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17. Juni 2004, 12:34 Uhr

Ein "Abgrund an Dilettantismus"

Offiziell wird dem Brüsseler stern-Korrespondent Hans-Martin Tillack Bestechung eines Olaf-Beamten vorgeworfen. Gemeinsam mit dem stern hat er jetzt Klage gegen die EU-Kommission eingereicht.

Drei Monate nach der Durchsuchungsaktion beim Brüsseler stern-Korrespondenten Hans-Martin Tillack haben er und der stern Klage gegen die EU-Kommission eingereicht. Die belgische Polizei hatte Tillack am 19. März zehn Stunden lang festgehalten und kartonweise Unterlagen aus Büro und Privaträumen konfisziert, nachdem die EU-Antikorruptionsbehörde (Olaf) Tillack vorgeworfen hatte, er habe EU-Beamte mit "8000 Euro (oder möglicherweise DM)" bestochen, um an vertrauliches Material zu kommen. Der stern hat die Anschuldigungen als falsch zurückgewiesen. Auf welch tönernen Füßen die Olaf-Vorwürfe stehen, zeigen Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") und des stern. Demnach stützen sich die Ermittlungen auf einen einzigen Zeugen: den Journalisten Joachim Gross, 50.

"Vermerke gegen Bezahlung verschafft"

Gross arbeitete bis 2003 als Pressesprecher von EU-Haushaltskommissarin Michaele Schreyer in Brüssel. Am 22. März 2002 traf er sich mit einem Kollegen der Olaf-Behörde zum Essen, heißt es in der Olaf-Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft Hamburg. Danach notierte der Olaf-Mann, Gross habe erzählt, ihm sei "zugetragen worden, Herr Tillack habe sich die Olaf-Vermerke gegen Bezahlung...verschafft". Den Ermittlern dürfte Gross als idealer Kronzeuge erschienen sein: Arbeitete er doch selbst einmal beim stern. Allerdings vor 15 Jahren und nur kurz.

Neun Monate nach dem Essen wurde Gross von Olaf offiziell befragt. Er bestätigte seine Äußerungen. Im Januar 2004 nannte er seinen angeblichen Informanten für das vermeintliche Schmiergeldgeschäft: Wilfried Krause, Chef vom Dienst beim stern. Der habe ihm die Tillack-Zahlung telefonisch bestätigt. Krause wehrt sich gegen diese Behauptung: Er hat mit Gross seit Jahren nicht gesprochen.

Der behauptet zwar weiter, er habe mit Krause telefoniert. "Richtig konkret" sei dieses Gespräch aber nicht gewesen, räumte Gross gegenüber der "SZ" ein. Mehr noch: Er habe Krause gar "nicht genau auf den Fall angesprochen". Und gibt sich erstaunt: "Mir wären die Angaben viel zu dünn gewesen, um ein solches Verfahren einzuleiten." Das befand auch ein Hamburger Richter, bei dem die Staatsanwaltschaft eine Durchsuchung des stern beantragt hatte. Er lehnte ab.

Olaf will Anzeige nicht zurückziehen

Die Ermittlungen laufen dennoch weiter. Olaf will die Anzeige nicht zurückziehen. Gross, der heute von Köln aus einen ARD-Medienpreis koordiniert, erklärt, er habe Kommissarin Schreyer und seinem damaligen Dienstvorgesetzten Jonathan Faull nur berichtet, was "ich gehört habe". Nach diesem Gespräch fühlte er sich offenbar veranlasst, Olaf zu informieren.

Faull und Schreyer lehnen eine Stellungnahme ab. Sie wollen nur noch vor dem Europäischen Gerichtshof aussagen, bei dem der stern seine Klage einreichte. Fazit der "SZ": Der Fall Tillack beruhe auf "Geschwätzigkeit" und einem "Abgrund an Dilettantismus von Behörden".

 
 
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