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Assad rächt sich an seiner Bevölkerung - und lässt 40.000 Menschen hungern

Viele tausend Menschen in den syrischen Städten Madaja, Foah und Kefraya sind akut vom Hungertod bedroht. Assad-Getreue und Islamisten belagern die Siedlungen - und lassen die Bevölkerung aushungern. Die Bewohner sind gezwungen, Hunde und Katzen zu essen.

Hungerndes Kind in Madaja

Die Bevölkerung in Madaja leidet Not, während Assad-getreue Truppen die Stadt belagern - und Hilfslieferungen blockieren

Seit fast fünf Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg - längst bekämpfen sich in dem Konflikt eine Vielzahl von verfeindeten Parteien: Assad-getreue Regierungstruppen, die Hisbollah, Rebellengruppen, verschiedene Islamistenmilizen sowie kurdische Widerstandskämpfer. Leidtragende sind in allererste Linie die Zivilbevölkerungen aus  Syrien und dem Irak.

Nun droht offenbar eine humanitäre Katastrophe von bislang unerreichtem Ausmaß: Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Sohr) berichtet, sind in der syrischen Stadt Madaja fast 40.000 Menschen akut vom Hungertod bedroht. Laut Informationen der Nachrichtenagentur DPA ist die Lage so dramatisch, dass den Menschen in Madaja mittlerweile nichts anderes übrig bleibt, als Gras zu essen. Auch haben die Bewohner vor kurzem begonnen, Hunde und Katzen zu schlachten, um ihren Hunger zu stillen. Es fehlt wohl auch an Milch für Babies, "heute starb ein zehn Jahre altes Kind wegen Unterernährung", erzählte ein Arzt aus Madaja der DPA. Seit Tagen kursieren zudem verschiedene Videos in sozialen Medien, die extrem unterernährte Kinder im belagerten Madaja zeigen sollen.


Humanitäre Situation "extrem schlimm"

Der in Katar ansässige Fernsehsender Al-Jazeera berichtet zudem, dass in der etwa 25 Kilometer von Damaskus entfernten Stadt seit Dezember bereits 31 Menschen verhungert sind. Auf der Webseite des Sohr sind Bilder von verhungerten Menschen aus Madaja zu sehen - die Stadt soll seit mittlerweile 174 Tagen unter Belagerung durch Assad-Truppen und der mit dem Regime verbündeten Schiiten-Miliz Hisbollah stehen. Wie die kurdische Nachrichtenagentur Rudaw berichtet, sei zudem auch in zwei vom Assad-Regime kontrollierten Dörfern Foah und Kefraya die humanitäre Situation "extrem schlimm" - anders als Madaja werden die beiden Städte jedoch von Islamisten-Milizen belagert. Laut der britischen BBC sollen die Wucherpreise für Lebensmittel in Madaja nicht mehr zu bezahlen sein: 250 US-Dollar kostet ein Kilogramm Weizen, 900 Gramm Babynahrung liegen derzeit bei 300 US-Dollar.


Wie Aktivisten der BBC berichten, sei das Aushungern von Madaja eine direkte Antwort auf die Belagerung von Foah und Kefraya durch die Islamisten. Die Situation ist somit ein indirektes Kräftemessen - eine Art gegenseitige Geiselnahme - zwischen den Konfliktparteien. Die Opfer sind die hungernde Bevölkerung der Städte. Wie ein Bewohner des belagerten Madaja dem Nachrichtenmagazin "Vice" berichtet, sei das Aushungern von der Stadt zudem eine gezielte Racheaktion des Machthabers Bashar al-Assad: Die Bevölkerung Madajas hatte sich zu Beginn des syrischen Aufstands 2011 gegen den Machthaber gestellt.

"Man konnte in ihren Augen sehen, dass sie hungern"

Im Oktober war es dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) das letzte Mal gelungen, Hilfsgüter in das belagerte Madaja zu bringen. Seit der letzten Lieferung sind die Menschen jedoch völlig auf sich gestellt. Wie der Sprecher des IKRK in Syrien, Pawel Krzysiek, dem stern mitteilte, sei der letzte Konvoi eine gemeinsame organisierte Hilfslieferung der UN, sowie der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaft gewesen. Die Situation in den Belagerten Städten sei aktuell "sehr düster".

Schon bei der letzten Lieferung sei den Hilfsmitarbeitern aufgefallen, dass die Menschen in den betroffenen Städten an Unterernährung litten, "die Leute waren sehr abgemagert, man konnte in ihren Augen sehen, dass sie Hunger haben." Die im letzten Konvoi gelieferten Hilfsgüter seien mittlerweile aufgebraucht. Laut IKRK sei die Organisation jederzeit bereit, eine neu Hilfslieferung in die belagerten Städte zu bringen. Derzeit laufen Verhandlungen, um Hilfsorganisationen erneut Zutritt zu den Gebieten zu gewähren. Doch der IKRK-Sprecher sagt auch: "Es kann in Syrien sehr lange dauern, bis Hilfslieferungen die Menschen erreichen." Alles müsse verhandelt werden - auch, um die Sicherheit des Hilfspersonals am Boden zu garantieren.

Auch die Bundesregierung hat von den Kriegsparteien in Syrien verlangt, Hilfsorganisationen in die belagerte Stadt zu lassen. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Christoph Strässer sagte, er sei in  "größter Sorge" über die Lage der örtlichen Zivilbevölkerung.

(Mittlerweile hat Syriens Regierung nach UN-Angaben Hilfslieferungen für die Stadt Madaja zugestimmt. Die Vorbereitungen für den Hilfstransport liefen, sagte eine UN-Sprecherin in Damaskus - wann genau der Hilfskonvoi starten soll, ist bislang unklar)

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