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Der Islamische Staat ist nicht das Hauptproblem, sondern Assad

Syrien stirbt einen qualvollen Tod. Jahrelang hat der Westen dem Morden tatenlos zugeschaut. Trotz endloser Flüchtlingstrecks wagt niemand, den Hauptschuldigen anzugehen: Diktator Baschar al Assad.

Von Steffen Gassel

Zerstörung in Aleppo

Ausgebombt und alleingelassen: Ein Bewohner von Aleppo nach einem Angriff mit Fassbomben

Das Geräusch, das den nahen Tod verheißt, klingt wie ein hohes Pfeifen. "Wenn du es hörst, bleibt dein Herz stehen", sagt Abid Kuntar. "Du weißt, du hast höchstens 20 Sekunden. Aber du hast keine Ahnung, wo die Bombe einschlagen wird. Du fragst dich, ob du spüren wirst, wie du stirbst. Dann rennst du los ins nächste Haus. In der Hoffnung, dass die Bombe woanders niedergeht und die Wände dich vor herumfliegenden Splittern schützen."

Assad herrscht nur noch über ein Viertel des Landes

Der Bauernsohn aus der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens kennt sich aus mit dem Sound der fallenden Fässer. Öltonnen, gefüllt mit Sprengstoff und Metallteilen: Fast täglich lässt der syrische Diktator Baschar al Assad die todbringende Ladung aus Hubschraubern über Gegenden des Landes abwerfen, die seiner Herrschaft entglitten sind. Das sind inzwischen fast drei Viertel Syriens.

Sobald Abid Kuntar einen Einschlag hört, schnappt er sich die Kamera, setzt sich aufs Moped und fährt hin. Zerfetzte Körper, kollabierte Apartmentblocks, staubbedeckte Überlebende, die wie Geister durch die Straßen irren. Der junge Mann mit dem lockigen schwarzen Haar fotografiert all das und schickt die Bilder an Nachrichtenagenturen und Menschenrechtsorganisationen in aller Welt.


Kuntar nennt sich selbst Medienaktivist. Man könnte auch sagen: Buchhalter des Todes. Hunderte Fassbomben sind über Idlib niedergegangen, seit er vor eineinhalb Jahren mit dem lebensgefährlichen Job begann. Hat sich in all der Zeit irgendetwas verändert? "Ja", sagt Kuntar. In letzter Zeit gebe es manchmal Angriffe ohne einen einzigen Toten. "Es sind ja kaum noch Menschen da. Die sind doch alle schon tot. Oder längst von hier abgehauen."

Syrien - Zankapfel der Großmächte seit Jahrtausenden

Mehr als 250.000 Tote, rund zwölf Millionen Menschen auf der Flucht, ein Staatswesen in Auflösung, Weltkulturschätze von unermesslichem Wert zu Staub gesprengt oder von Hehlern des Terrors auf dem Schwarzmarkt verhökert: Das ist die Bilanz eines Krieges, zu dem den Mächten des Westens bisher nicht viel mehr eingefallen ist als immer neue Variationen von: raushalten, um Himmels willen raushalten!

Ein harsches Land ist es immer gewesen, dieses Syrien, Zankapfel der Großmächte seit Jahrtausenden. Und doch genau deswegen auch reich an zivilisatorischem Erbe wie kaum ein anderer Flecken Erde. Ob mit Griechen, Römern, Arabern, Kreuzfahrern oder Türken: Die Syrer, dieses uralte Vielvölkervolk von Händlern und Gelehrten, Bauern und Beduinen, hatten sich in ihrer Geschichte noch mit jedem Herren zu arrangieren gewusst. Und am Ende alle überwunden, ohne darüber diese besondere Mischung aus Stolz und Weltoffenheit aufzugeben, die Generationen von Syrien-Reisenden spüren ließ, was der französische Archäologe André Parrot einmal so ausdrückte: "Jeder Mensch hat zwei Heimatländer: sein eigenes - und Syrien."

Baschar al Assad in Maaloula

Syriens Machthaber verschafft sich im April 2014 einen Überblick über die Stadt Maaloula


Ausgerechnet dieses Land wurde von der Welt in den vergangenen vier Jahren schmählich im Stich gelassen. Ein arabischer Twitter-User hat die Haltung des Westens kürzlich so zusammengefasst: 2011 - das macht uns Sorgen, wird aber wahrscheinlich nicht so schlimm. 2012 - es ist schlimmer geworden, aber nicht so schlimm, dass wir uns darum kümmern müssten. 2013 - jetzt ist es richtig schlimm, aber machen wir es nicht noch schlimmer, wenn wir uns einmischen? 2014 - es ist noch viel schlimmer geworden. Wir sollten eingreifen, aber wir haben keine Ahnung, wie. 2015 - es ist so schlimm, dass jede Hilfe zu spät käme. Wir hätten 2011 etwas unternehmen sollen.

Der Krieg vor den Toren Europas

Nun aber tut sich etwas in Berlin und Washington, London, Paris und Moskau. Auf einmal sind die Folgen der Tatenlosigkeit auf Bahnhöfen von Budapest bis Bad Fallingbostel, am Tunnel von Calais und am Strand von Kos live zu besichtigen. Der Exodus aus Syrien, mit dem bisher vor allem die Nachbarländer im Nahen Osten zu kämpfen hatten, hat in den vergangenen Wochen Europa mit voller Wucht erreicht. Vier Jahre nachdem Assads Armee begann, auf friedliche Demonstranten zu schießen, sieht sich die deutsche Bundeskanzlerin zur Einsicht genötigt, der Krieg finde ja "letztlich vor den Toren Europas" statt.

So rührend und ehrlich die Solidarität mit den Hunderttausenden Flüchtlingen ist, die dieser Tage Deutschland und einige andere Nachbarländer erfasst hat, so entschlossen die "Wir schaffen das"-Appelle von Ministerpräsidenten, Bürgermeistern und ehrenamtlichen Helfern klingen - allen ist klar: Die Fähigkeit Europas, so viele Flüchtlinge aufzunehmen, menschenwürdig unterzubringen und dauerhaft zu integrieren, ist dabei, an ihre Grenzen zu stoßen.

Düstere Prognosen des Experten

"Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Politik gegenüber Syrien nicht signifikant verändert, könnte die Zahl der Flüchtlinge, die nach Europa strömen, bis Jahresende fünf Millionen erreichen", schätzt der britische Chemiewaffenexperte Hamish de Bretton-Gordon, der seit Jahrzehnten im Nahen Osten arbeitet. "Das Flüchtlingsproblem ist ein direktes Ergebnis unserer Tatenlosigkeit, insbesondere angesichts des Chemiewaffenangriffs auf Vororte von Damaskus im August 2013, bei dem bis zu 1500 Menschen ums Leben kamen."


Da nun auch der IS Chemiewaffen eingesetzt habe, sei keine Sekunde mehr zu verlieren. Statt Zeit mit fruchtlosem Streit über Quoten zur Verteilung der Flüchtlinge in der EU zu verschwenden, solle der Westen endlich entschieden in Syrien eingreifen: "Wir müssen Schutzzonen und eine Flugverbotszone schaffen, um es den Syrern zu ermöglichen, nach Syrien zurückzukehren." Das, so der ehemalige Nato-Kommandeur, sei nicht nur moralisch geboten, sondern auch kosteneffizienter als ein riesiges EU-Programm zur dauerhaften Aufnahme von Millionen weiterer Flüchtlinge. "Wir müssen gleichzeitig den Kampf gegen den IS verstärken und Druck aufbauen, um Assad von der Macht zu entfernen." Der Westen indes kann sich bisher nur zu einem durchringen: dem halbherzigen Kampf gegen den IS.
Und das, obwohl die weitaus größte Zahl der Flüchtlinge nicht vor den Islamisten davonläuft, sondern vor Assad. Die Gräuel seines Regimes stellen die Verbrechen aller anderen Kriegsparteien zusammengenommen weit in den Schatten. Allein zwischen Januar und Juli 2015 haben Assad-treue Truppen laut einer Dokumentation des "Syrischen Netzwerks für Menschenrechte" 7894 Menschen getötet, siebenmal mehr als der IS.

Bombardement von Krankenhäusern

Im Juli flog Assads Luftwaffe 7000 Angriffe, auffallend oft gegen zivile Ziele. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die Feldkliniken in Syrien betreibt, hat einige dokumentiert. Anfang Mai: Das al Sachur-Krankenhaus von Aleppo, eines von zwei noch funktionstüchtigen Hospitälern für 400.000 Menschen im von Rebellen gehaltenen Teil der Stadt, muss nach zweitägigem Luftbombardement schließen; 15. Juni: Das Krankenhaus von Busra in der Provinz Daraa wird von zehn Fassbomben zerstört; 7. bis 10. August: Luftangriffe auf neun Hospitäler in der Provinz Idlib; 12. bis 31. August: Flächenbombardement der östlichen Vororte von Damaskus, aufgrund der Angriffe müssen allein 400 Menschen Gliedmaßen amputiert werden. Derweil sind rund um die Hauptstadt in von Assad-Truppen belagerten Vierteln an die 800.000 Menschen von jeglicher Versorgung abgeschnitten.

Die Heimat gehört denen, die sie verteidigen

In Damaskus und den anderen vom Regime gehaltenen Städten und Dörfern wiederum verbreiten Greiftrupps der Armee Angst und Schrecken. Sie ziehen von Haus zu Haus auf der Suche nach jungen Männern, die sich verstecken, weil sie ihr Leben nicht für den Machterhalt Baschar al Assads opfern wollen. "Syrer bist du nicht, weil du einen syrischen Pass hast. Die Heimat gehört denen, die sie schützen und verteidigen. Wer das nicht tut, hat keine Heimat. Und er verdient auch keine", drohte Assad unlängst. Immer mehr Syrer, die bisher zu ihm hielten, verstehen solche Worte als Aufforderung zur Flucht.

Waffendepot Istamo bei Latakia

Satellitenbilder zeigen Bauarbeiten am Waffendepot Istamo in der Nähe des Flughafens von Latakia


Trotz alldem können sich die Regierungen Europas und ihr Nato-Partner in Washington auch angesichts der größten Flüchtlingskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht vorstellen, wirksamen militärischen Druck auf Assad auszuüben. Verhandeln müsse man, eine politische Lösung suchen, heißt es mantraartig aus Wien, Berlin und Madrid. Ganz so, als sei der Krieg in Syrien nicht vier Jahre, sondern erst vier Monate alt. Eine Flugverbotszone? Viel zu riskant! Dabei würde wahrscheinlich allein die Androhung reichen, die Hubschrauber mit den Fassbomben abzuschießen, um Assads Luftwaffe unschädlich zu machen.

Putin schafft Fakten

Oder hätte das zumindest bis vor wenigen Wochen getan. Denn mit der überraschenden Stationierung russischer Elitetruppen samt schwerem Gerät und Luftleitzentrale bei Latakia am Mittelmeer versucht Assads mächtigster Verbündeter, Wladimir Putin, die Karten in Syrien neu zu mischen - zugunsten des syrischen Diktators. So will Russlands Präsident seinem Land dauerhaften Einfluss im Nahen Osten sichern.

Analysten vermuten, gemeinsam mit dem Iran, dem zweiten wichtigen Sponsor des Regimes, wolle der Kreml eine Zweiteilung Syriens betreiben: in einen Assad-Staat im Westen und ein Gebiet für seine Gegner im Osten.

Eigentlich müsste die Vorstellung eines solchen "Friedens" alle erschaudern lassen, die die Sorge vor Islamismus oder endlosen Flüchtlingstrecks Richtung Deutschland umtreibt. Europa aber wird sich dieser neuesten höllischen Volte am Ende wohl kaum entgegenstellen. Seine Glaubwürdigkeit, die wichtigste Währung der Außenpolitik, hat der Westen in Syrien auf allen Seiten fast voll ständig verspielt. Assad weiß inzwischen: Amerika und Europa werden nichts Entscheidendes gegen ihn unternehmen - allen Rücktrittsforderungen, allen überschrittenen roten Linien zum Trotz. Viele Syrer wiederum, auf deren Städte und Dörfer Fassbomben und Chlorgranaten regnen, sind längst überzeugt: Der Westen hat sich mit Assad stillschweigend abgefunden. Aus blindem Horror vor dem IS.

Von 15.000 Kämpfern blieben 60

Abid Kuntar, der junge Fotograf aus Idlib, sagt: "Ich glaube, der Westen will Assad gar nicht loswerden. Die denken wohl, es sei in ihrem Interesse, ihn an der Macht zu halten. Wegen des IS." Wer wollte ihm, wer wollte den Vätern, Müttern und Kindern der 11.000 von Fassbomben des Regimes Zermalmten, wer wollte den eine Million Versehrten diese Sicht verdenken?

Wie folgenschwer solche Theorien sind, illustriert die Geschichte der Division 30. Im vergangenen Jahr ließ sich US-Präsident Barack Obama Gelder bewilligen, um rund 15.000 syrische Kämpfer auszubilden und auszurüsten. Sie sollten gegen den IS ins Feld ziehen und die politische Opposition in Syrien gegen Assad unterstützen. Die verschiedenen Rebellengruppen schickten ein paar Tausend Mann, doch die US-Militärs akzeptieren am Ende weniger als 60. Zu groß war die Sorge, die Kämpfer könnten mit ihrer Ausrüstung zum IS oder zu al Kaida überlaufen.


Im Juli 2015 wurde die kleine Gruppe von der Türkei aus zu ihrem ersten Einsatz nach Syrien eingeschleust. Kaum hatten die Kämpfer die Grenze überquert, wurden sie von der Islamistenmiliz Dschabhat al Nusra, dem syrischen Arm von al Kaida, angegriffen. Nach wenigen Tagen war die Hälfte der Kämpfer verwundet, gefangen genommen oder tot. Die US-Berater waren davon ausgegangen, die Rebellen würden die gut gerüstete Einheit als willkommenen Verbündeten aufnehmen. Das Gegenteil trat ein; wer sich mit den USA einlässt, wird als amerikanischer Agent, vielleicht sogar als potenzieller Assad-Loyalist behandelt. Die "Washington Post" verglich den Fall der Division 30 mit dem Desaster in der Schweinebucht, der gescheiterten Invasion auf Kuba 1961.

Bodenoffensive? Eine lächerliche Idee

Lehren aus vier Jahren verfehlter Syrienpolitik ziehen wollen indes weder Amerika noch Europa. "Solange Obama im Amt ist, wird es keine Flugverbotszone geben", sagt etwa Paul Salem, Vizepräsident des Middle East Institute, des einflussreichsten Nahost-Thinktanks in Washington. Kritik an dieser Haltung hat der US-Präsident selbst schon früher als "Pferdescheiße" abgetan. Sein Sprecher stellte die Mahnungen ranghoher Militärs und Diplomaten, die Weltmacht USA könnte dem Massenmord Assads nicht tatenlos zusehen, auf eine Stufe mit der Invasionspolitik von Obamas Amtsvorgänger Bush. Eine Bodenoffensive in Syrien sei doch eine lächerliche Idee. Dabei hatte niemand eine solche gefordert.

Damals wie heute liege es auf der Hand, wie der Krieg in Syrien einzudämmen und gleichzeitig der IS wirksam zu bekämpfen sei, sagt Paul Salem: "Es bedarf einer politischen Einigung zwischen Teilen des Regimes und Teilen der sunnitischen Opposition, damit die ihre Kräfte gegen den IS bündeln. Voraussetzung dafür ist, dass Präsident Assad alle Machtbefugnisse abgibt oder abdankt. Das ist der Schlüssel."

Erst Assad und dann der IS

Auch Robert Ford, bis Oktober 2011 Botschafter der USA in Syrien, sagt: "Unser Fokus auf den IS ist falsch. Erst muss das Assad-Problem gelöst werden, dann das mit dem IS. Das ist die richtige Reihenfolge." Auslöser des Flüchtlingsstroms nach Europa sei nicht die Brutalität des IS, sondern die des syrischen Präsidenten, sagt Ford, der aus Frustration über Obamas Syrienpolitik vergangenes Jahr den diplomatischen Dienst quittierte. "Assads Armee hat ganze Landstriche Syriens entvölkert." Zugeständnisse am Verhandlungstisch seien ohne militärischen Druck nicht erreichbar.

Nicolas Hénin hat die menschenverachtende Brutalität des IS am eigenen Leib erlebt. Zehn Monate lang war der französische Journalist Geisel des Kalifen. Über Wochen teilte er sein Verlies mit dem amerikanischen Kollegen James Foley, den die Islamisten Monate nach Hénins Freilassung enthaupteten.

Abid Kuntar

Abid Kuntar - der Dokumentar des Grauens


Im April 2014 kam Hénin frei und begann kurz danach mit der Arbeit an seinem Buch "Jihad Academy". Darin analysiert er, wie die Missverständnisse des Westens die syrische Tragödie mitbefördert haben: "Der Westen denkt, es gebe in Syrien die Alternativen Islamischer Staat oder Assad. Dabei ist der IS nur das Symptom - der Grund der schrecklichen Zustände das Regime."

Das Engagement seines eigenen Landes, Frankreich, gegen den Islamischen Staat sieht die ehemalige IS-Geisel Hénin kritisch. "Es ist erstaunlich: François Hollande benennt Baschar al Assad als Hauptverantwortlichen für die Tragödie. Und dann? Befiehlt er Luftangriffe auf den IS." Nach dem Massaker in der Redaktion von "Charlie Hebdo" und dem Beinahe-Attentat im Schnellzug Amsterdam-Paris wolle Hollande zeigen, dass er handlungsfähig sei. "Weil er weiß, dass er für einen Einsatz gegen Assad keine Partner findet, lässt er ersatzweise den IS bombardieren."

Zynismus hier wie dort

Nutznießer dieser inkonsequenten Politik sind ausgerechnet die beiden Mächte, deren Interessen in der Region denen des Westens seit Jahrzehnten diametral zuwiderlaufen: Russland und der Iran. Ihre unablässige Unterstützung Assads mit Geld, Waffen und eigenen Truppen haben das Ausmaß des Grauens, mit dem das Regime das eigene Volk überzieht, erst ermöglicht.
Nun jedoch ist Europa drauf und dran, sich im Namen des Antiterrorkampfs und der Eindämmung der Flüchtlingskrise ausgerechnet mit diesen beiden zu verbünden. Lässt sich der Westen so leicht erpressen? Nicht die Spur, findet Bayerns Ministerpräsident Seehofer. Er hofft, mit Putins Hilfe tatsächlich "die Lage in Syrien in den Griff" zu bekommen. Max Straubinger, parlamentarischer Geschäftsführer der CSU im Bundestag, wird noch deutlicher: Je nach Landesteilen, aus denen sie kommen, könnten manche syrische Flüchtlinge nach Hause zurückgeschickt werden. "Nicht überall in Syrien wird gekämpft. Aleppo ist nicht Damaskus. Es gibt auch in Syrien Regionen, in denen man leben kann." Mehr Zynismus geht kaum.

Der Iran steht fest zu Assad

Selbst ein so bedachter Mann wie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier setzt angesichts der allgemeinen Ratlosigkeit auf Kooperation mit Teheran. "Wenn sich der Iran aus der Rolle zurückziehen würde, Konfliktparteien finanziell und mit Waffen zu unterstützen, und andere es ihm gleichtäten, dann eröffnete sich zum ersten Mal eine Chance, auch in Syrien weiterzukommen." Angesichts des kürzlich ausgehandelten Atomabkommens hofft er auf Entgegenkommen auch in der Syrienfrage. Doch der Iran steht so fest zu Assad wie eh und je. Die Führungsspitze in Teheran weiß nur zu gut: Weder Washington noch Berlin werden den Atomdeal wegen Syrien platzen lassen. Obama will sich damit seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern, die Europäer Aufträge für ihre Exportwirtschaft.


Wladimir Putin schafft derweil mit der Truppenverlegung nach Syrien Fakten. Wohl in Vorbereitung einer russischen Initiative für eine große Anti-IS-Koalition, die er Ende dieses Monats bei der UN-Vollversammlung in New York lancieren will. Seinen Erzrivalen im Weißen Haus möchte er dort treffen. Ob Obama den Köder nimmt?

Egal, wie die Sache in New York ausgeht: Hoffnung, dass bald keine Fassbomben mehr fallen, hat Abid Kuntar, der Dokumentar des Grauens, kaum. Nach Europa fliehen will er trotzdem nicht. "All meine Freunde sind inzwischen dort, die meisten in Deutschland", sagt er. Fast jeden Tag spricht er mit ihnen über Skype. "Sie sagen, dass sie freundlich aufgenommen wurden, aber glücklich sind sie nicht. Sie fühlen sich nutzlos und haben Angst, ihre Heimat nie wiederzusehen." Darum hat er sich entschlossen, zu bleiben. Früher mal, vor dem Krieg, wollte er studieren und Jurist werden. "Jetzt dokumentiere ich die Geschichte meines Landes. Damit später niemand sagen kann, er habe nicht gewusst, was hier passiert."

Diese Reportage ist in stern #39 erschienen




Es recherchierten auch Theresa Breuer, Gerald Drißner, Marc Goergen, Norbert Höfler, Jan Rosenkranz, Bettina Sengling und Anuschka Tomat
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