. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
22. November 2007, 18:17 Uhr

Rückkehr des Steinzeitislams

Wie einst in Afghanistan werden Buddha-Reliefs und Mädchenschulen gesprengt, CD-Verkäufer hingerichtet, die Frauen unter Burkas versteckt. Im Norden Pakistans haben die Taliban das Swat Tal übernommen. Pervez Musharrafs Truppen haben in dieser unregierbaren Region keine Chance. Von Nils Rosemann

Frauengesichter unerwünscht: Im Norden Pakistans setzen die Taliban das Werk ihrer afghanischen Glaubensbrüder fort© John Moore/Getty Images

Ausländern wird in Pakistans Hauptstadt Islamabad gerne ein kleines Geschenk mit einem Buch und einer CD in die Hand gedrückt. "Vielfältiges Pakistan", heißt diese Werbung des Ministeriums für Öffentlichkeitsarbeit und auf dem Titel ist unter anderem ein kleines Foto vom Swat Tal zu sehen. Jenem Tal im Norden des Landes, das sich als "Paradies auf Erden" bezeichnet und von Besuchern gern als die "Schweiz Asiens" bezeichnet wird. Ein glasklarer Fluss durchzieht das breite Tal. In seinen Auen wachsen Orangen und Aprikosen. Kontrastreich wechseln sich die Terrassenfelder bis an die tiefschwarzen Tannen und Pinien ab. Danach kommt die Baumgrenze und im Herbst auch schon die ersten weissen Gipfel.

Kontrastreich ist auch der Unterschied zwischen dieser Postkartenidylle und dem Granatbeschuss einzelner Häuser dort durch die pakistanische Armee. Wo einst die Holzfeuer in Schwaden den Abendnebel über das Tal legten, steigen nun Rauchsäulen des Artilleriebeschusses auf. Die Rotoren der Cobra-Kampfhubschrauber zerreißen die Stille, die sonst nur durch den zum Abendgebet rufenden Muezzin unterbrochen wird. Es herrscht Krieg im Swat Tal und es geht wie immer in Pakistan um Partikularinteressen die im Nahmen Gottes, des rechten Glaubens oder der nationalen Einheit ausgefochten werden.

80.000 Soldaten stehen bereit

80.000 Soldaten hat die pakistanische Armee an der Grenze zu Afghanistan positioniert, um den Taliban ihre Rückzugsgebiete in den pakistanischen Bergen abzuschneiden. Dass es sich bei dabei jedoch um junge Koranschüler aus den eigenen Dörfern handelt, wurde für Präsident General Pervez Musharraf erst deutlich, als diese bereits mit den lokalen Stammesführern den Kampf für das Kalifat - den Gottesstaat - Paschtunistan begonnen haben. Das Emirat Swat, weit weg von den ohnehin unkontrollierbar gewordenen autonomen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan, soll nun dazu gehören.

"Ein Flächenbrand, der auch durch die blutige Erstürmung der Roten Moschee in Islamabad angefacht wurde", sagt Adam Malik von der Nichtregierungsorganisation ActionAid in Karatschi. Malik hatte gerade einen Friedensmarsch zur interreligiösen Harmonie organisiert, als im Swat die Kämpfe wieder ausbrachen. "Sie sprengen Buddhas in die Luft, verbrennen Fernseher, CDs und Musikkassetten, sperren ihre Frauen ins Haus und stecken ihre Mädchen unter Burkas. Wer nicht ihrer Meinung ist, wird öffentlich ausgepeitscht oder geschlagen", so Malik. Nach Malik geht die Saat des von den Mullahs vertretenen Steinzeitislam aber auch deshalb so gut auf, weil das Swat Tal lange vernachlässigt wurde und Rohstoffe, wie Holz und landwirtschaftliche Produkte, an der lokalen Bevölkerung vorbei ausgebeutet werden. "Ja, die Schulen sind leer und die Koranschulen voll. Aber warum denn?" fragt Malik und gibt die Antwort gleich selbst: "In Schulen ohne Elektrizität, Heizung, Wasser und Toiletten kann man zumindest lernen, aber in Schulen ohne Lehrer nicht".

Einfache Antworten auf komplexe Fragen

Und die Bilanz der Mullahs, mit ihren einfachen Antworten auf komplexe Fragen, ist erschreckend: Ihr Anführer Maulana Fazlullah befehligt eine mehrere Tausend Mann Starke Gruppe von lokalen Taliban, die er über einen eigenen Radiosender mobilisiert. Sein Spitzname "UKW-Mullah" ist dabei eine Untertreibung, denn er erhält auch Unterstützung durch usbekische, tadschikische und tschetschenische Freischärler. "

"Im Frühjahr hat er angefangen, ausländische Mitarbeiter von Entwicklungshilfeorganisationen unter Druck zu setzen. Im Frühsommer sprengten sie Mädchenschulen und Büros von Nichtregierungsorganisationen in die Luft. Nach dem Sturm auf die Rote Moschee in Islamabad mobilisierte Fazlullah seine Selbstmordattentäter und zwang die Polizei und Sicherheitskräfte in die Knie." Im Oktober kam es dann zu den ersten öffentlichen Auspeitschungen. Auch Hinrichtungen und Entführungen von Verkäufern von Musik-CDs und Fernsehapparaten oder Friseuren wurden berichtet.

Als Anfang des Monats dann ein über 1000 Jahre altes Wandrelief Buddhas gesprengt wurde, musste selbst die Armeeregierung in Islamabad ihr Versagen einräumen. Die Reaktion der Pakistanischen Armee ist die militärische Großoffensive. "Die staatliche Ordnung wiederherstellen", sei sein Ziel, erklärte Musharraf am Anfang des Granatbeschusses und Einsatzes von Kampfhubschraubern und rechtfertigte die Ausrufung des Ausnahmezustandes auch mit der "Talibanisierung" im Norden Pakistans.

Beobachter sind da skeptischer. Sie werfen Musharraf vor, mit dem Notstand eine politische Krise heraufbeschworen zu haben, die ihn als Politiker und Präsident bindet und so seine Funktionen als Oberbefehlshaber der Armee vernachlässigen lässt. Nach der endgültigen Bestätigung seiner Wahl zum Staatschef wird er aber wohl als Armeechef zurücktreten und als "ziviler" Präsident vereidigt werden.

"Wir kämpfen uns zurück"

"Wir kämpfen uns zurück. Sicherheitskräfte haben die Bergregionen bombardiert und eine Polizeistation zurück erobert. Dabei wurden 26 Aufständische getötet", sagt Generalmajor Wahid Arschad. Dabei herrscht Unklarheit über die Opferzahlen. Von mehr als 200 toten Taliban spricht die Regierung. Sirajuddin, ein Sprecher der Taliban erklärte, dass allein in dieser Woche mehr als 50 Soldaten und Kollaborateure getötet worden sein. "Überwiegend kontrollieren wir die Gegend und die Behauptungen der Sicherheitskräfte sind eine Lüge", so Sirajuddin Noch kontrolliert die Armee den Flughafen von Saidu Sharif, jedoch hört die Kontrolle an dessen Toren auf. Eine vereinbarte Waffenruhe hält nicht und während sich die Taliban in die Berge zurück und damit die Granaten der Armee auf sich ziehen, flieht die Bevölkerung in die Kleinstädte und die Provinzhauptstadt Peschawar.

Der Blick sagt alles: Flüchtlingskind aus dem Swat Tal© John Moore/Getty Images

Für hunderte Familien wurde mit dem Aufbau von vier Zeltstädten im Swat Tal begonnen. Aus dem Innenministerium der Grenzprovinz, zu der Swat gehört, wird berichtet, dass die Vorbereitungen für den Aufbau eines großen Flüchtlingslagers in Peschawar bereits begonnen haben. Die Ironie: Es soll an jener Stelle aufgebaut werden, an der bis vor kurzem afghanische Kriegsflüchtlinge versorgt wurden. "Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ist ein steter Partner in Pakistan, der bereit ist, der Regierung bei der Betreuung Binnenvertriebener zu helfen, wenn es gefragt wird", so Babar Baloch, der Sprecher des Flüchtlingshilfswerks in Islamabad, gegenüber den pakistanischen Medien. Diese berichten, dass die Provinzregierung bereits mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Kontakt aufgenommen haben, um die Versorgung der Flüchtlinge sicher zu stellen.

Während so die Kämpfe weiter eskalieren und Familien sich in Sicherheit bringen, verklären viele die Zeit vor den Kämpfen. "Normalerweise ist jetzt Hochzeitssaison und viel Pakistaner verbrachten ihre Flitterwochen im Swat Tal", sagt ein Hotelier aus einer Kleinstadt, dessen Hotel seit zwei Monaten geschlossen ist. Und mit dem bevorstehenden Winter haben viele auch auf die Eröffnung des einzigen Skilifts Pakistans gehofft. Finanziert von der österreichischen Entwicklungshilfe, wird er wohl diesen Winter vor sich her rosten.

Von Nils Rosemann
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Centa1999 (23.11.2007, 11:08 Uhr)
Kein Fortschritt möglich wo Totalitarismus angestrebt wird.
Die Taliban und mit diesen andere "Religions"-Fanatiker sind doch nur Handlanger der Moslem-bruderschaft, welche ebenfalls mit Gewalt und "Überschwemmung nichtislamischer Länder durch ihre islamischen Volksgruppen die ganze Erde beherrschen wollen, was allerdings bisher noch keine vermeintliche "Macht" geschafft hat und auch nicht schaffen wird. Töten durch Massenmorde sowie von Einzel-personen ist keine "Waffe" zur Macht-gewinnung. Menschen mit Gewalt unter dem Deckmantel einer Religion zu versklaven und zu vernichten bringt auf Dauer niemndem etwas. Auch die Taliban sind manipulierte Idioten, welche nur angeführt von falschen Versprechungen ihre Gewalttätigkeit ausdehnen ohne jeden Gedanken an ein Danach. Der "Gottesstaat" ist eine Illusion ebenso das den Mördern versprochene Paradies. Nicht umsonst benutzen Talibans und andere Extremisten ungebildete und daher leicht beeinflussbare Menschen ohne echte Zukunftsperspektive für sämtliche geplanten Attentate.
"Bush" wird da mit seiner Gegengewalt durch sein Militär gar nichts erreichen, weil auch Amerika als nationalistischer Staat keine Demokratie bieten kann und seine Art von Regierung keinen anderen Völkern aufzwingen kann. Kein Volk hat jemals aus der mit Blut geschriebenen Geschichte gelernt, dass Kooperation statt Konfrontation wesentlich besser sind als jegliche Form brutalster Gewalt.
tagora-sagittara (23.11.2007, 09:14 Uhr)
@ Evil-King
naja,...es war wohl eher so, daß die Juden die Römer missbraucht haben einen Revolutzer legal loszuwerden, indem sie forderten Jesus zu verurteilen.
Hätte Jesus nicht im Tempel den Geldwechslern auf die Füße getreten,...hätte er wahrscheinlich überlebt!!,...Du siehst, die Geschichte wiederholt sich,...
hiro42 (23.11.2007, 09:08 Uhr)
Gotesstaat
Der Vorschlag von screne ist doch gar nicht schlecht. Die Taliban dürfen nach einer Übergangszeit ihren Gottesstaat gründen, ab und zu werden ein paar Bush-Puppen oder Playboy reingeworfen, damit die was zum drauf schiessen und verbennen haben (ob die Plaboys verbrannt werden ist natürlich die Frage) und nach max. 10 Jahren hat sich das Problem von alleine erledigt. Die Jungs haben sich gegenseitig ins Paradies geschossen, wo sie endlich ihre 77 Jungfrauen kriegen - und alle haben gewonnen. (Bis auf die Jungfrauen vielleicht).
flashback02 (23.11.2007, 09:06 Uhr)
@KamilJan
Es geht überhaupt nicht um Christen oder Juden gegen Islam, sondern es geht um Freiheit gegen Unterdrückung unter dem Deckmantel von Religion.
Ein Vergleich: Wenn z.B. Frauen im Namen von sonstwas gezwungen werden dürfen, zu hause bleiben zu müssen, sich verschleiern zu müssen, auf Bildung zu verzichten, irgendjemanden heiraten zu müssen und sonst keine Rechte zu haben, wo liegt da der Unterschied zur Sklaverei???
Ist Sklaverei das, was sie "Fortschritt" nennen?
manndernichtdaist (23.11.2007, 08:59 Uhr)
@KamilJan
Soll das jetzt heissen, dass für dich der Islam ein Fortschritt ist? Ich denke eher jeder der an eine Religion glaubt lebt noch im Steinzeitalter. Sich wegen einer unsichtbaren (gar fiktiven?) Macht die Schädel einzuballern grenzt an gnadenloser Blödheit. Deshalb wäre es gut, wenn jemand endlich mal ein paar richtige "Garaus"-Bomben werfen würde, dass endlich wieder Ruhe ist.
Evil-King (23.11.2007, 08:54 Uhr)
@ KamilJan
Nicht die Juden haben Jesus gekreuzigt, sondern die Römer. Desweiteren gab es zu Christi Zeiten noch kein Christentum sondern nur paar Hände voll Anhänger ;-)
Im Übrigen ist eine Gruppe nur so stark wie ihre Anhängerschaft. Wenn das Volk gegen die Taliban ist, dann wird es das Militär unterstützen, wenn nicht, dann wird es die Taliban durch Nichtstun unterstützen. Es liegt also am pakistanischen Volk und nicht an der militärischen Präsenz oder Schlagkraft, die Taliban zu bekämpfen.
Raufbold (23.11.2007, 07:34 Uhr)
screne,
ich glaube nicht, dass sie die zivilisierte Welt dann in Ruhe lassen…es sei dennh, sie werden mit Atombomben beruhigt… das ist aber keine gute Lösung.
KamilJan (23.11.2007, 07:25 Uhr)
ich verstehe es nicht....
...warum sich immer alle so gegen den Fortschritt wehren, anscheinend lernen wir aus der Geschichte garnichts, das Judentum ließ Jesus kreuzigen aus Angst, das Christentum wehrte sich u.a. mit der Inquisition gegen den Wandel der Zeit und jetzt geschieht selbiges mit dem Islam, mich würde interessieren warum sich alle so vor einem Wandel fürchten...
mramorak (22.11.2007, 23:20 Uhr)
Ausweg?
Leider wird es da kaum einen Ausweg geben. Wenn auf der einen Seite, Seite der Angreifer, Fanatiker, wie Taliban, am werk sind und auf der Anderen Seite, Seite derer die diesen Fanatismus bekümpfen wollen, zu viele Bremser sind, kann es keine Lüsung geben. Denn die Fanatiker rechnen immen noch, offenbar mit Hoffnung, dass sie die demokratische Welt spalten können. Die vielen Politiker und Meinungsmacher in den demokratischen Ländern, die nichts begreifen, sind deren Hoffnung.
Perof (22.11.2007, 20:53 Uhr)
Einfache Lösung
Ach ja @screne,...wenn es denn mal so einfach wäre.
Für jedes Problem der Welt gibt es eine Lösung, die schnell,...einfach,...
und falsch ist.
Siehe den Krieg gegen den internationalen Terrorismus durch die Administration Bush und die bisher "verbuchten" Erfolge.
Wenn Mauern das probate Mittel sind, um in der Welt den Hunger, die Ungrechtigkeiten, den staatlichen Terrorismus der Diktatoren, den religiösen Wahn, die drohende Klimakatastrophe und weiteres zu besiegen, ja dann gebt mir bitte eine Maurerkelle.
Die Geschichte allerdings lehrt uns da allerdings was ganz anderes.
MEHR ZUM ARTIKEL
Pakistan Musharrafs Wahl für rechtmäßig erklärt

Das Oberste Gericht Pakistans hat auch den sechsten und letzten Einspruch gegen die Wiederwahl von Präsident Pervez Musharraf zurückgewiesen. Er hatte vor Kurzem seine Kritiker im Gericht entfernt. mehr...

Pakistan Notstand wegen Atomwaffen

Pakistans Präsident Pervez Musharraf hat die Verhängung des Ausnahmezustands mit der Gefahr gerechtfertigt, dass die Atomwaffen des Landes in falsche Hände geraten könnten. Die USA sollen fast 100 Millionen Dollar gezahlt haben, um Atomwaffen zu sichern. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe