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23. Juli 2008, 06:45 Uhr

Geheimdienst schützte Karadzic

Die Verhaftung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic schlägt weiter hohe Wellen: Nun hat Serbiens Innenminister erstmals eingeräumt, dass der Geheimdienst seines Landes den früheren Führer der bosnischen Serben jahrelang gedeckt hat - und ihn schließlich fallen ließ.

Unruhen in der serbischen Hauptstadt Belgrad: Etwa 250 Demonstranten versammelten sich trotz Verbots am Platz der Republik in der Innenstadt und griffen die Polizei an© EPA

Der am Montag verhaftete mutmaßliche Kriegsverbrecher Radovan Karadzic ist jahrelang vom serbischen Geheimdienst gedeckt worden. "Der Geheimdienst hat ihn geschützt, der Geheimdienst hat ihn jetzt übergeben", sagte Innenminister Ivica Dacic in Belgrad. Die Polizei habe mit der Verhaftung nichts zu tun.

Dacic hatte als Chef der Sozialisten (SPS) eine Verhaftung von Karadzic abgelehnt und lediglich einer eventuellen freiwilligen Aufgabe des meist gesuchten Serben zugestimmt.

Die Verhaftung Karadzics hatte am Dienstagabend gewalttätige Proteste ausgelöst: Anhänger des mutmaßlichen Kriegsverbrechers demonstrierten in der serbischen Hauptstadt. Etwa 250 meist junge Menschen versammelten sich trotz Verbots am Platz der Republik in der Innenstadt und griffen die Polizei mit Fackeln, Flaschen und Stühlen aus nahen Restaurants. Einige Randalierer wurden dabei festgenommen. Der vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Gräueltaten während des Bosnien-Kriegs 1992-1995 angeklagte Karadzic war am Montagabend nach zwölfjähriger Flucht festgenommen worden.

Ein serbischer Richter ordnete seine Überstellung an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag an. Dort soll dem 63-Jährigen wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess gemacht werden. Am schwersten wiegen dabei die Belagerung von Sarajevo und das Massaker von Srebrenica. Nach der Eroberung der UN-Schutzzone hatten im Juli 1995 bosnisch-serbische Soldaten fast 8000 Muslime ermordet. Karadzic wird voraussichtlich am Wochenende oder Anfang kommender Woche nach Den Haag überstellt. Dies sagte der Sprecher des zuständigen Staatsanwalts in Serbien, Bruno Vekaric. Karadzics Anwalt hat erklärt, er werde Widerspruch gegen die geplante Überstellung einlegen. Vekaric sagte am Mittwoch, die 72-stündige Frist dafür habe am Dienstag begonnen und laufe am Freitag ab.

Karadzic will sich im übrigen nach Angaben seines Anwalts vor dem Tribunal selbst verteidigen. Karadzics Anwalt in Serbien, Svetozar Vujacic, sagte, sein Klient spreche nicht mit den Ermittlern: "Er verteidigt sich durch Schweigen." Karadzic habe ein Team von Anwälten in Serbien, werde sich in Den Haag aber selbst verteidigen. "Er ist überzeugt, dass er mit Gottes Hilfe gewinnen werde", sagte Vujacic.

Karadzic hatte sich nach Darstellung der serbischen Behörden fast perfekt getarnt. Mit seinem Vollbart, der Brille und den schulterlangen weißen Haaren sei er kaum zu erkennen gewesen. Die Zeitung "Danas" berichtete, Karadzic habe in seinem Wohnviertel in Neu Belgrad oft in einem Cafe unter einem seiner alten Porträt-Fotos gesessen, ohne erkannt zu werden. Der frühere bosnische Serbenführer habe bis zuletzt unter dem Namen Dragan Dabic in einer pribaten Arztpraxis in Belgrad gearbeitet und sich dort mit "alternativer Medizin" befasst.

Die Europäische Union begrüßte die Verhaftung von Karadzic, die Serbien etwas näher an die EU rückt. Die Außenminister der 27 EU-Staaten ließen bei einem Treffen am Dienstag in Brüssel jedoch offen, wann ein Abkommen über engere Zusammenarbeit offiziell in Kraft gesetzt wird. Die Außenminister forderten auch, Serbien dürfe bei der Suche nach anderen mutmaßlichen Kriegsverbrechern nicht nachlassen. "Eine Festnahme genügt nicht", sagte der französische Außenminister und derzeitige Vorsitzende des EU-Ministerrates, Bernard Kouchner, nach den Beratungen. Er bezog sich auf Ex-Serbengeneral Ratko Mladic und den früheren kroatischen Serbenführer Goran Hadzic.

Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) warnte die Europäische Union nach der Verhaftung Karadzic vor "übereilten Schritten" gegenüber Belgrad. Beckstein sagte der Zeitung "Die Welt": "Zwar ist der westliche Balkan für die langfristige Stabilität der gesamten EU von zentraler Bedeutung. Wer jetzt aber einen raschen EU-Beitritt Serbiens fordert, blendet die Realitäten aus." Serbien müsse noch einen "langen Weg zurücklegen, bis es in die EU aufgenommen werden kann". Insbesondere müsse Serbien vollständig mit dem Internationalen Strafgerichtshof kooperieren, "das heißt alle noch flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher überstellen".

DPA/AP/Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
undjetztnochder (23.07.2008, 11:23 Uhr)
@kuki83
Um nicht missverstanden zu werden: ich habe überhaupt nichts gegen Serbien oder die Serben. Und wenn dieses Land irgendwann die Beitrittskriterien für die EU erfüllt, wäre dass aus meiner Sicht für die EU und für Serbien eine echte Bereicherung, ich freue mich schon auf diesen Tag!
Das sollte aber nicht über die tatsächliche Stimmung derzeit in Serbien hinwegtäuschen. Dort gibt es immer noch viel zu viele, die von einem Groß-Serbien träumen und für die Karadzic, Mladic und Konsorten Helden sind. Das sind leider eben nicht nur die 250 Prügelnden von gestern. Man muss sich nur die Mehrheitsverhältnisse im serbischen Parlament anschauen, dann sieht man, dass Serbien beim Thema Vergangenheitsbewältigung erst ganz am Anfang steht. Weitere Schritte müssen nun folgen, z.B. die Ergreifung von Mladic. Ich gehe mal davon aus, dass es in Serbien "gut informierte Kreise" gibt, die genau wissen, wo sich diser Kriegsverbrecher aufhält. Serbien wird hier an seinem weiteren Vorgehen gemessen werden.
Holzkop (23.07.2008, 11:19 Uhr)
Scherbenführer Kladeradac
Jahrelang das Land an den Abgrund geführt, um sich nachher als Waldschrat und Naturheiler aus dem Staub zu machen. Der Scherbenhaufen, den die Selbstberufenen seines Kalibers hinterlassen, ist immer immens. Späte Genugtuung nun, dass dieser Wahnsinniger demnächst endlich Rechenschaft ablegen darf.
kuki83 (23.07.2008, 11:06 Uhr)
@chrgue sowie undjetztncochder
Ich bin hier in D vor 25 Jahren geboren. Habe hier meinen Schulausbildung beendet sowie später die Ausbildung zum Bankkaufmann. Ich verdanke diesem Land sehr viel und ich liebe es! Leider gibt es hier immernoch einige mit verzehrtem Weitblick. Sie meinen sich in der Außenpolitik auszukennen und verbreiten ihre BILD-Biertischparolen! 250 verrückte K-Anhänger reichen also bei euch schon aus, um ein Millionenland schlecht zu machen? Wieviele Rechtsradikale hüpfen hier jährlich durch die Städte, prügeln sich mit ebenso bekloppten Linken und bringen dazu auch noch Unschuldige in Gefahr??? Und mit Sicherheit hängen bei vielen Nazis daheim noch Plakate von Hitler & Co. Nach 60 Jahren hat es das EU-Land Deutschland immernoch nicht geschafft den braunen Schmutz zu beseitigen. Wie kann man das von einem Land erwarten, dass vor 10 Jahren noch unter Diktatur stand? So eine Diktatur blendet nun einmal und selbst wenn sie vorbei ist gibt es noch genug Menschen, welche ihr nachtrauern. Die EU ist verpflichtet eines "ihrer" Länder zu helfen und die Demokratie voran zu treiben, anstatt pseudoamerikanische Hilfe in Ländern wie Afghanistan zu leisten. Ebenso wie Serbien deutliche Signale senden muss, dass es sich der westlichen Seite zugezogen fühlt. Und wer spricht über die vielen Zivilopfer in Serbien nach den NATO-Bomben? Die USA werden für den Irakkrieg kritisiert, jede dahergelaufene Moralapostel hasst Bush. Dieser Krieg gegen den Diktator Milosevic war in Ordnung, aber der Krieg gegen Diktator Hussein aber nicht?
Gisella (23.07.2008, 10:57 Uhr)
Karadic-
Erst "beschützt" vom geheimdienst- dann ausgeliefert- was hat er nun getan - warum ist der geheimdienst so gepisst? auch dem geheimdienst sollte man auf die finger schauen-oder wollen doch nur alle nur ein stück vom EU-KUCHEN???????
shine (23.07.2008, 10:35 Uhr)
Re: chrgue
In Deutschland gibts es doch auch Hitler- und Göring-Anhänger, in Italien Mussolini-Anhänger und in Spanien Franco-Anhänger. Und diese Länder sind schon in der EU. Warum also gegen Serbien schimpfen?
heartlander98 (23.07.2008, 09:43 Uhr)
Russland?
@ seine heiligkeit^^
Die Rüstungsausgaben Russlands lagen zuletzt bei etwa 37 Milliarden $ jährlich, die der USA über 550 Milliarden $ jährlich. Das Säbelrasseln aus Russland sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die tatsächlichen Kräfteverhältnisse andere sind. Und Einmischung ist immer richtig, wenn es um Kriegsverbrecher geht, wichtig ist die Signalwirkung auf potenzielle Kriegsverbrecher, dass man nie wieder sicher sein wird.
Salzsteuer (23.07.2008, 09:18 Uhr)
In Deutschland konnte
immerhin ein NS-Richter, der NACH der Kapitulation noch Todesurteile wegen Fahnenflucht vollstrecken ließ immerhin Jahrzehnte später noch Ministerpräsident von BW werden.
Wir sollten uns also erst an die eigene Nase fassen, unser Land steckt immer noch voller Nazis, junger wie alter.
Fiasc0 (23.07.2008, 08:52 Uhr)
whaaa
Mich nervt der grosse Ethnik - Sachverständige Beckstein. Hat er wieder eine Medium gefunden um sein Gesülze an den Mann zu bringen. Danke.
Fiasc0 (23.07.2008, 08:48 Uhr)
lass es krachen Junge
Der Weg Sebiens in die EU wird schneller sein als uns allen Lieb ist. Schliesslich war/ist Serbien russischer Machtbereich - denen graben wir doch gerne das Wasser ab. Muskelspiele unter Nationen. Dazu passt auch die Eil-Anerkennung der Unabhägigkeit Kosovos.
Seine_Heiligkeit (23.07.2008, 08:37 Uhr)
Die EU sollte sich raushalten - Rußland steht hinter Serbien
Wer kann schon glauben, dass Serbien 13 Jahre Herrn K. nicht "finden" konnte, wenn man denn gewollt hätte? Es sind die Verheißungen der EU auf ein angeblich besseres Leben, die die serbische Adminstration, nicht die Serben allgemein, die Herrn K. nun doch opfern ließ.
Die deutschen Arbeitnehmer werden am wenigsten davon haben, wenn Serbien der EU beitritt. Die nächsten Millionen Billigarbeiter werden Deutschland überschwemmen und den deutschen Michel in die Röhre gucken lassen.
Insbesondere Deutschland sollte sich zurück halten. Schon einmal (1914) hat man bitter bezahlen müssen, als man nach dem Anschlag in Sarajewo sich in anderer Leutens Angelegenheiten mischte.
Serben und Russen stehen auch heute zusammen. Und Rußlands (atomare) Militärstärke ist heute nach der Krise der untergegangenen Sowjetmacht größer denn je.
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