30. Juli 2012, 07:34 Uhr

Juncker warnt vor Zersetzung der Eurozone

Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker sieht die Schuldenkrise an einem entscheidenden Punkt und kritisiert Teile der deutschen Regierung. Berlin behandele die Eurozone "wie eine Filiale".

Juncker, Euro-Zone, Schuldenkrise

Kritisch: Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker schießt

Der Vorsitzende der Eurogruppe, der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker, hat eindringlich vor einem Zerfall der gemeinsamen Währungszone gewarnt. "Wir sind an einem entscheidenden Punkt angekommen", sagte Juncker der "Süddeutschen Zeitung" (SZ). "Die Welt redet darüber, ob es die Eurozone in einigen Monaten noch gibt." Die Euroländer müssten jetzt "mit allen verfügbaren Mitteln" ihre feste Entschlossenheit zeigen, die Finanzstabilität der Währungsgemeinschaft zu garantieren.

Die Finanzmärkte hätten die Reformanstrengungen in Spanien und Italien viel zu wenig honoriert. Die Euroländer seien bereit, notfalls Staatsanleihen klammer Länder über die Europäische Zentralbank kaufen zu lassen. Die Notenbank genieße mehr Glaubwürdigkeit als die Politik und werde alles tun, um den Euro zu retten, sagte Juncker. "Und welche Maßnahmen wir ergreifen werden, entscheiden wir in den nächsten Tagen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren", sagte der Chef der Eurogruppe.

Juncker wandte sich in der SZ vor allem gegen Populismus, den er im Fall Griechenland als besonders ausgeprägt diagnostiziert: "Wieso eigentlich erlaubt sich Deutschland den Luxus, andauernd Innenpolitik in Sachen Eurofragen zu machen? Warum behandelt Deutschland die Eurozone wie eine Filiale?"

"Geschwätz über Austritt Griechenlands ist nicht hilfreich"

Wer denke, dass die Probleme der Eurozone dadurch behoben würden, dass man Griechenland ausschließe oder fallen lasse, habe die eigentlichen Ursachen der Krise nicht erkannt. "Wir sind fest entschlossen, den Euro in seinem Bestand, also mit allen Ländern, und in seiner Bedeutung zu halten. Alles Geschwätz über den Austritt Griechenlands ist da nicht hilfreich." Zuletzt hatte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) erklärt, für ihn habe ein Austritt Athens "längst seinen Schrecken verloren". Weitere Politiker der Regierungskoalition hatten sich ähnlich geäußert.

Vor dem Hintergrund der Euroschuldenkrise trifft US-Finanzminister Timothy Geithner am Montag mit Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zusammen. Das kurzfristig anberaumte Treffen findet auf Schäubles Urlaubsinsel Sylt statt. Anschließend reist Geithner nach Frankfurt am Main weiter, wo er mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, zusammentrifft.

jar/DPA
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Entscheidung über Eurorettungsschirm Juncker mahnt Verfassungsgericht zur Eile

Brüssel macht bei der ESM-Prüfung Druck auf Karlsruhe: Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker hat die Verfassungsrichter zu einer raschen Entscheidung aufgefordert. Zeit lassen sei "nicht hilfreich".

Treffen der Finanzminister in Brüssel Juncker bleibt vorerst Eurogruppen-Chef

Nur bis 2013 wolle er Eurogruppen-Chef bleiben, erklärte Jean-Claude Juncker nach seiner Wiederwahl in der Nacht zum Dienstag. Angela Merkels Vorschlag für den Posten war zuvor auf den Widerstand des französischen Präsidenten gestoßen.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?