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Interview

"Wir wissen nicht, ob Putin den Krieg in Syrien wirklich beenden will"

Wladimir Putin nutzt den Krieg in Syrien, um Europa zu spalten und die eigene Macht zu stärken, sagt Dennis Ross, Nahost-Berater von drei US-Präsidenten, dem stern. Zudem sei die Zurückhaltung des Westens "unser aller Schande."

Flüchtlinge Nahost Syrien

Flüchtlinge aus Syrien in Serbien: Die Zurückhaltung des Westens habe eine humanitäre Katastrophe verursacht, sagt Nahost-Experte Dennis Ross

Herr Ross, ab Ende dieser Woche sollen in Syrien die Waffen schweigen. Vor allem der russische Präsident Wladimir Putin habe die Feuerpause vermittelt, heißt es in Moskau. Ein Hoffnungsschimmer für Frieden - und Putin als Friedensstifter?

Ich fürchte, es ist im besten Fall eine Pause in diesem Krieg. Die Chancen auf einen echten Friedensprozess bleiben gering.


Warum sind Sie so skeptisch?

Wladimir Putin ist bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er wirklich ein Interesse daran hat, den Krieg in Syrien zu beenden. Bereits in den vergangenen Monaten hatte man sich ja auf einen Waffenstillstand, gar einen Verhandlungsprozess geeinigt. Aber die russischen Luftangriffe auf Seiten Assads hörten nicht auf. Und die wenigsten davon richteten gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS), die meisten gegen Stellungen der Anti-Assad-Rebellen.

Die für Putin "Terroristen" sind.

Das Problem dabei ist: Putin definiert, wer ein Terrorist ist und wer nicht.

Was also ist das Ziel der russischen Intervention?

Es steht zu befürchten, dass Assad und die mit ihm verbündeten iranischen Milizen jetzt ihre militärischen Kräfte neu gruppieren. Wahrscheinlich geht es darum, die Kräfteverhältnisse auf dem Boden militärisch zugunsten Assads zu verändern so, dass er gar nicht mehr verhandeln muss.

Der syrische Diktator und seine beiden Schutzmächte Russland und der Iran als Sieger in diesem Bürgerkrieg?

Zweifellos hat sich ihre Position in den vergangenen Monaten verbessert. Im Moment versucht Baschar al Assad wohl, die Kontrolle über die bevölkerungsreichsten Teile Syrien zu festigen. Vielleicht führt dies sogar zu einer faktischen Teilung Syriens. Die Gefahr aber ist, dass es für die Menschen in Syrien bald nur noch zwei Alternativen geben wird: Assad oder der Islamische Staat. Dann wird der IS als angebliche "Schutzmacht" der sunnitischen Moslems immer mehr Menschen rekrutieren…

 …die in Syrien die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen.

Ja. Bereits seit dem Eingreifen des schiitischen Iran mit seinen Milizen und den Kämpfern der Revolutionären Garden wird dieser Konflikt zunehmend religiös aufgeladen.


Worauf also ist Putin letztlich aus?

Er nutzt den Krieg, um über die Flüchtlinge Druck auf Europa auszuüben. Das schwächt die EU und es stärkt Putins Position etwa in der Frage der Sanktionen. Vor allem aber will Putin Russland als Schlüsselmacht langfristig im Nahen Osten etablieren. Mit seiner Unterstützung für Assad signalisiert Putin allen Machthabern in der Region: Im Gegensatz zu den Amerikanern stehen wir Russen zu unseren Freunden!

Assad ist für Putin ein "legitimer" Machthaber, es geht darum, Stabilität wiederherzustellen. Und warum soll das schlecht sein für Syrien, für den Nahen Osten?

Weil die Menschen in Syrien den Preis zahlen. Allein seit der russischen Intervention im vergangenen Herbst zählen wir 300.000 bis 400.000 zusätzliche Flüchtlinge. Vor allem aber: Wer den Islamischen Staat und die al-Kaida-Terrormilizen wirklich besiegen will, braucht Sunniten als Partner. Das russische Vorgehen auf Seiten Assads aber ist ein Angriff gegen die Sunniten. Es wird sie nur weiter in die Arme des IS treiben. Wenn Putin mit seiner Intervention wirklich den Islamischen Staat bekämpfen will, erreicht er zumindest im Moment das Gegenteil.

Die Vereinigten Staaten stehen am Rand und können nur noch zuschauen?

In diesem Konflikt war Präsident Barack Obama von Beginn an sehr zurückhaltend. Ich verstehe seine Vorsicht. Aber er hat sich die Lektionen des Irak-Krieges zu sehr zu Herzen genommen.

Obama wollte Amerikas Interventionen im Nahen Osten endlich beenden.

Er wollte in diesen Konflikt nicht hineingezogen werden. Aber Syrien ist nicht der Irak. In Syrien haben wir es mit einem Aufstand der Menschen gegen ein brutales Regime zu tun, nicht mit einer militärischen Intervention zum Sturz eines Regimes wie damals im Irak.


Was ist die Folge der amerikanischen Zurückhaltung?

Eine humanitäre Katastrophe. Hunderttausende Tote. Eine Flüchtlingskrise nie gekannten Ausmaßes, elf Millionen Menschen. Die Schwächung Europas. Die Destabilisierung der Nachbarstaaten sowie Aufstieg und Ausbreitung des Islamischen Staates.

Was kann der Westen jetzt überhaupt noch ausrichten?

Wir sollten zumindest darauf bestehen, dass humanitäre Korridore zur Versorgung der Menschen in den von Assads Truppen belagerten Städten dauerhaft eingerichtet werden. Aushungern gehört bislang zu Assads Kriegstaktiken.

Und wenn das nicht passiert?

Dann sollte man auf der Einrichtung einer Schutzzone auf syrischem Territorium bestehen. Sie würde den Flüchtlingen innerhalb des Landes wenigstens eine gewisse Sicherheit geben. Und es wäre eine Möglichkeit, Putins Bereitschaft zu testen, ob es ihm wirklich ernst ist mit einem Waffenstillstand, einem politischen Prozess.

Aber im Zweifel müsste die Nato, also die USA, eine solche Schutzzone auch durchsetzen. Soll der Westen wegen Syrien einen Krieg mit Russland riskieren?

Putin würde diese Botschaft durchaus verstehen. Putin ist nicht impulsiv, er ist durchaus vorsichtig und er testet, wie weit er gehen kann. Im Moment sieht er: Er kann den Westen immer weiter einschüchtern. Ihm stellt sich niemand entgegen, weder in der Ukraine noch in Syrien.

So wird Syrien zu Amerikas Schande?

Syrien ist unser aller Schande, der dunkle Fleck auf dem Gewissen der internationalen Gemeinschaft. Syrien ist auch Europas Schande.

Interview: Katja Gloger
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