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Massaker als Mitschnitt

Erstmals ist ein Video von der Ermordung bosnischer Muslime in Srebrenica beim Milosevic-Prozess in Den Haag vorgeführt worden. Die Bilder haben bei Opfern und Tätern einen Schock ausgelöst.

"Ich habe ihn gesehen, meinen Azmir, sein Gesicht, seine braunen Hosen, die er aus unserer Wohnung in Srebrenica genommen hat, und die Sportschuhe... Dann schießen sie auf ihn, ich sehe ihn fallen, ich sehe mit meinen Augen wie der Feind mein Kind mordet." Weinend erzählt Nura Alispahic von den grauenhaften Video-Aufnahmen der Hinrichtung ihres 16-jährigen Sohnes und fünf weiterer junger Muslime im Herbst 1995. Er ist einer der schätzungsweise 7000 Männer aus dem ostbosnischen Srebrenica, die nach der serbischen Eroberung 1995 kaltblütig hingerichtet worden waren. Das Videoband ist vor mehr als einem Monat in Serbien aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft des Belgrader Sondergerichts für Kriegsverbrechen hat inzwischen bestätigt, Ermittlungen eingeleitet zu haben.

Massaker an wehrlosen Zivilisten

Das UN-Kriegsverbrechertribunal (ICTY) für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag wertet das Massaker an wehrlosen Zivilisten als Völkermord. Das Material bestätigt nach Auffassung der Anklage, dass Paramilitärs des serbischen Geheimdienstes an den Erschießungen von Srebrenica teilgenommen haben. Nach monatelanger Belagerung hatten Anfang Juli 1995 die Truppen der bosnischen Serben Srebrenica eingenommen. Die Opfer wurden in der Stadt und in den umliegenden Dörfern zusammengetrieben und anschließend erschossen. Ihre Leichen wurden in Massengräber geworfen, später ausgegraben und an anderen Orten wieder verscharrt, um das Massaker zu vertuschen. Srebrenica steht für das größte Verbrechen im Bosnienkrieg (1992-1995).

Azmir, Zivilist und unbewaffnet, soll, so hat seine Mutter erfahren, noch vier Monate in einem serbischen Lager verbracht haben, ehe er vor der laufenden Kamera der Henker nahe Trnovo erschossen wurde. Die Mörder, Angehörige der einstigen serbischen Sonderpolizeieinheit "Skorpione", filmten jede Sekunde des Verbrechens: Zivilisten werden aus einem Lkw geschubst, werden gezwungen über eine Wiese zu kriechen, ein Serbe tritt mit dem Stiefel einem Opfer gegen den Kopf, der Mann mit der Kamera flucht auf die fast leeren Batterien ("Fuck, die Batterie ist leer. Wirklich, ich schwöre es... Aber sie wird schon aushalten, arbeitet nur weiter..."), ein weiterer lacht. Die Opfer warten geduldig auf die Hinrichtung, zwei der Letzten aus der Gruppe müssen die Leichen auf einen Haufen legen und werden dann auch erschossen. Mit Schüssen in den Rücken aus Sturmgewehren.

Dieselben Aufnahmen, zuerst gezeigt am Mittwoch im Prozess gegen den damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor dem UN-Tribunal in Den Haag, wurden auch in Serbien ausgestrahlt. An jenem Abend saß auch die Familie Medic vor dem Fernseher, als der Name des Familienvaters Branislav erwähnt wurde. Er schickte seine beiden jüngeren Töchter ins Schlafzimmer, seine Frau und die 17- und 19- jährigen Töchter schauten in die Bildröhre. Dort war zu sehen, wie drei Männer mit verbundenen Händen kaltblütig von Uniformierten durch Schüsse in den Rücken getötet werden.

"Ich werde wahnsinnig"

Einer der Henker ist Branislav Medic - Bilder lügen nicht. "Es ist schrecklich... Ich werde wahnsinnig", soll er gesagt haben. Seine Töchter schweigen seitdem, die ältere weint ununterbrochen, beklagt die Mutter. "Ich hasse das Morden. Ich mag nicht über den Krieg nachdenken, das ist alles Vergangenheit. Mein Mann hat nie über seine Kriegserlebnisse geredet. Er hat nur ein Mal gesagt, dass sie 150 Kilometer von Srebrenica weg waren und dass es seine schlimmste Erfahrung war." Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft. Nura Alispahic, die an Diabetes leidet, hat zwei Söhne verloren, beide im letzten Kriegsjahr. Der Ältere, der 24-jährige Admir, starb im Mai 1995 als Soldat. "Kann irgendjemand verstehen, wie mir zu Mute ist?", fragt sie mit weinenden Augen.

Dubravko Kolendic/DPA/DPA
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