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26. September 2004, 10:00 Uhr

Völkermord in Zeitlupe

Während Monat für Monat 10 000 Menschen umgebracht werden oder an Hunger sterben, geht das diplomatische Geschacher um Darfur weiter. Sudans Regierung lügt, die Großmächte zögern, und die Hilfsorganisationen können wenig tun.

Zuflucht: In diesem provisorischen Lager bei El Geneina haben Tausende eine erste Bleibe gefunden. Ihre Dörfer sind zerstört© Bruno Stevens

Der Pick-up ist mit Plastikblumen geschmückt. Auf der Ladefläche drängt sich ein Dutzend Männer in Kampfanzügen mit Kalaschnikows. Als das Fahrzeug stoppt, eine gewaltige Staubfahne hinter sich, springen die Männer herab. Auf Befehl ihres Anführers laden sie noch in Plastik eingeschweißte Uniformen ab, sie sollen im Dorf verteilt werden. Ein Polizeioffizier beobachtet die Aktion ungerührt. Doch dann entdecken die Männer den stern-Fotografen. Eilig werfen sie die Uniformpakete in ihr Fahrzeug zurück.

Was sich Ende August in Por Sayeed, einem arabischen Dorf in der sudanesischen Krisenregion Darfur, beobachten ließ, war - offiziell - der Vollzug einer UN-Resolution. Inoffiziell sprechen europäische Diplomaten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum jedoch ganz undiplomatisch von einer "großangelegten Verarschung der UN". Die läuft so: Man gibt den Mördern, Dieben und Brandschatzern von gestern Uniformen, er-nennt sie zu Sicherheitskräften und behauptet, damit 8000 zusätzliche Polizisten zum der Schutz der Bevölkerung abkommandiert - und so den Willen des UN-Sicherheitsrats erfüllt zu haben.

50 000 Tote, 1,2 Millionen Flüchtlinge

Ende Juli hatten die Vereinten Nationen die sudanesische Regierung aufgefordert, binnen 30 Tagen die so genannten Dschandschawid-Milizen zu entwaffnen, die seit mehr als einem Jahr in Darfur - einem Gebiet von der Größe Frankreichs im Westen des Sudans - morden, plündern und vergewaltigen (stern Nr. 27/2004). Unterstützt vom sudanesischen Militär, hatten sie so 600 Dörfer zerstört, 50 000 Menschen getötet und 1,2 Millionen zu Flüchtlingen gemacht.

Der Anführer der Milizen, der sich in Por Sayeed als Hafiz vorstellt, kommt aus dem nahe der Grenze zum Tschad gelegenen Städtchen Mistiriyah, einer Hochburg der Dschandschawid. Dort hören 12 000 Kämpfer auf das Kommando von Scheich Musa Hilal. Der genießt die Protektion durch die Regierung, gibt sich in Khartum als Ehrenmann und setzt seine Truppen per Handy zum Morden und Plündern in Marsch.

Das Ultimatum der UN ist längst verstrichen. Geändert hat sich nichts. Die Menschen erzählen, dass weiterhin Dörfer überfallen und niedergebrannt werden. Vor wenigen Tagen erst sind nördlich der Stadt Zam Zam 4000 Menschen vertrieben worden. Noch immer reiten schwer bewaffnete Dschandschawid hoch zu Kamel durch die Stadt Kutum im Nord-Darfur und lassen sich stolz fotografieren. Sie kaufen ein auf dem Wochenmarkt, ohne zu bezahlen. Und wer sich zur Wehr setzt, wird zusammengeschlagen. Wenn in Kutum die Frauen das Flüchtlingslager Camp Kassab auf der Suche nach Brennholz verlassen, lauern ihnen die neuen Polizisten auf und missbrauchen sie. Wer hier eine Vergewaltigung den Behörden meldet, kann sich leicht den Tätern gegenüber sehen.

Während immer mehr Menschen im Sudan sterben, verheddert sich die internationale Diplomatie in einen Krieg der Worte. US-Präsident Bush spricht vom "Völkermord" im Sudan. Das Regime in Khartum wedelt den Vorwurf weg. Hier werde versucht, im US-Präsidentschaftswahlkampf schwarze Wählerstimmen zu ködern. Und in den Vereinten Nationen meidet fast jeder das Wort "Genozid", weil die UN-Charta für diesen Fall sofortiges Eingreifen vorschreibt. Deshalb eiert auch der deutsche Außenminister Joschka Fischer herum und beklagt eine "humanitäre und menschenrechtliche Tragödie mit genozidalem Potenzial". Deutschland will sich öffentlich nicht festlegen in diesem Spiel.

"Massenexekutionen und Massenvergewaltigungen"

Dabei wissen die Berliner Diplomaten genau, was im Sudan geschieht. In einem internen Bericht des Auswärtigen Amtes heißt es: "Die Dschandschawid begehen unter der Verantwortung der sudanesischen Regierung ungestraft schwerste Menschenrechtsverletzungen und Greueltaten an der schwarzafrikanischen Zivilbevölkerung. Es gibt zahlreiche Berichte über Massenexekutionen, Massenvergewaltigungen, Vertreibungen sowie Verhinderung der Rückkehr der Flüchtlinge durch Abbrennen und Zerstörung der Dörfer und Verseuchung der Brunnen."

Mit Skepsis blicken Fischers Beamte in die Zukunft. Es gebe - entgegen allen Versprechungen der Regierung in Khartum - keineswegs mehr Sicherheit für die Zivilbevölkerung. Entscheidend werde sein, ob es gelinge, die Entwaffnung der Milizen zu erreichen - "notfalls mit Hilfe von Sanktionsmaßnahmen".

Denkbar ist da manches, durchzusetzen wenig. Ein UN-Waffenembargo dürfte am Veto Russlands scheitern, das im Sudan dick im Geschäft ist und soeben zwölf MiG-29- Kampfjets geliefert hat. Importverbot für sudanesisches Öl? China würde sich quer legen. Eine Anklage der Regierung beim Internationalen Strafgerichtshof, womit Khartum nach Meinung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch am meisten zu beeindrucken wäre? Dagegen sperren sich die USA. Stopp der EU-Entwicklungshilfe? Die Europäer können sich darauf nicht einigen. Bleiben Reisebeschränkungen für Regierungsmitglieder und das Sperren ihrer Auslandskonten.

Ob sich die Machthaber um Sudans Präsident Omar al-Bashir dadurch bremsen lassen, ist ungewiss. Konkret im Gespräch ist bisher nur der Einsatz einer Friedenstruppe der Afrikanischen Union in Darfur, die jedoch mindestens 3000 Soldaten stark sein müsste. Ob es dazu kommt, weiß keiner.

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