Kulturschock Maultasche

1. März 2005, 12:06 Uhr

Die Maultasche - eine ur-schwäbische Erfindung? Von wegen! Wie schon so oft sind die Chinesen dem Rest der Welt kulinarisch zuvorgekommen. Von Tilman Wörtz

Maultaschen mit Stäbchen zu essen, ist für Europäer ein Geschicklichkeitsspiel©

Meinen größten Kulturschock hatte ich bisher, als ich festgestellt habe, dass Chinesen auch Maultaschen essen. Als Schwabe hat mich das sehr getroffen. Denn wir sind doch so stolz auf unsere Maultaschen und gehen natürlich davon aus, dass die genauso einzigartig sind wie die Kehrwoche. Das Landestheater Tübingen führt derzeit sogar ein Stück mit dem Titel "Das Geheimnis der Maultasche" auf.

Schwäbische Maultaschen sind im Vergleich zu chinesischen plumpe Spinatriegel. In Shanghaier Maultaschen-Restaurants kann man durch ein großes Fenster den Köchen zuschauen, wie sie das Gehackte zu Kügelchen formen, in Teig hüllen und an der Oberseite kunstvoll verzwirbeln. Xiao Longs (Kleine Drachen!) werden gedämpft und in Bambuskörbchen serviert, mit etwas Sojasauce und den üblichen Stäbchen als Essbesteck. In Peking heißen Maultaschen Jiao Zi, sind länglich und werden gebraten. Mein Favorit sind die Hong Konger Yun Tun mit Shrimpfüllung und Glasnudel-Veredelung.

Kampf mit der Schwerkraft

Maultaschen mit Stäbchen zu essen, hat etwas sehr Elegantes. Es ist, als würde man der Schwerkraft trotzen. (Mir sitzt immer noch ein Abendessen mit Professor Wichtig aus Hong Kong in den Knochen, auf dessen Hose ich einen Happen Huhn mit Soße geschnippst hatte, bevor mein Orangensaft vom Drehtablett in der Mitte des Tischs umgestoßen wurde und sich über das Tischtuch ergoss.)

Es ist manchmal überhaupt deprimierend, was die Chinesen alles erfunden haben: Zum Beispiel die Spaghetti. Sag das mal einer italienischen Mama. Aber da gibt's kein Rumdeuteln. Jetzt haben Wissenschaftler sogar festgestellt, dass der Wein nicht zum ersten Mal im persischen Shiraz, sondern viele Jahrhunderte früher in China getrunken wurde. Und das behaupten amerikanische Wissenschaftler. Die sind ja neutral, wenn's um den Iran oder China geht.

Schlürfen erlaubt!

Auch der Porzellanlöffel kommt aus dem Land der Stäbchen-Virtuosen. Mit ihm haben die Chinesen auch gleich das Schlürfen erfunden. Jeder, der aus diesen Dingern Suppe isst, wird das nicht ohne ein wohliges Blubbern und Zischen tun können. Das haben die Chinesen nun von ihrer Kreativität: Die Welt macht sich über ihre fehlenden Tischmanieren lustig. Völlig zu unrecht, denn wer würde bestreiten wollen, dass Suppen besser schmecken, wenn man schlürft? Ich schlürfe jetzt auch.

Außer dem Verweis auf Tischmanieren schützen sich Ausländer ("Rei g'schmeckte", würde der Schwabe sagen) mit einem weiteren unfehlbaren Argument vor Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber so viel Erfindergeist: "Die essen Hunde!" Wenn mir also jemand einen Hinweis gibt, dass irgendwo in China Maultaschen mit Hundefleisch gefüllt werden, wäre ich sehr dankbar. Dann wäre die schwäbische Maultasche für mich wieder rehabilitiert.

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