Lange hat die Welt weggesehen, während arabische Banden im Bund mit Regierungssoldaten im Sudan afrikanische Bauern und ihre Familien vertrieben und ermordet haben. Mehr als eine Million Menschen sind auf der Flucht.

Ein Mitglied der "SLA"-Rebellen liegt schlafend nach einem Einsatz in West-Darfur auf dem Boden© Bruno Stevens
Wider alle Vernunft hatte er gehofft, dass sein Dorf verschont bleiben würde. Als im Sommer vergangenen Jahres immer häufiger Rauchsäulen über der Ebene standen und ein Dorf nach dem anderen in Flammen aufging, da glaubte er noch, die steilen Berghänge würden ihm und seiner Familie Sicherheit bieten. Dann fielen die Reitermilizen auch in Dirki und den Nachbardörfern ein. Abdurrahman Abakar Adam und die anderen Bauern versteckten sich zwischen den Felsen. Erst nach Tagen wagten sie sich wieder ins Dorf zurück. Sie ersetzten die verbrannten Strohdächer der Hütten, bestellten die Hirsefelder neu und lebten weiter, so gut es eben ging auf diesem kargen Flecken Erde am Südrand der Sahara. "Wo sollten wir auch sonst hingehen?", sagt der 42-Jährige.
Ärger zwischen Arabern und Afrikanern hatte es in der Provinz Darfur, im äußersten Westen des Sudan, schon oft gegeben. Nun aber war alles anders. Die Reiter, die das Dorf überfallen hatten, gehörten nicht zu jenen arabischen Nomaden, mit denen sich die Bauern am Ende der Trockenzeit stets um die letzten Wasserlöcher zankten. Neue Feinde zogen durchs Land: Reiter in Uniform, von regulären Soldaten kaum zu unterscheiden, gut bewaffnet und von der Regierung in Khartum unterstützt. Ihnen ging es nicht um Wasser, sondern darum, alle Nicht-Araber zu vertreiben. Sie nannten sich "Dschandschawid" - "die Reiter mit Gewehr".
Neun Monate lang ließen die Dschandschawid die Menschen auf dem Berg Jabal Mun in Ruhe. Ringsum brannten sie die Dörfer der Masalit, der Fur und der Zaghawa nieder. Die Kleinstadt El Geneina schwoll zu einem gigantischen Flüchtlingslager mit Zehntausenden Vertriebenen an. Fast schien es, als hätten die Milizen die Dörfer des Berges auf ihrem Vernichtungsfeldzug vergessen.Doch am Donnerstag vor drei Wochen kamen sie um sechs Uhr früh, die Milizen auf Pferden und Kamelen, die Soldaten auf den Ladeflächen von Pick-ups der sudanesischen Armee. Zusammen waren es gut 800 Mann, ausgerüstet mit automatischen Waffen. Abdurrahman rannte sofort aufs Feld hinaus. Denn er wusste, dass die Milizen oft als Erstes die Männer zusammentreiben und erschießen. Dschimija, seine Frau, riss die vierjährige Tochter an sich, versammelte die anderen sechs Kinder um sich und lief ebenfalls fort.
Zwei Tage wütete die Horde in den Dörfern des Jabal Mun, und diesmal gründlicher als zuvor. "Alles haben sie gestohlen: die Ziegen, die Hirse, selbst die Plastikmatten, auf denen wir schliefen", sagt Abdurrahman. "Was sie nicht mitnehmen konnten, das steckten sie an." Sogar die Moschee von Dirki brannte bis auf die Grundmauern nieder. Als die Reiter abzogen, war das Leben am Jabal Mun ausradiert. Aus Abdurrahmans Dorf sind seither zwei Frauen und zwei Kinder verschwunden, wahrscheinlich von den Milizen erschossen. Mehr als 200 Menschen hatten die Dschandschawid und ihre Helfer ermordet. Alle anderen, über 15 000, sind seither auf der Flucht.
Drei Tage nach dem Überfall sitzt Abdurrahman unter einem Baum im heißen Sand eines trockenen Flussbetts. Bei ihm hocken ein paar Dutzend Männer. Frauen und Kinder haben in einigem Abstand unter einem anderen Baum Schutz vor der Sonne gesucht. Die meisten sind mit den Kräften am Ende. Viele haben seit Tagen nichts mehr gegessen. Einige Kinder dämmern bei fast 50 Grad im Schatten fiebrig vor sich hin. Die Menschen gehören zu einer Gruppe von etwa 1000 Flüchtlingen, die vorige Nacht im Schutz der Dunkelheit nahe der Oase Birak die Grenze zum Tschad überquert hat - eine gefährliche Flucht, denn die Gegend ist voll von Milizen. "Wir sind die Ersten", sagt Abdurrahman. "Auf der anderen Seite warten noch fünfmal so viele."
6000 neue Flüchtlinge bei Birak? Bernard Chamoux erschreckt diese Nachricht. Der Franzose ist Koordinator des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) im Tschad. Umgeben von Bildschirmen und Regalen mit Aktenordnern sitzt er in seinem Büro in der Hauptstadt N'Djaména und brütet über Listen mit neuen Zahlen. Abdurrahman und die anderen Flüchtlinge vom Jabal Mun tauchen darin noch gar nicht auf. Chamoux ist sich nicht einmal sicher, wo Birak liegt. Doch eines weiß der UN-Beamte genau: Wenn noch mehr Vertriebene in den Tschad kommen, ist eine Katastrophe unausweichlich. "Wir gehen davon aus, dass bis jetzt ungefähr 180 000 Sudanesen in den Tschad geflohen sind", sagt Chamoux. "Viel mehr können wir nicht verkraften."
Es ist nur eine Frage von Tagen, bis die Regenzeit einsetzt. Die staubtrockene Halbwüste im Osten verwandelt sich dann auf Monate in einen riesigen Morast, für Fahrzeuge nahezu unzugänglich. Solange die Straßen noch befahrbar sind, soll Chamoux mehr als 80 000 Flüchtlinge aus dem Grenzgebiet 50 Kilometer weit ins Landesinnere bringen lassen, weit weg von den marodierenden Reiterbanden, die bis tief in den Tschad hinein auf Beutezug gehen. Dort sind die Lager, in denen die Flüchtlinge in der Regenzeit einigermaßen versorgt werden können.
Die Wirklichkeit gibt wenig Anlass zu der Hoffnung, dass alle rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden können. In der Umgebung der Grenzstadt Adré wurden Anfang Juni noch 27 000 Flüchtlinge vermutet. Trotzdem standen am nahe gelegenen Sammelplatz Goungour gerade mal drei klapprige Busse und zwei alte Lkws bereit, um die Flüchtlinge in Lager zu bringen. Platz in den Fahrzeugen fanden pro Tag kaum mehr als 300 - meist nur nach stundenlangem Gerangel.
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