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28. Januar 2010, 15:20 Uhr

"Kein Taliban riskiert für eine Handvoll Dollar sein Leben"

Soll der Westen mit den Taliban reden? "Ja, unbedingt", sagt Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig im Interview mit stern.de. Das sei unumgänglich, wenn man das Land befrieden will. Denn nur ein Bruchteil der Aufständischen sei ideologisch verbohrt.

Thomas Ruttig ... ... hat insgesamt zehn Jahre lang, auch unter der Taliban-Herrschaft, in Afghanistan gelebt und gearbeitet, unter anderem für die UNO, die EU und das Auswärtige Amt. Er spricht die Amtssprachen Dari und Paschtu und ist derzeit Co-Direktor des "Afghanistan Analysts Network", eines unabhängigen Think Tanks mit Sitz in Kabul und Berlin.

Herr Ruttig, ist Afghanistan noch zu retten?

Die Probleme haben sich zu einem Gordischen Knoten verdichtet. Ich habe mit vielen Afghanen gesprochen, die fragen, ob es an der Zeit sei, die Koffer zu packen und Afghanistan zu verlassen - was im Allgemeinen ein Indikator für die Stimmung in einem Land ist. Und doch: Mit einer konzertierten Anstrengung der internationalen Gemeinschaft lässt sich sicher noch etwas bewegen.

Eine aktuelle Umfrage kommt zum Ergebnis, dass 70 Prozent der Afghanen sagen, die Lage habe sich im vergangenen Jahr verbessert. Wie passt das zusammen?

Das hat mich überrascht, denn ich beobachte seit Jahren eine zunehmende Desillusionierung. Ich kann mir nur vorstellen, dass die Befragung aus Sicherheitsgründen vor allem in friedlicheren Gebieten stattgefunden hat. Zudem neigen viele Afghanen aus Vorsicht zu Antworten, die die Befrager gerne hören wollen.

Hat der Westen den Afghanen zu viel Hoffnung gemacht?

Die Hoffnung war nach mehr als 30 Jahren Krieg natürlich groß. Aber die Afghanen verlangen ja nichts Unmögliches: Sicherheit vor allem, Stromzugang, sauberes Wasser, ein Staat, der sich um Bildung, Schulen und Gesundheit kümmert. Niemand erwartet, dass man ihm eine Villa baut.

Auf der Afghanistan-Konferenz in London wird auch darüber diskutiert werden, wie man mit den Taliban umgeht. Welches Verhältnis haben die Afghanen zu den Aufständischen?

80 bis 90 Prozent der Taliban kämpfen dort, wo sie leben. Das heißt, sie sind auch Teil der Gemeinschaft, die Kämpfer genießen teilweise Unterstützung, weil immer mehr Afghanen das Gefühl haben, besetzt zu sein oder ausgegrenzt zu werden.

Das müssen sie erklären.

Präsident Hamid Karsai hat zum Teil Leute in die Provinzen geschickt, die dort wie Alleinherrscher regieren und dabei soziale, ethnische und Stammesgruppen ausgrenzen. Wer sich darüber beschwert, wird schnell als Talib bezeichnet. Weil dem oft Bomben folgen, treibt es viele dann tatsächlich den Aufständischen in die Arme.

Die Politik denkt darüber nach, die Taliban mit finanzieller Hilfe von ihrem Kampf gegen die ausländischen Truppen abzubringen. Ist das ein gangbarer Weg?

Ich glaube, der ökonomische Faktor wird überbewertet. Kein Taliban riskiert nur für eine Handvoll Dollar sein Leben.

Wie stark sind die Taliban in Afghanistan?

Wenn es ehrliche und freie Wahlen in Afghanistan gäbe, würden sie nicht gewinnen aber sicher einen erheblichen Teil der Stimmen bekommen - wenn auch eher aus Protest als aus Überzeugung. Man darf nicht vergessen, dass die Afghanen eines der wenigen Völker im islamischen Raum sind, die bereits zweimal ein islamistisches Regime erlebt haben: zunächst die Mudschaheddin, dann die Taliban - und mit beiden war das Volk alles andere als zufrieden. Selbst viele Paschtunen, aus deren Reihen die Aufständischen kommen, wollten die Taliban zum Schluss nicht mehr.

Kann man denn mit den Taliban reden, wie jetzt zunehmend gefordert wird?

Natürlich kann man mit ihnen reden - und das wird auch schon getan, tagtäglich. Nicht nur von Geheimdiensten, sondern vor allem von Afghanen und auf lokaler Ebene. Man kennt sich über die Fronten hinweg. Nur geschieht das eben bisher nicht systematisch - aber man kann an solche Kontakte anknüpfen. Die Taliban sind eine vielschichtige Gruppe – von "Feierabend-Taliban" bis zu verbohrten Hardlinern.

Seite 1: "Kein Taliban riskiert für eine Handvoll Dollar sein Leben"
Seite 2: Sie glauben, man müsse intensiver mit ihnen in den Dialog treten
 
 
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