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26. November 2009, 16:12 Uhr

Jungs ungeordneter Rückzug

Muss ein Minister schon wenige Wochen nach dem Start der neuen Regierung seinen Hut nehmen? Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung könnte es treffen. Noch heute muss er sich erklären.

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Wie soll es weitergehen? Minister Jung hält mit Bundeskanzlerin Merkel "Kriegsrat"© Michael Sohn/AP

Es dauert eine ganze Weile - fast bis zum Ende der Debatte über die merkwürdigen Informationspannen im Verteidigungsministerium - bis Franz Josef Jung doch noch das Lächeln auf der Regierungsbank vergeht. Einige Sitze weiter schaut seine Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel mit heruntergezogenen Mundwinkeln düster drein. Am Rednerpult erklärt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann die Regierungschefin am Donnerstag kurzerhand zur politisch Verantwortlichen für die am Morgen bekannt gewordenen Vertuschungsversuche bei Bundeswehr und Verteidigungsministerium nach der Bombardierung von zwei Tanklastern in Afghanistan wenige Wochen vor der Bundestagswahl Anfang September. Denn wenn Jung sich als damals verantwortlicher Ressortchef offenbar nicht im Parlament äußern wolle, sei eben die alte und neue Kanzlerin gefragt.

Rücktrittsforderungen an Jung aus der Opposition werden sofort laut. Denn der neue Amtschef, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), hat gerade offenbart, dass ihm bei Amtsübergabe womöglich einige heikle Informationen vorenthalten wurden. Guttenberg meistert die heikle Situation souverän: Er offenbart dem Parlament nicht nur die Hinweise auf Ungereimtheiten bei der Information über zivile Opfer bei dem von der Bundeswehr am 4. September angeordneten Bombenangriff am Hindukusch.

So als ginge ihn das gar nichts an

Guttenberg gibt umgehend die Entlassung des obersten deutschen Soldaten, Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, und seines Staatssekretärs Peter Wichert bekannt. Er entledigt sich damit zweier zentraler Figuren in seinem neuen Ministerium. Sie gelten dort seit Jahren als graue Eminenzen, die die Fäden in der Hand halten. Womöglich hat der Minister ihnen zuviel Freiraum eingeräumt.

Jung demonstriert an diesem Vormittag im Bundestag dagegen einmal mehr, warum seine Amtsführung als Verteidigungsminister auch in den eigenen Reihen hinter vorgehaltener Hand freimütig als glücklos bezeichnet wird. Scheinbar entspannt und lächelnd lauscht er der Afghanistan-Debatte - gerade so als ginge ihn das alles nichts mehr an. Schließlich ist er jetzt ja Arbeitsminister. Der TV-Sender "Phoenix" kündigt unterdessen ein "zugesagtes Interview mit Jung" gleich nach der Debatte an.

Als die SPD ihm deshalb Missachtung des Parlaments vorhält, pfeift der Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Peter Altmaier, ihn direkt im Bundestag zurück. "Mir ist nicht bekannt, dass Herr Jung in nächster Zeit ein Interview bei Phönix geben wird", sagt Altmaier - und der Angesprochene versteht allmählich. Während der Abstimmung über einen SPD-Antrag, Jung ans Rednerpult zu zitieren, stecken Merkel, Altmaier und Fraktionschef Volker Kauder die Köpfe zusammen. Guttenberg redet auf Jung ein. Anschließend wird der Antrag abgeschmettert, der Minister kündigt indessen "freiwillig" eine Stellungnahme noch im Laufe des Tages an - nach Durchsicht der neuen Unterlagen. Gegen 18 Uhr will er sich im Bundestag erklären.

Selbst die CDU/CSU-Fraktion geht auf Distanz

Hat Jung als Ressortchef womöglich tatsächlich nichts von den jetzt bekannt gewordenen, frühen internen Berichten der Bundeswehr über zivile Opfer und Verfahrensfehler bei der Anordnung des Bombenangriffs mitbekommen? Oder hat Jung die Öffentlichkeit seinerzeit kurz vor der Bundestagswahl nicht vollständig informiert, als er tagelang beteuerte, ihm sei von zivilen Opfern nichts bekannt, er könne sie aber auch nicht ausschließen?

Der Angriff sollte damals ausschließlich Entführern der Tanklastwagen, mutmaßlichen Taliban, gelten. Aus der Nato kamen jedoch umgehend Hinweise auf zivile Opfer und Kritik an der Bombardierung. Rücktrittsspekulationen machen in Berlin die Runde. Sollte Jung die Unwahrheit gesagt haben, wäre er kaum zu halten, heißt es in der CDU/CSU-Fraktion. Ein Ministerrücktritt bereits wenige Wochen nach der Wahl würde den von zahllosen Streitereien geprägten holprigen Start der schwarz-gelben Regierung vollends vermasseln.

Andreas Möser/Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
laketahoe (27.11.2009, 15:01 Uhr)
@Tempelhofer
Afghanistan ist mir nicht völlig egal. Und schon gar nicht würde ich das Thema für Anderes, das ich damit im Schilde führte, mißbrauchen.

Wenn Sie sich hier im Forum schon von LInken umzingelt fühlen, dann packen Sie mich bitte nicht in Bausch und Bogen in Ihre Schublade mit rein.

Mir ging es und geht es um die Abstraktion des Verantwortungsbegriffes. Und darum, dass ich mich nicht für dumm verkaufen lasse. Ganz egal, welche Parteien die Regierung stellen und wer gerade Kanzler ist.

Mich hatte es schon direkt nach dem Vorfall gewundert und geärgert, dass selbst nach den Informationen im Spiegel kein Journalist auf die Idee kam, Merkel, Steinmeier und Jung mal vor der Wahl in dieser Sache auf den Zahn zu fühlen und ins Gebet zu nehmen.

Das ist sachliche Kritik und kein Mittel zum Zweck!

Oder muss ich mich etwa dumm stellen, obwohl ich vier Tage nach dem Vorfall aus Medienberichten wusste, was Jung, Merkel und Steinmeier nicht gewusst haben wollen...
Oluja (27.11.2009, 12:58 Uhr)
lug und trug halt, wie immer, denn hätte man damals schon die ganze wahrheit aufgetischt wäre die wahl wohl anders ausgegangen
Pitt3 (26.11.2009, 19:32 Uhr)
Beide die auf dem
Foto erkennbar sind solte man schnellstens entlassen.
Wolfgang55 (26.11.2009, 19:03 Uhr)
wieder einer der klebt
an seinem Stuhl, nicht mit uhu oder pattex, sondern Eurogier und Arroganz. Jeder andere wäre schon längst unfreiwillig geköpft worden.

Wäre jetzt Wahl, würde die liebe Angie handeln, aber so hatten wir die Wahl schon und Angie sitzt auf Ihrem Thron und lächelt nur. Sie sollte mal die Peitsche rausholen und ihre Sklaven den Marsch und die Richtung einpauken.

Aber sie werden sich nur lieb über das Köpfchen streicheln und denken haste gut gemacht mein Junge
Medienbeobachter (26.11.2009, 18:48 Uhr)
Im Bericht stand wohl nur Kollateralschaden?
Dass ein Minister zurücktritt, weil er versucht hat, den Tot von Zivilisten bei einem Militäreinsatz in Afghanistan zu vertuschen, wäre wohl auch zu viel verlangt. Kollateralschaden nennt man es wohl, wenn kleine Kinder versehentlich von einer Bombe auseinadergerissen werden. Wie wärs denn mit einem Foto von einem Kind, dass durch einen Bombenangriff getötet wurde. So schlimme Dinge darf man wohl nicht zeigen, damit hier niemandem schlecht wird?
Aber von wgn. zurücktreten: Da werden in Hessen Steuerfahnder als Geisteskrank aus dem Dienst zuspendiert, weil sie sich mit einflussreichen Großverdienern angelegt haben, und das Volk ignoriert diese Sauereien. Nun, es ist wohl Gang und Gäbe, dass Vertreter aus Politik und Wirtschaft sich nicht unbedingt rechtfertigen müssen, wenn sie betrügen, lügen und unterschlagen.
Eigentlich sollte man Herrn Jung doch noch einen Orden verleihen, weil er sich schützend vor die Truppe (unsere Jungs) gestellt hat. Was gehen uns denn die kleinen afghanischen Bälger an? Haben halt im Weg herum gestanden.
Warum sind wir eigentlich noch in Afghanistan?
graw82 (26.11.2009, 18:39 Uhr)
@tempelhofer
Gäääääähn!
Als ob sich "die linken" und "die anderen" da irgendwie unterscheiden würden.
Sie reiten doch auch nur penetrant und dumpf auf Ihren schwarzen Gemeinplätzen rum. Schon allein Ihre ständige Formulierung "Ihr Linken" u.ä. veranschaulicht ganz deutlich, was "uns" von "Euch" reaktionär Konservativen unterscheidet.
Tempelhofer (26.11.2009, 18:38 Uhr)
@ SpringbokC
Der Sturm und das Wasserglas...

Fortsetzung folgt auf Stern.de
SethusCalvisius (26.11.2009, 18:09 Uhr)
@FleurdeLis
Nur zur Aufklärung:
Hier handelt es sich um einen Bericht, bei dem Beitrag von Schütz um einen Kommentar. Ich dachte eigentlich, dass der Unterschied bekannt sein sollte. Zumindest sollte man sich informieren, wenn man doch regelmäßig seine Meinung kundtun will.
P.S. Nur wenn ein Journalist das übliche Lafontaine-Bashing für eine kurze Zeit unterbricht, muss er desbalb noch kein Fan von ihm sein.
@Tempelhofer
Es ist ziemlich mies, anderen Kommentatoren vorzuwerfen, es ginge ihnen nicht um die Sache. Wenn ich überlege, was ich von Seite der Kriegsbefürworter in letzter Zeit für Kommentare gelesen habe, wie der Tod von Zivilisten achselzuckend zur Kenntnis genommen wird, (Was laufen die auch da rum?) ist es schon einigermaßen perfide, ausgerechnet den Kriegsgegenern "Ausbeutung menschlicher Gefühle" vorzuwerfen.
SpringbokCT (26.11.2009, 18:06 Uhr)
akt. DPA-Meldung
Jung tritt nicht zurück!
STR_EDDS (26.11.2009, 17:50 Uhr)
@dreicon
Die LINKE "das Volk, ihr Volk..:". Selten so gelacht! Sie vergessen, dass es "links" und "rechts" oder "ehrlich" immer nur in der Opposition gibt. Wer die Macht hat, hat keinen Platz für breite Sprüche und für den "Willen" des Volkes. Viele Parteien durften dies schon erleben. Zuletzt rot und grün - wieso sollte dunkelrot dabei eine Ausnahme machen?
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