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30. Oktober 2008, 08:15 Uhr

Die Werbeshow des Barack Obama

Zur besten Sendezeit hat sich der US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama auf gleich vier großen TV-Sendern ans Wahlvolk gewandt. Seine 30-minütige Werbe-Show war perfekt inszeniert und seinen Kontrahenten John McCain erwähnte er nicht ein einziges Mal. Von Matthias B. Krause, New York

Werbespot, Barack Obama, Obama, US-Wahl, Mccain

Mit einem halbstündigen Werbespot hat Barack Obama sich ans Wahlvolk gewandt - und fand Gehör© Paul J. Richards/AFP

Der Schreibtisch aus dunklem Holz, der Stuhl aus braunem Leder, der Blick durch die kleinteiligen Fensterflächen auf den grünen Garten, die großformatige Flagge im Hintergund. Die Anspielungen an das Oval Office waren nicht zu übersehen. Dazwischen Barack Obama, der sich mühelos vom Sitz zur vorderen Ecke des Möbels bewegte, ohne dabei Worte zu verschlucken oder gar in seinem Redefluss zu stocken. Die Sache wirkte wie eine Generalprobe für das Stück, das Obama ab dem 21. Januar täglich aufführen will: Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Zu sehen war es am Mittwochabend in Amerika zur besten Sendezeit bei vier großen TV-Sendern gleichzeitig und drei weiteren, zugeschnitten auf Spezialgruppen: die Schwarzen, die Latinos, die Linksliberalen. Um die vier Millionen Dollar ließ sich Obama sein halbstündiges Informercial kosten. Den Zweck des Werbefilms beschrieb er noch am Abend bei Fernsehkomiker Jon Stewart in dessen "The Daily Show" so: "Wir wollten die Leute einfach noch einmal daran erinnern, was ich tun werde. Nichts überverkaufen und einfach die Leute ihre eigene Entscheidung treffen lassen." Zuletzt hatte einen solchen Schritt der texanische Milliardär Ross Perot unternommen, der 1992 als Unabhängiger gegen Bill Clinton und Präsidentenvater George Bush sr. antrat.

Drehbuch ließ kaum Wünsche offen

Damals ließ Perot gleich elfmal halbstündige Werbefilme laufen, aus denen der Nachwelt vor allem die Flipcharts in Erinnerung blieben, mit denen er seinem Publikum seine Sicht der Welt erläuterte. Davor hatte Demokrat Adlai Stevenson im Rennen gegen Dwight D. Eisenhower 1952 gleich 18 Blöcke à 30 Minuten gekauft, die er mit etwas füllte, das Kritiker an Radio mit ein paar Bildern erinnerte. Verglichen damit war das Werk, dass Davis Guggenheim ("An Inconvenient Truth") für Obama produzierte, geradezu elegant. Vor allem das Drehbuch ließ kaum Wünsche offen. Illustriert mit Bildern überwiegend aus dem Herzen Amerikas, mit Kornfeldern, Fabriken, Vorstadtsiedlungen, spielenden Kindern, erklärte Obama seine Pläne anhand von vier Fallbeispielen.

Da trat eine Mutter auf, die ob der schlechten wirtschaftlichen Zeiten die Nahrungsmittel für ihre sechsköpfige Familie rationieren muss. Es kam ein Rentner zu Wort, der wieder arbeiten geht, um die Behandlungskosten für seine Frau zu bezahlen. Es sprach eine hispanische Lehrerin, die sich weiterbildet, obwohl das Geld hinten und vorne nicht reicht. Es trat ein Ford-Mitarbeiter auf, der um seinen Job und seine Zukunft fürchtet. Alles Klempner-Joes, Six-Pack-Dads und Hockey Moms, mit denen sich sonst die Republikaner so gerne zieren. An ihren Beispielen erklärte Obama schnörkellos seine Steuerpläne, seinen Willen, die Krankenversicherung zu reformieren, seine Energie- und Sicherheitspolitik. Zu den meistbenutzen Worten gehörte "Mittelklasse".

Geschickt verwobener Plot

Geschickt verwoben in den Plot war seine eigene Biografie, Mutter aus Kansas, Vater aus Kenia, verheiratet, zwei süße Töchter. Eine ganze Reihe von Gouverneuren und Senatoren sowie ein Mann des Militärs traten als Charakterzeugen auf. Eine Highlightshow mit den schönsten Momenten aus fast zwei Jahren Wahlkampf bildeten den Rahmen, der alles zusammenhielt. An einer Stelle sagt Obama: "Ich werde kein perfekter Präsident sein, aber ich kann euch versprechen: Ich werde euch immer sagen, was ich denke und wo ich stehe." Alleine das gilt heutzutage schon als Aussicht auf eine wohltuende Veränderung. Weder George W. Bush noch John McCain erwähnte Obama ein einziges Mal. Nach 27 Minuten schaltete das Fernsehteam live nach Florida, wo Obama in einer prall gefüllten Arena die Werbeveranstaltung mit einem Versprechen beendete: "Wenn ihr an meiner Seite steht und mit mir kämpft, eure Stimme für mich abgebt, das verspreche ich euch, gewinnen wir nicht nur Florida, sondern die ganze Wahl. Und gemeinsam werden wir dieses Land und diese Welt verändern." Donnernder Applaus, Jubel, Abblende.

Rivale McCain hatte bereits vor der Ausstrahlung gegiftet: "Er hat eine ganze Menge, was er euch verkaufen will. Staatliche Krankenversicherung, ein Energiekonzept, das garantiert ohne Ölbohrungen auskommt und einen automatischen Wohlstandsverteiler, der sich wunderbar zusammenfalten lässt und unter das Bett passt." In den TV-Debatten versuchten seine Abgesandten, Obama wahlweise Größenwahn, Übersättigung der Wähler und den Versuch zu unterstellen, die Wahl zu kaufen. Gerade letztere Behauptung ist angesichts eines Gesamtbudgets von gut einer Milliarde Dollar, das beide Kandidaten ausgeben, allerdings einigermaßen absurd. Und die ersten Reaktionen zeigten, dass keiner der Vorwürfe großen Widerhall fand.

Vielmehr dürfte sich Obamas Einsatz als schlaues Investment entpuppen. Für seine vier Millionen Dollar bekam er nicht nur 30 Minuten zur besten Sendezeit, sondern mindestens noch einen ganzen Tag TV-Debatte hinzu, an dem sich alles nur um ihn drehte. Und während er mit seinem Einsatz kaum Heerscharen von Unentschlossenen dazu bewegte, nun für ihn zu stimmen, hinterließ er bei seinen Anhängern das beruhigende Gefühl, am kommenden Dienstag das Richtige zu tun. Der Mann macht sich gut im Oval Office - sei es nun das echte oder eine problemlos wiederverwertbare Hollywood-Kulisse.

Von Matthias B. Krause, New York
 
 
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