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24. November 2008, 14:20 Uhr

Verkauft, vergewaltigt, aufgestanden

Es war die Hölle: Als Kind wurde sie als Sklavin verkauft, als Jugendliche zur Prostitution gezwungen. Doch die Kambodschanerin Somaly Mam befreite sich und kämpft nun gegen die Kinderprostitution. Dafür wird sie jetzt mit einem Preis ausgezeichnet. Eine Reportage aus Kambodscha von Bettina Sengling

Sexmafia, kambodscha, prostitution

Somaly Mam in einem Ort im Osten Kambodschas, in dem sie eine Unterkunft für Opfer der Zwangsprostitution errichtet hat© Gerhard Joren

Eine Zeit lang überlegt Somaly, ob sie den Mann nicht töten soll. Sie will ihn vergiften oder einen Killer beauftragen oder ihn vielleicht sogar selbst erschießen. Sie besitzt einen Revolver, und einmal hat sie sogar auf einen Vergewaltiger gezielt. Aber die Rache an diesem Mann kommt ihr sinnlos vor. Kambodscha ist kein Land, in dem sich Kindersklaven an ihren Herren rächen. Also schweigt Somaly. Sie sagt dem Mann nicht einmal, dass er ihr Leben zerstörte, als er sie kaufte und verkaufte wie ein Schwein.

Der Holzhändler zahlte für Somaly

Als das Mädchen Somaly Eigentum des Holzhändlers wurde, war sie gerade zehn Jahre alt. Sie wuchs in Bou Sra auf, einem Dschungeldorf im Osten Kambodschas. An ihre Eltern kann sich Somaly nicht erinnern. Sie weiß nicht mehr, wie es war, ein Kind zu sein. Sie weiß nur: Schon damals war auf nichts Verlass. Sie hatte kein Haus, sie übernachtete bei Fremden, irgendjemand nahm sie immer auf. Bis ihr ein Mann den Holzhändler vorstellte. Der zahlte für sie. "Ich dachte, wenn ich mit ihm ginge, könnte ich vielleicht meine Eltern finden", erinnert sich Somaly. "Ich freute mich sehr." Sie nannte den Mann Großvater. Somaly wird seine Sklavin.

Sie muss Wasser holen, Wäsche waschen, einkaufen. Sie muss auch Wasser für andere holen, so verdient sie dem alten Mann Geld. Sie erntet Reis und steht stundenlang im Schlamm, fängt Fische, mahlt Mehl, kocht Suppe. Manchmal schläft sie bei einer Familie, der Mann ist angeblich ein leiblicher Onkel. So genau weiß Somaly das nicht. Immerhin sagt er ihr, sie habe den schlechten Charakter vom Vater geerbt. Mehr wird sie nie über ihn erfahren, so sehr sie auch fragt und sucht.

Alltag Vergewaltigung

Nach der Vergewaltigung ist alles anders, die Gewalt bricht in mächtiger Welle über ihr Leben herein. Somaly wird als Ehefrau verkauft, und später, mit 16 Jahren, an ein Bordell. "Der Zuhälter nahm mich, wenn man so will, unter seine Fittiche", sagt Somaly. "Er verprügelte mich, vergewaltigte mich und sperrte mich in einem Zimmer ein." Vergewaltigt wird sie auch später immer wieder, sie nimmt das bald hin wie einen normalen Umgang zwischen Mann und Frau: "Ich wartete darauf, dass sie fertig waren." Und sie hasst sich selbst dafür. Irgendwann scheint es ihr, als gebe es kein Entkommen für ein Mädchen für sie, als sei es ihre Bestimmung, ganz unten zu sein.

Eine Odyssee aus Weglaufen und Neuanfängen folgt. Ein Zuhälter füttert sie mit lebenden Maden, sie kribbeln im Hals. Somaly hat Angst, dass ihr jemand die Viecher ins Ohr setzen könnte und die sich in ihr Gehirn fressen. Dieses Bild lässt sie nicht los. Als sie in Europa später Schnecken im Garten sieht, schläft Somaly vor Angst in Mütze und Handschuhen. Einmal versucht sie, sich umzubringen. Sie trinkt ein Fläschchen Schlafmittel aus. "Aber am nächsten Morgen war ich nicht tot, sondern hing am Tropf", schreibt Somaly. "Der Stationspfleger erging sich in den wüstesten Beschimpfungen."

"Ich kann niemandem vertrauen"

Es ist schwer, Somalys Geschichte mit der Frau zusammenzubringen, die sie heute ist. Sie empfängt im Büro ihrer Hilfsorganisation Afesip, die sich im Zentrum von Phnom Penh um ehemalige Zwangsprostituierte kümmert. Somaly Mam, 35, ist eine schöne Frau, mit ernsten Augen und einem strahlenden Lächeln. Sie trägt eine Seidenbluse und einen schwarzen Anzug, überhaupt liebt sie elegante Kleider und große Auftritte, sie duckt sich nicht weg. Somaly Mam sagt auch gerne, wo es lang geht. Sie entscheidet viel und schnell und manchmal alles neu. Bei Afesip ist sie Manager, Geschäftsführer und Präsident in einem, der unumstrittene Boss. Nie wieder, sagt sie, möchte sie fremdbestimmt sein. Aber Somaly Mam sagt nicht gerne, was sie wirklich denkt. Sie lässt niemanden an sich heran. Ein bisschen, so denkt man, spielt sie sich stark. "Ich kann niemandem vertrauen", sagt sie einmal. "Ich verstecke mich."

Somaly Mam, die ehemalige Kinderprostituierte, ist heute die berühmteste Frau Kambodschas und längst auch international bekannt. Sie wurde für ihre humanitäre Arbeit von der spanischen Königin geehrt und trug bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Turin eine der acht Olympischen Flaggen, neben den Schauspielerinnen Sophia Loren und Susan Sarandon und der Schriftstellerin Isabelle Allende. Am Montagabend wird sie auch in Deutschland geehrt: In Berlin erhält sie den Roland-Berger-Preis für Menschenwürde, übergeben wird er von Bundespräsident Horst Köhler. Mams Hilfsorganisation Afesip sammelt in Westeuropa jedes Jahr mehr als eine Million Dollar Spenden ein. Somalys Autobiographie, die dieser Tage auf Deutsch erscheint (Somaly Mam: Das Schweigen der Unschuld. Mein Weg aus der Kinderprostitution und der Kampf gegen die Sexmafia in Asien. Marion von Schröder Verlag, 18 Euro) stand in Frankreich zehn Wochen lang auf der Bestsellerliste. Das Buch wird nun auch ins Englische, Niederländische, Spanische, Italienische, Schwedische und Japanische übersetzt.

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
grossbuerger (24.11.2008, 15:03 Uhr)
Starker Artikel
aber wie heißt es so schön: "Es kann nicht jeder in der ersten Reihe sitzen !" und auch nicht in der zweiten usw. ...
Serst (24.11.2008, 15:01 Uhr)
Verneigen
Ich verneige mich in tiefstem Respekt vor dieser Frau.
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