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29. November 2006, 09:26 Uhr

"Unter Saddam ging es dem Irak besser"

US-Präsident Bush trifft heute den irakischen Ministerpräsidenten al-Maliki, um die Lage zu besprechen. Nahostexperte Peter Scholl-Latour fordert die USA im stern.de-Interview auf, ihre Truppen abzuziehen - und gewinnt dem Regime von Saddam Hussein etwas Positives ab.

Unter ihrem Ex-Diktator Saddam Hussein ging es der irakischen Bevölkerung, meint Nahostexperte Peter Scholl-Latour© Stephan Schraps/DDP

US-Präsident George W. Bush will mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki über Möglichkeiten sprechen, der Gewalt im Irak zu begegnen. Aber haben die USA überhaupt noch Vertrauen in den irakischen Regierungschef?

Wenn sie in ihn Vertrauen hätten, wären sie töricht. Maliki ist zwar von der größten schiitischen Partei bestimmt worden. Aber er hat den Rückhalt beim größten Teil der Bevölkerung verloren.

Ist es deshalb sinnvoll, den Iran und Syrien an Gesprächen zu einer Lösung für den Irak zu beteiligen, wie es die Expertenkommission unter Leitung von Ex-US-Außenminister James Baker vorschlägt?

Natürlich ist dieser Vorschlag der Baker-Kommission der einzig vernünftige. Aber in Washington gibt es zwei Clans mit unterschiedlichen Vorstellungen: Auf der einen Seite ist die Gruppe der Realpolitiker mit Baker, die wohl von Bush senior inspiriert wird. Auf der anderen Seite befinden sich George W. Bush, Vizepräsident Cheney und die Neokonservativen. Da wird es noch ein heftiges Tauziehen geben. Die Amerikaner haben die Gewohnheit, nur mit ihren Marionetten zu sprechen oder mit Ländern, die ihnen gewogen sind. Aber in so einem Fall muss man auch mit seinen Gegnern sprechen.

Mit welchem Ziel...

...ein Minimum an Ordnung im Irak herzustellen. Die Einflussmöglichkeiten von Syrien auf die Sunniten im Irak werden allerdings überschätzt. Deshalb versuchen die USA schon jetzt, die ebenfalls sunnitisch dominierten Länder wie Jordanien und Saudi-Arabien zu mobilisieren, ihren Einfluss auf ihre irakischen Glaubensbrüdern geltend zu machen und sie notfalls gegen die Schiiten zu mobilisieren. Ein solches Vorgehen hätte allerdings auch eine gewisse militärische Präsenz des Iran im schiitischen Teil des Irak und in Bagdad zur Folge. Am Ende stände die Bestätigung des Irans als Führungsmacht am persischen Golf.

In der Baker-Kommission wird auch eine Exit-Strategie für die US-Armee gesucht: Diskutiert wurde über einen sofortigen Abzug, einen langsamen Rückzug oder gar eine kurzfristige Erhöhung der Truppen. Für welche Option würden Sie plädieren?

Entweder die USA bereiten jetzt den Abzug vor und sagen das auch offen, oder sie lassen sich auf den Unsinn ein, möglichst lange im Irak zu bleiben.

Der baldige Abzug wäre Ihrer Meinung nach also die beste Lösung?

Ja, man sollte den Irak sich selber überlassen.

Was würde denn dann passieren?

Es gab zwei Möglichkeiten, denn die erste ist bereits verspielt. Sie hätte darin bestanden, eine starke Persönlichkeit der alten irakischen Armee zu finden und diese sozusagen als "Saddam-light" an die Spitze zu stellen. Denn es gab schon den ein oder anderen General, der nur begrenzt an Saddam Husseins brutalen Aktionen beteiligt war. Doch die Armee ist aufgelöst worden. Das war übrigens der größte Fehler der Amerikaner. Heute würden sich die Schiiten und Kurden ein solches Vorgehen das jetzt nicht gefallen lassen.

Dann bleibt nur die andere Möglichkeit

Das Land bricht auseinander in einen kurdischen, einen sunnitischen und einen schiitischen Teil. Der Irak lässt sich kaum mehr zusammenhalten. Das kurdische Gebiet hat sich schon jetzt völlig losgelöst. Auch der schiitische Teil ist weitgehend selbstständig. Das sunnitische Dreieck kann nicht als selbständiger Staat existieren und würde sich voraussichtlich den sunnitischen Ländern Saudi-Arabien oder Jordanien anschließen. Das Problem besteht darin, dass der konfessionelle Konflikt nicht auf den Irak beschränkt bleibt, unabhängig von der Präsenz der USA. Er kann sich zu einem Flächenbrand in der Region ausweiten.

Die US-Regierung weigert sich, das Wort Bürgerkrieg in den Mund zu nehmen. Aber befindet sich der Irak nicht in einem solchen?

Das ist töricht und verlogen: Natürlich handelt es sich schon längst um einen Bürgerkrieg. Und er ist viel schlimmer als etwa der damalige Bürgerkrieg in Libanon, bei dem man sich nicht gescheut hat, den Konflikt beim Namen zu nennen.

Wie lässt sich die Gewalt im Irak denn eindämmen?

Im Moment gar nicht. Ich sehe derzeit keine Befriedungsmöglichkeit.

Ging es dem Irak unter Saddam Hussein besser?

Wesentlich besser. Die Kurden und die Schiiten wurden zwar unterdrückt. Aber Saddam Hussein hat das Land zusammengehalten, es gab nicht die tägliche Angst, durch kriminelle Banden ermordet oder erpresst zu werden. In Bagdad konnten die Studenten in Ruhe in die Universität gehen. Viele Frauen trugen damals kein Kopftuch. Wenn heute eine Frau ohne Kopftuch in Bagdad auf die Straße geht, muss sie mit dem Schlimmsten rechnen.

Trauern die Iraker Saddam Hussein nach?

Nein, nur der Ordnung und der Sicherheit, die damals geherrscht hat. Es gab unter Saddam Hussein eine Regel: Man durfte nicht gegen ihn polemisieren. Aber wenn man den Mund hielt, wurde man meist in Ruhe gelassen.

Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour Peter Scholl-Latour, 82, gilt als einer der besten Kenner des Nahen Ostens. Scholl-Latour arbeitete für die ARD, das ZDF und war Chefredakteur des stern. Zu seinen bekanntesten Sachbüchern zählen Darstellungen über den Kongo, über Frankreich und China sowie über den Islam.

Interview: Malte Arnsperger
 
 
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