut, Kindergärten, Krankenhäuser und Altenheime. Die Hamas ist so etwas wie eine bewaffnete Caritas-Bewegung, die islamische Tugenden praktiziert. So sind islamische Bewegungen auch in anderen Ländern groß geworden.

Die Hamas soll nun die Regierung bilden, Mahmut Abbas von der Fatah aber Präsident bleiben. Wie kann das auf Dauer funktionieren?

Gar nicht. Es zeugt schon - ich muss jetzt eine vorsichtige Formulierung finden - von einer gewissen intellektuellen Begrenztheit der US-Regierung, dass sie Abbas unbedingt halten will. George W. Bush kann Abbas nicht schmerzlicher diskreditieren als mit der Äußerung, die Amerikaner würden auf ihn setzen. Er rutscht damit automatisch in die Rolle einer Marionette hinein, eines Verräters. Und er müsste sich, genauso wie Karzai in Afghanistan, künftig von ausländischen Söldnern schützen lassen.

Welche Konsequenzen wird die Wahl auf die Wahlen in Israel haben, die im März anstehen?

Nicht die Ariel Scharons Kadima-Partei wird die Wahl gewinnen, sondern Benjamin Netanjahu mit seinem Likud-Block.

Netanjahu gilt als rechter Hardliner. Steht uns also eine neue Eskalation der Gewalt bevor?

Netanjahu ist vielleicht realistischer als wir denken. Aber natürlich ist es so: Wir werden im Nahen Osten eine Stunde der Wahrheit erleben.

Die Amerikaner wollen keine Hamas-Regierung akzeptieren, die Israelis auch nicht. Wie sollen da überhaupt Verhandlungen möglich sein?

Die Hamas ist gewählt, sie sitzt im Parlament! Es ist schon paradox, dass die Amerikaner überall Demokratie und freie Wahlen fordern, aber deren Ergebnisse nicht akzeptieren wollen. Wenn in Staaten mit vorwiegend islamischer Bevölkerung frei gewählt wird, werden islamische Parteien gewählt, so ist das. In Ägypten ist ein Mann wie Mohammad Hosni Mubarak nur deshalb an der Macht, weil es dort nur Scheinwahlen gibt. Die Demokratie ist ein zweischneidiges Schwert.

Ist der Friedensprozess damit tot?

Das Wort vom Friedensprozess ist für die Araber sowieso eine Lüge. Die Hamas will, und das ist auch in der Roadmap festgelegt, dass sich Israel auf die Grenzen von 1967 zurückzieht, vor dem Sechs-Tage-Krieg. Dann würde sie einen dauerhaften Waffenstillstand anbieten. Frieden kann es aus ihrer Perspektive mit Ungläubigen ohnehin nicht geben. Aber die israelische Regierung wird sich darauf nie einlassen.

Die USA und Israel fordern von der Hamas, Gewalt abzuschwören und das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Dann wäre man unter Umständen bereit, mit ihnen zu verhandeln. Sind diese Forderungen realistisch?

In der arabischen Welt gelten Konzessionen nicht als Zeichen der Souveränität sondern als Schwäche. Ich bin da sehr skeptisch.

Hat die Hamas ein militärisches Potential, das den Israelis gefährlich werden könnte?

Nein. Die Bewaffnung ist geradezu lächerlich. In der arabischen Welt wird gerne geschossen, auch bei Hochzeiten wird in die Luft geballert. Dadurch entsteht im Westen der Eindruck, die Leute seien bis an die Zähne bewaffnet. Faktisch hat die Hamas ein paar Kalaschnikows, Granaten und ähnliches. Man muss sich zum Beispiel mal diese Kassam-Raketen anschauen: Das sind Ofenrohre, die mit Pulver gestopft sind. Sie werden irgendwo abgeschossen und kommen irgendwo runter. Die israelische Armee spielt in einer anderen Liga, sie ist eine der besten der Welt. Trotzdem bekommt sie den asymetrischen Krieg gegen die Palästinenser nicht in den Griff.

Wird die Hamas in den Palästinensergebieten nun einen islamischen Staat aufbauen?

Sicher. Das Kopftuch wird zur Regel werden, ein Alkoholverbot auch. Die Scharia wird zumindest die Richtschnur für die Gesetzgebung werden. Die Fahnen Palästinas werden sicherlich nicht abgeschafft, aber die grüne Fahne der Hamas mit dem Glaubensbekenntnis wird wichtiger werden.

Europa ist der größte Geldgeber der Palästinenser, zirka 500 Millionen Euro fließen pro Jahr. Würde es Sinn machen, jetzt den Geldhahn zuzudrehen, um Druck auszuüben?

Unter solchen Sanktionen haben immer nur die Armen zu leiden. Und die Europäer haben viel Gutes für die Menschen dort getan. Sie geben mehr Geld als arabische Liga!

Wie können die Deutschen friedliche Lösungen fördern?

Die Deutschen haben gar nicht die Macht, irgendwelche Lösungen zu schaffen. Das kann nur den USA gelingen. Aber die Deutschen genießen auf beiden Seiten ein hohes Ansehen - und das können sie für Vermittlungen nutzen. Falls Friedenstruppen gefordert werden, um die Lage zu stabilisieren, sollten wir die Finger davon lassen. Stellen Sie sich nur einen deutschen Soldaten vor, der an der Grenze zu Israel postiert ist, und bei einer Auseinandersetzung einen Juden erschießt. Undenkbar.

Interview: Lutz Kinkel
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