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28. April 2009, 18:20 Uhr

Im Zweifel für die Piraten

Piraten drangsalieren seit Monaten den Schiffsverkehr im Indischen Ozean. Nun wurden zwar Seeräuber von der spanischen Marine festgesetzt, doch sie zur Rechenschaft zu ziehen, gestaltet sich schwierig: Wer soll über sie richten? Und wo? Die Freibeuter profitieren von Bedenkenträgerei. Von Niels Kruse

Piraten, Somalia, Kenia, Seegerichtshof

Die "MS Melody" wurde angegriffen, nun sind die mutmaßlichen Täter dingfest gemacht worden© MSC Kreuzfahrten

Die Piraten im Indischen Ozean bereiten Ewald Brandt eine Menge Arbeit: Anfang März etwa hat der Staatsanwalt im 6600 Kilometer weiter nördlich gelegenen Hamburg von seinen Mitarbeitern in nur drei Tagen eine 400-seitige Ermittlungsakte zusammenschreiben lassen. Es ging um eine Anklage gegen neun somalische Seeräuber, die von der Mannschaft der Fregatte "Rheinland Pfalz" festgenommen wurden waren. Viel Arbeit für nichts, wie sich herausstellen sollte. Denn nun sitzen die Männer vor Gericht. Allerdings nicht in der Hansestadt, wo schon alles vorbereitet war, sie wegen des Entführungsversuchs des Frachters "Courier" im Golf von Aden zu belangen, sondern gleich um die Ecke des Geschehens, in Mombasa, Kenia.

Ein kurzfristig abgeschlossener Vertrag zwischen der EU und Kenia kam dem Chefankläger dazwischen, nun werden die Freibeuter in einem Land abgeurteilt, das bisher nicht für sein transparentes Justizsystem berühmt war. Zwar soll das bilaterale Abkommen dafür sorgen, dass die europäischen Standards auch in der afrikanischen Hafenstadt gelten, allerdings ist der Prozess in Kenia auch ein Testfall für die internationale Gemeinschaft. Denn die steht vor der Frage: Was tun mit festgenommenen Freibeutern? Und wohin mit ihnen?

Wieder Piraten, wieder Somalia

Brandt, 55, erwarten nun wieder Überstunden. Wieder geht es um Somalia, wieder um Piraten, wieder um ein Schiff: Vor wenigen Tagen wurde der Getreidefrachter "MV Patriot" entführt. Er gehört der Hamburger Reederei Johann M. K. Blumenthal. "Wann immer deutsche Strafverfolgungsinteressen betroffen sind", sagt Brandt, "sind wir in der deutschen Justiz erster Ansprechpartner". Das sei gesetzlich so vorgesehen. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wird insbesondere dann tätig, wenn Piraten deutsche Reeder erpressen oder deutsche Schiffe kapern oder wenn die deutsche Marine Seeräuber festnimmt. "Wegen des Überfalls auf die "MV Patriot" haben wir bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet", sagt der Behördenleiter.

Ob der Beschuss des Kreuzfahrtschiffs "MSC Melody" bald ein Thema für ihn sein wird, muss aus seiner Sicht noch geklärt werden: "Da müssen wir uns zunächst erst einmal genauere Informationen zum Sachverhalt beschaffen." Das Kreuzfahrtschiff ist zurzeit auf dem Weg Richtung Italien und wurde erst vor wenigen Tagen angegriffen. An Bord befinden sich rund drei Dutzend Deutsche.

Nun aber sieht es so aus, als könnte sich Ewald Brandt die Arbeit dann doch sparen. Die spanische Marine hat die neun mutmaßlichen Angreifer festgenommen - in einer gemeinsamen Aktion mit Franzosen, Indern und einem Kriegsschiff von den Seychellen. Weil der Luxusliner in den Hoheitsgewässern des Inselstaats attackiert wurde, sind die Seeräuber an die dortigen Behörden überstellt worden. Nach internationalem Seerecht könnten die Verdächtigen dort vor Gericht landen - wenn es denn zu einer Verhandlung kommt und sie nicht wieder laufengelassen werden, wie so oft in der Vergangenheit. Sei es aus Mangel an Beweisen, sei es, weil die Behörden den Aufwand einer Strafverfolgung scheuten.

Frustrierender Kampf gegen die Piraten

Die Zahl der Seeräuber, die zurzeit in Gefängnissen weltweit auf ihre Verhandlung warten, ist entsprechend überschaubar: 20 sind es zum Beispiel in Frankreich, 25 in Kenia, neun auf den Seychellen. Der Kampf gegen die Piraten ist nicht nur deswegen so frustrierend, weil kaum einer von ihnen auf dem riesigem Seegebiet des Indischen Ozeans zu fassen ist - trotz einer hochgerüsteten Flotte von rund 30 Kriegsschiffen aus Europa, den USA, Russland, China und Indien. Von den Tausenden der Skiffs genannten Nussschalen vor der afrikanischen Küste, werden nur ein Bruchteil von Kriminellen benutzt. Falls dann doch einmal ein paar von ihnen bei Überfällen erwischt und festgenommen werden, beginnt der Streit darüber, wo die Meeresgangster vor Gericht gestellt werden sollen.

Dabei ist es nicht so, dass Seeräuberei irgendwo auf der Welt ein Kavaliersdelikt wäre. Nahezu alle UN-Staaten haben einen Paragrafen in ihren Strafgesetzbüchern, der Piraterie verbietet. Deshalb sei es eigentlich ausreichend, die Täter vor nationale Gerichte zu stellen, zumindest "solange ein rechtsstaatlicher Prozess sichergestellt ist", sagt Doris König, Jura-Professorin und Vorstandsvorsitzende der Internationalen Stiftung für Seerecht.

Doch es mehren sich die Zweifel, ob das etwa in Kenia der Fall ist, wo gegen die von der deutschen Marine festgenommenen Piraten verhandelt wird. Die dortige Justiz gilt als korrupt, zwei der Häftlinge bemängeln über ihre deutschen Anwälte die unwürdigen Haftbedingungen, zeitgleich verklagen sie die Bundesregierung, um an ein deutsches Gericht überstellt zu werden. Trotz dieser Bedenken, traut König den Kenianern zu, "dass sie den Prozess nach den mit der EU vereinbarten Maßstäben führen werden." Nicht nur weil sie sich vertraglich verpflichtet hätten, mit der EU vereinbarte Standards einzuhalten, sondern auch, weil die halbe Welt gespannt nach Mombasa blickt, um zu schauen, wie das ostafrikanische Land diese Aufgabe meistert.

Riesige Kluft zwischen den Welten

Was die Gemeinschaft dort zu sehen bekommt, ist vor allem die riesige Kluft zwischen den Welten, in denen sich Täter und Ankläger bewegen: Da präsentierten top-ausgebildete Offiziere der deutschen Marine mithilfe von GPS-Daten erstellte Hightech-Schaubilder vor neun armseligen jungen Männern in Badeschlappen, die hilf- und lustlos dem Verfahren nach EU-Standards zu folgen versuchten. Angesichts solcher Bilder stellt sich die Frage, ob sich Seeräuber überhaupt von Prozessen wie diesen beeindrucken, geschweige denn abschrecken lassen. Seerechtsexpertin König ist da verhalten optimistisch: "Je mehr Prozesse gegen Piraten geführt werden, desto unattraktiver wird die Seeräuberei." Die Zeiten, als Piraten einen Freifahrtsschein hatten, seien nun vorbei. "Dass das angesichts der wirtschaftlich und gesellschaftlichen Situation in Somalia abschreckend wirkt, bleibt zu hoffen."

Um die Verfahren zu standardisieren und ihnen mehr Gewicht zu verleihen, wurde auf einer Tagung am Seegerichtshof in Hamburg jüngst die Forderung nach einem "Internationalen Piratengerichtshof" laut, angesiedelt etwa in der Hansestadt. Staatsanwalt Ewald Brandt hält das grundsätzlich für eine gute Idee. Piraterieübergriffe dürften nicht ungeahndet bleiben. Zudem seien "wechselnde Verhandlungsorte mit unterschiedlichen Verfahrensstandards und Sanktionen unbefriedigend". Gerade die letzten Monate hätten gezeigt, dass die Bekämpfung der Piraterie auf den Weltmeeren ein internationales Anliegen sei.

Ob und wann ein solches Tribunal kommt, ist aber vollkommen ungewiss. Ein solcher Piratengerichtshof sei bislang an politischen Erwägungen gescheitert, so König. Einige Regierende fürchten etwa, dass sich Seeräuber über das Asylrecht in Europa einnisten könnten. Andere Staaten möchten keine verurteilten Täter in ihren Gefängnissen sitzen haben, wiederum andere fragen sich, ob Piraten abschoben werden dürften und falls ja, wohin. Die Liste der Bedenken ließe sich verlängern.

"Verträge brauchen Jahre"

Welchen Weg die internationale Gemeinschaft auch einschlägt - es wird ein langer sein. "Um ein zentrales Piratengericht einzurichten, müssten entsprechende Verträge ausgehandelt werden. Und das dauert in der Regel einige Jahre", so die Jura-Professorin.

Von Niels Kruse
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
kldrkur (30.04.2009, 19:36 Uhr)
Konsequenz
Die deutsche Politik hat für jeden Entführungsfall Lösegeld zugesagt ( warum eigentlich nicht bei Entführungen im Inland?). Das ist Anstiftung zur Geiselnahme! Steinmeier und Co, die sich bei jeder Freilassung nach Überweisung unserer Steuergelder feiern lassen, gehören sofort vor Gericht! Die Anstiftung ist schlimmer als die Tat selbst.
yomismo (29.04.2009, 16:49 Uhr)
Piraten
In der Vergangenheit, gerade auch in Hamburg, hatte man mit der Frage nach dem "wohin mit ihnen"
ueberhaupt kein Problem. Ich sage nur: Stoertebeker!
p_hakel (29.04.2009, 12:59 Uhr)
Stellt sich die Frage
wann wird denn in diesen Kommentaren rumgelöscht....?
MatV (29.04.2009, 12:13 Uhr)
"die Somalier" unterstützen
"die Somalier" gibt es nicht. Künstlich gezogene Staatsgrenzen und Volkstämme, die schon immer Fremde ausraubten und/oder umbrachten, Schiffsbrüchige im Danakil eingeschlossen. Seegebiet unter Kriegsrechtstellen, angreifende Schiffe ersatzlos versenken. Männer und Mäuse. Oder: Eier ab. Hilft garantiert. Frauen werden da ja auch verstümmelt.
Mikeorganizer (29.04.2009, 08:04 Uhr)
was regen wir uns über Fremde auf....
wir haben doch die größten Piraten - ehm...Maden im eigenen Boot sitzen, die sich Dank anstehender Wahlen mit jedem fremdem Rotz beschäftigen nur um von Ihrer eigenen unverschämten Taschengreiferei und Lügen abzulenken. Und 90% der dummen Deutschen regen sich hier über Dinge ausserhalb unseres Landes auf. Nicht schlecht das System und vor allem sehr effektiv bisher. Träumt weiter und finanziert unseren Politmaden Ihren nächsten 30 Liter Dienstwagen weiter. Ehrlich gesagt ich würde es auch machen, bei so vielen dummen Bürgern würde ich das 10 Fache der Kanzlerin verlangen und mind. 15.000 Euro Rentenanspruch- dafür ein wenig Scheisse labern damit die Idioten unter mir das Gefühl haben ich mache überhaupt etwas.....
mupfeline (29.04.2009, 07:58 Uhr)
@Ansager
WArum diese Leute Piraten sind?
Vielleicht weil sie erkannt haben dass das Piratengeschäft eine sichere und lohnende Einnahmequelle ist? Was denken Sie eigentlich wer die bisher erpressten Millionen hat? Und wenn ich nach Ihrem Gusto gehe dass eine Ungerechtigkeit mit einer anderen kriminellen Tat beantwortet werden muss dann lässt das für die Reichen/Vermögenden in D nichts Gutes erwarten. Auch hier gibt es nämlich genug arme Schlucker - die könnten ja dann auf ähnliche Gedanken kommen, nicht wahr? Würden SIE denn diese einheimischen Räuber und Erpresser so vehement verteidigen?
Ansager (29.04.2009, 07:23 Uhr)
& warum sind diese Leute denn Piraten ?
...waere es nichtmal an der Zeit danach zu fragen, warum diese Somalis Piraten geworden sind ?
Wer so nachhaltig auf militaerische Gewalt setzt, zeigt doch nur dass er sich mit den Ursachen dieser Plage nicht auseinandersetzen will.
Wo bleibt eigentlich ihr Protest gegen die Trawlerflotten, die die Thunfischbestaende vor der ostafrikanischen Kueste so perfekt pluendern, dass der einheimischen Bevoelkerung jede Lebensgrunlage entzogen wird ?
Ist Ihnen bekannt, dass in grossem Stil Giftmuell aus den Nationen dort verklappt wird, die jetzt als "Opfer" der Piraterie nach immer weitreichenderen Kampfeinsaetzen rufen ?
Das offenkundige Desinteresse an dieser Problematik laesst nichts Gutes erwarten - fuer alle Beteiligten...
unglaeubiger (28.04.2009, 23:52 Uhr)
Reality
an dem was sie sagen kann was dran sein.
laut aussagen einiger reedereien, mit denen ich gesprochen habe,sehen die keine wirkliche gefahr.
da kamen so aussagen wie:wir dampfen da so schnell durch, uns können die nicht gefährlich werden. oder, wir haben sicherheitskräfte an bord.
ein öltanker, mit 100 mill. fracht an bord, soll keine fünf sicherheitskräfte wert sein ?
da die versicherungen ja zahlen,helfe ich ja gerne meinen brüdern.
wenn die weltöffentlichkeit so richtig sauer ist, kann der ein oder andere geheimdienst sein ding durchziehen.
ein schiff ist leicht zu schützen, besonders gegen die hungerhaken von piraten.
aber will der ein oder andere das auch?
Reality (28.04.2009, 23:17 Uhr)
Wenn man schon Kriegschiffe ausschickt um...
Piraten zu fangen, dann sollte man tunlichst vorher abklären vor welches Gericht man diese bei Gefangennahme stellt. Denn sonst hat das Ganze überhaupt keinen Sinn.
Es ist sonst vielmehr nur Geldverschwendung der Steuerzahler.
Außer man verfolgt mit dieser Vorgehensweise ganz andere Ziele.
Doch dann muß man diese Ziele benennen. Wie es jetzt aussieht, sind jedweder Spekulation Tür und Tor geöffnet.
Ich werde den Gedanken einer Vermutung nicht los.
Nämlich, dass das alles von langer Hand der Geheimdienste gesteuert ist und man sich durch ordentliche Gerichtsverfahren nicht in die Karten schauen lassen will.
Diesen Verdacht bzw. Vermutung lässt sich nur dadurch entkräften, wenn man dafür sorgt, dass diese Praten vor Gericht gestellt, die Beweggründe für die Piraterie gehört und nachgeprüft werden können und die Hintermänner bekannt gemacht werden so sie da sind.
Dabei wird sich dann herausstellen wer an dieser Art Geschäft so sehr Interesse hat.
Die Glaubwürdigkeit der Staaten steht auf dem Spiel, die dort zur Bekämpfung der Piraterie, Kreisgschiffe entsandt haben, welche von den Bürgern dieser Länder durch ihr Steueraufkommen bezahlt werden.
Da ist es doch nicht zu viel verlangt, wenn man Licht in dieses Dunkel dieser Machenschaften bringt. Es muß einer verantwortungsvollen Regierung höchsten Ziel sein alles zu tun um diese Dinge aufzudecken, dazu sind sie verpflichtet.
Man braucht keine Politiker die nur Fenstereden halten. Nein Politiker die bereit sind für Wahreheit und Klarheit zu sorgen.
vegefranz (28.04.2009, 22:49 Uhr)
"Doch es mehren sich die Zweifel, ob das etwa in Kenia der Fall ist,....."
wer hat Zweifel? Nahle, C.Roth und Ströbele? oder andere Politschmarotzer, die nichts anderes können, als dem arbeitenden Bürgern Geld für ihre Ideologien abzupressen?
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