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Mandelas weißer Mitstreiter

Er war einer der wenigen Weißen, der gegen die Apartheid in Südafrika kämpfte. Das brachte Denis Goldberg mit Nelson Mandela auf die Anklagebank und schließlich ins Gefängnis. Marc Goergen traf ihn zum Interview.

Herr Goldberg, Sie waren der einzige Weiße, der 1964 mit Nelson Mandela und anderen Freiheitskämpfern vor Gericht stand und verurteilt wurde. Erst nach 22 Jahren Gefängnis kamen Sie frei. Was brachte sie als Weißer dazu, auf Seiten der Schwarzen zu kämpfen?
Das konnten schon damals viele nicht verstehen. Meine Freunde dachten, ich sei verrückt. Die Nachbarn beobachteten mich sogar für die Polizei - auch wenn heute jeder sagt: Wie haben die Apartheid nie unterstützt. Es ist so ähnlich wie 1945 in Deutschland. Auch da gab es plötzlich keine Nazis mehr.

Was machte sie denn zum Freiheitskämpfer?
Meine Familie hatte schon immer viele schwarze Freunde. Unsere ganze Lebensphilosophie beruht darauf, sich nicht von den Regeln der Apartheid das Leben bestimmen zu lassen. Und in Kapstadt war das in fünfziger Jahren auch noch möglich. Die Schranken zwischen den Rassen waren nicht so hoch wie in anderen Teilen des Landes. Man arbeitete zusammen, man besuchte sich - auch über die Rassengrenzen hinweg.

Wie kämpfte man denn als Weißer gegen die Apartheid?
Anfangs sind wir mit Flugblättern durch die Nachbarschaft gezogen und haben an den Türen geklingelt. Wenn die Leute uns dann gesehen haben, haben sie meistens die Türen sofort wieder zugeschlagen. Aber manche haben wir auch überzeugt.

Später dann waren Sie auch an der logistischen Vorbereitung von Sabotageakten beteiligt. All die Treffen und Planungen - wie ging das im Polizeistaat Südafrika?
Das war tatsächlich sehr schwierig. Schwarz und Weiß mussten ja nach dem Gesetz in verschiedenen Vierteln leben. Wir konnten als Weiße nicht einfach in die Townships gehen, das wäre ja sofort aufgefallen. Manchmal haben uns Freunde für ein paar Stunden ihr Haus überlassen. Dort haben wir dann Sitzungen abgehalten. Manchmal haben wir uns auch einfach in Autos gesetzt und sind durch die Gegend gefahren.

Offiziell kämpfte der ANC nicht gegen Weiße sondern gegen die Minderheitsherrschaft. Fühlten Sie sich dennoch von Diskussionen unter schwarzen Kameraden ausgeschlossen?
Auf offizieller Ebene nicht. Praktisch hin und wieder schon. Ich sprach ja keine der geläufigen schwarzen Sprachen wie Xhosa oder Zulu. Und wenn gerade keiner übersetzen konnte, war man schon mal außen vor.

War man Ihnen gegenüber misstrauisch?
Natürlich. Meine Kameraden erzählten mir einmal, dass sie mich eine ganze Weile lang beobachtet hätten, bevor Sie mich akzeptierten. Es gab ja tatsächlich die große Gefahr der Infiltration. Wir selbst wurden ja verhaftet, weil uns jemand verraten hatte.

Das war im Juli 1963, bei einer Razzia im Johannesburger Vorort "Rivonia". Im sogenannten "Rivonia"-Prozess saßen sie mit Nelson Mandela und anderen auf der Anklagebank wegen des Versuchs, den Staat zu stürzen. Ihnen drohte die Todesstrafe.
Aber schließlich verkündete der Richter "Lebenslänglich". Und wir waren total glücklich und lachten. Das wirkt heute absurd - aber wir waren einfach glücklich, nicht gehängt zu werden. Wir hatten monatelang mit der Vorstellung gelebt, sterben zu müssen.

Nach dem Urteil wurden sie von den schwarzen Gefangenen getrennt.
Ja. Apartheid gab’s auch im Gefängnis. Ich kam in einen Knast nach Pretoria, der speziell für weiße politische Gefangene gebaut worden war. Mandela und die anderen schaffte man nach Robben Island. Das Rassen-System war verrückt: Einmal kam ein Trupp aus schwarzen und weißen Gefangenen in unser Gefängnis. Sie sollten etwas umbauen. Als dann die Wärter sahen, dass die Schwarzen unsere Toiletten benutzten, stoppten sie das sofort. Von da an musste sich die schwarzen Gefangenen über einem Eimer mitten in der Sonne erleichtern - die Toiletten der Weißen benutzen, selbst wenn es Gefangene waren, das ging zu weit.

Fühlten Sie Hass von Seiten der weißen Wärter? Schließlich hatten sie ja gewissermaßen Ihre eigene Rasse betrogen.
Ja, von den einfachen Wärtern bis zu den Offizieren, sie alle verachteten einen. Für Mandela hatten manche noch Respekt. Der kämpfe für seine eigenen Leute. Aber ich? Ich hatte in den Augen der Wärter mein Volk verraten. Deswegen erlaubte man mir auch kaum Besuch zu empfangen. Meine Briefe wurden noch mehr zensiert, als es ohnehin schon üblich war.

Wie schafft man es, nicht zu verzweifeln mit der Aussicht erst in vielen Jahren, oder vielleicht gar nicht, frei zu kommen?
Man muss versuchen, seine Würde zu bewahren. Und sich mit den Wärtern arrangieren. Wir haben versucht, ihnen gegenüber Respekt zu zeigen - in der Erwartung, dass sie dann auch gegenüber uns Respekt zeigen müssen. Und das hat funktioniert. Wir haben es sogar geschafft, mit dieser Strategie ein paar besonders scharfe junge Typen zu erziehen. Denn auch ein Wärter freut sich zum Beispiel, wenn Gefangene ihn nett grüßen - und er fragt sich nach einiger Zeit, wenn das nicht mehr passiert, was er falsch gemacht haben könnte.

Und trotzdem war da die Aussicht, vielleicht nie mehr frei zu kommen.
Natürlich gab es Momente, in denen man verzweifelt. Aber ich hatte einen großen Vorteil gegenüber normalen Strafgefangenen: Ich hatte das moralische Recht auf meiner Seite. Ich fühlte mich nicht schuldig. Und wir haben auch versucht, uns nicht nur als Gefangene zu sehen. Selbst hinter Gittern gibt es Regeln, an die sich die Wärter halten müssen. Und wir haben dafür gekämpft, dass dem auch so war. Südafrika war ja keine faschistische Diktatur, sondern zumindest im Prinzip ein Rechtsstaat. Und diese Rechte galten eben auch im Gefängnis, wenn es auch manchmal nicht einfach war, sie durchzusetzen.

Hatten Sie manchmal Angst zu vergessen, wie Ihre Frau aussieht?
Nicht wie sie aussieht. Aber wie sie sich anfühlt, wenn ich sie im Arm halte. Es ist sehr einsam im Gefängnis. Und man lebt sich auseinander. Meine Frau und ich, wir haben uns in den späteren Jahren nur noch selten geschrieben. Es gab einfach nichts mehr zu erzählen. Umso erstaunlicher ist es, dass wir es schafften, nach meiner Entlassung wieder zusammen zu kommen.

Anderen Freiheitskämpfern gelang das nicht. Die Ehe von Nelson Mandela etwa ging in die Brüche. Hatten Sie nie den Gedanken, dass der Freiheitskampf ein zu großes Opfer von der Familie verlangt?
Nein. Ich musste von meiner Familie erwarten, dass sie das versteht. Jemand musste die Drecksarbeit übernehmen. Es ist traurig, dass die Kinder darunter leiden. Aber jemand musste doch für die Freiheit kämpfen.

Ihre Tochter hat später einmal gesagt: Vielleicht sollten Freiheitskämpfer keine Familie haben. Es muss doch hart sein, so etwas zu hören.
Natürlich tut das weh. Nach meiner Entlassung dauerte es vier Jahre, bis mich meine Tochter wieder akzeptierte, inklusive zwei Jahren Psychotherapie. Aber Demokratie fällt eben nicht einfach von den Bäumen. Sie muss erkämpft werden. Und jemand muss das tun.

Heute werden innerhalb des ANC diejenigen immer stärker, die eine afrikanisch-nationalistische Position einnehmen. Julius Malema, der Vorsitzende der ANC-Jugendorganisation, greift die Weißen immer offener an. Wie fühlt sich das für Sie an, als Weißer, der für die Rechte der Schwarzen 22 Jahre im Gefängnis saß?
Es gab im ANC schon immer zwei Richtungen: Eine afrikanisch-nationalistische, und eine die den absoluten Nichtsrassismus verficht. Und was Malema angeht: Er enttäuscht mich. Vor allem, weil er Sachen sagt, die historisch einfach falsch sind.

Über Ihr Leben haben Sie jetzt ein Buch geschrieben. War das auch eine Art Therapie, um mit der langen Zeit im Gefängnis endgültig abschließen zu können?
Vielleicht ja. Als ich neulich mein ehemaliges Gefängnis in Pretoria besucht habe, habe ich sogar angefangen zu weinen. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, über meine Jahre im Gefängnis zu reden. Aber darüber zu schreiben, das habe ich jetzt gemerkt, ist doch etwas geändert. Etwas öffnet sich da in einem. Ich hab tatsächlich das Gefühl, dass es mir jetzt besser geht.

Marc Goergen

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