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Der Westen sieht zu, wie Syrien zugrunde geht

Die internationale Syrien-Kontaktgruppe kommt in München zusammen. Was wird das bringen? Solange sich der Westen der Illusion hingibt, mit Russlands Präsident Putin kooperieren zu können, wird es für die Syrer keinen Frieden geben.

Ein Kommentar von Steffen Gassel

 John Kerry trifft bei einem Treffen der Syrien-Kontaktgruppe auf Russlands Außenminister Sergej Lawrow

US-Außenminister John Kerry trifft bei einem Treffen der Syrien-Kontaktgruppe auf Russlands Außenminister Sergej Lawrow

John Kerry wusste schon vergangene Woche, wie der Krieg in Syrien ausgehen wird. "Es wird noch viel schlimmer werden. Drei Monate lang wird es noch weitergehen. Und bis dahin wird die Opposition vernichtend geschlagen sein", sagte der US-Außenminister im privaten Gespräch mit Mitarbeitern von Hilfsorganisationen am Rand einer Cocktailparty in London. Und fügte hinzu: "Was wollen Sie denn von mir: Dass ich gegen Russland in den Krieg ziehe?"

Kerrys Party-Geplauder war so ziemlich das Ehrlichste, was in Sachen Syrien von einem westlichen Offiziellen in letzter Zeit zu hören gewesen ist. Es war ein Eingeständnis des totalen Versagens der Syrien-Politik des Westens. Und eine Ankündigung: Wir sehen keine Möglichkeit, in Syrien noch irgendetwas - oder jemanden - zu retten.

Beim Syrien-Treffen keine Überraschung zu erwarten

Entsprechend wenig sollte man von dem Treffen erwarten, zu dem Kerry und die anderen Außenminister der internationalen Syrien-Kontaktgruppe heute Abend im Hotel Hilton in München zusammenkommen. Ein "Showdown" zwischen dem US-Außenminister und seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow, wie ihn manche angesichts der eskalierenden Schlacht um Aleppo erhoffen, ist nicht wahrscheinlich.

Die Staaten des Westens sind offenbar entschlossen, sich weiter der Illusion hinzugeben, mit Russlands Präsident Wladimir Putin sei schon irgendwie zu kooperieren. Mit genau jenem Putin, dessen Militär den Vernichtungskrieg gegen Zivilbevölkerung und Rebellen in Nordsyrien anführt.

Und der soeben großzügig vorgeschlagen hat, ab dem 1. März könnten die Waffen ja schweigen. Was wohl so verstanden werden muss: Putin denkt, im Gespann mit den iranischen, libanesischen und kurdischen Milizen am Boden werde er nur drei Wochen brauchen, um das Gemetzel anzurichten, für das John Kerry jüngst drei Monate veranschlagt hatte.

Westen hilft Menschen in Syrien nicht

Bis dahin aber – bis Putin, sein Vasall Assad und die Iraner ihre militärischen Ziele herbeigebombt haben – dürfen die 300.000 Menschen im umkämpften Aleppo und die zirka 500.000 im abgeschnittenen Korridor zwischen der Stadt und der türkischen Grenze vom Westen kaum Hilfe erwarten. Ein "gemeinsames Vorgehen mit Russland" sei weiter wichtig, sagte Frank-Walter Steinmeier noch am Mittwoch. Wie das gehen soll während russische Bomber in Schutt und Asche legen, was noch von Aleppo übrig ist, erklärte der Bundesaußenminister nicht. 

"Aleppo könnte zum Sarajevo Syriens werden," schrieb der "New York Times"-Kolumnist Roger Cohen wenige Tage vor dem heutigen Treffen der Weltmächte an der Isar. Und ergänzte in Anspielung an ähnlich dunkle Tage in der Geschichte der bayerischen Landeshauptstadt. "Das München Syriens ist es schon."


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