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Warum die Türken für Erdogan stimmten

Boomende Bauwirtschaft, steigende Gehälter, intakte Straßen - das sind die Erfolgsrezepte Recep Tayyip Erdogans in der Türkei. Für seine Wähler wiegt der Lohnzettel schwerer als Twitter-Sperren.

Eine Analyse von Raphael Geiger

Es ist eine Frage, die am Tag nach der Präsidentenwahl in der Türkei vor allem die Europäer umtreibt: Warum haben sich die Türken so eindeutig für Recep Tayyip Erdogan entschieden? Die Antwort darauf ist einfach: Erdogans Wähler spüren, wie ihr Leben besser wird, von Jahr zu Jahr. Viele von ihnen lebten in Armut, bevor Erdgoan an die Macht kam. Wenn man mit ihnen spricht, erzählen sie von einem Entwicklungsland, wo niemand Arbeit hatte, wo die Straßen löchrig waren, wo ständig der Strom ausfiel und die Inflation immer zweistellig war.

Nicht, dass es der Türkei aktuell wirtschaftlich gut ginge. Der Erfolg des Landes beruht vor allem auf Krediten und staatlichen Bauprogrammen. Was immer noch boomt, ist eben die Bauwirtschaft. Die Lira hat an Wert verloren und die Inflation ist wieder gestiegen, aber die Wahrnehmung der Erdogan-Wähler ist: Ich habe Arbeit, ich habe eine Kreditkarte, die Straßen sind gut, ich kann einkaufen.

Erdogan hat den Krieg mit den Kurden beendet und die nationalistische Politik der vergangenen Jahrzehnte, er hat die Macht des Militärs gebrochen und das laizistische Land mit der Religion versöhnt, er hat den gläubigen Wählern das Gefühl gegeben: Euer Glaube ist kein Makel, ich bin so fromm wie ihr.

Beeinflussung der Medien

Erdogans Erfolg in zwei Sätzen: Seit er regiert, hat sich das Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht. Und er baut zurzeit die Moschee, die mit den höchsten Minaretten der Welt ausgestattet wird.

Er hat es verstanden, das Land so sehr zu polarisieren, dass seine Wähler inzwischen Andersdenkende ebenso sehr hassen wie er selbst es tut. Erdogans Anhänger leben in einer Parallelwelt. Sie verfolgen nur die Medien, die freundlich über ihn berichten. Die Proteste im vergangenen Jahr, der Korruptionsskandal, das Grubenunglück von Soma - nichts konnte Erdogan gefährlich werden, weil seine Wähler jede Kritik an ihm für eine Lüge halten.

Als Präsident wird Erdogan weiterhin die Politik bestimmen, auch wenn das Amt eher repräsentativ angelegt ist. Die Verfassung stammt von 1982, der Zeit nach dem Militärputsch. Sie räumt dem Präsidenten eigentlich mehr Kompetenzen ein als die bisherigen Amtsinhaber tatsächlich wahrnahmen. Erdogan hat angekündigt, dass er nicht sein werde wie seine Vorgänger. Er will jede Kompetenz ausnutzen, die ihm zusteht, und am liebsten weitere hinzufügen, er wäre gern ein Präsident wie der amerikanische einer ist.

Gespaltenes Land

Als Präsident darf Erdogan nicht mehr seiner Partei, der AKP, angehören. Möglich, dass er einen Putsch fürchtet und deshalb die Führungsebene auswechselt, jüngere Leute in die erste Reihe stellt. Die sind ihm ergeben.

Allerdings sind 51,96 Prozent kein Ergebnis, mit dem sich die Türkei leicht beherrschen lässt. Das Ergebnis zeigt, dass die Gesellschaft geteilt ist, gerade angesichts von Erdogans Gegenkandidaten, dem alten, leisen Diplomaten Ekmeleddin Ihsanoglu (39 Prozent) und dem Kurden Selahattin Demirtas (9 Prozent).

Obwohl viele Erdogan-Gegner gar nicht erst zur Wahl gingen, weil sie in Ihsanoglu keine Alternative sahen, stimmte fast die Hälfte der türkischen Wähler an diesem Sonntag nicht für Erdogan.

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