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Merkels Auswärtssieg

Die Syrien-Konferenz in London brachte mehr Geld als erwartet. Ausnahmsweise sprachen mal fast alle Politiker mit einer Stimme. Und Angela Merkel feierte so etwas wie einen Auswärtssieg.

Angela Merkel auf der Londoner Syrien-Konferenz

Sah am Ende zufrieden aus: Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht zum Abschluss der Syrien-Konferenz in London

Ehe es los ging, am Morgen, vor den Sitzungen mit Gesprächen und Versprechungen, sahen sich die Staats- und Regierungschefs einen Film an. Sie saßen in einem Konferenzraum des "Queen Elizabeth Conference Centre", schräg gegenüber von Westminster Abbey, und auf dem Schirm liefen Bilder aus Syrien, aus Flüchtlingscamps in Jordanien, dem Libanon und der Türkei. Sie sahen Menschen in Not, Menschen auf der Flucht, Menschen in notdürftigen Krankenhäusern, Menschen, die von Helfern aus dem Schutt getragen wurden. In knapp vier Minuten entfaltete sich vor ihren Augen noch einmal das größte humanitäre Drama der Gegenwart. Der Film schloss mit der Botschaft "Ohne Handeln geht das Leiden weiter."

Denn darum ging an diesem Tag in London: Handeln. Und Leid lindern. Sofort.

"Tag der Hoffnung"

Dies war ein etwas anderer Beginn eines Arbeitstages, den Angela Merkel vor Wochen bereits ganz oben auf ihre Agenda gesetzt hatte. Die Deutsche firmierte als Co-Gastgeberin dieses Gipfels in London, "Supporting Syria & The Region". Kam morgens eingeflogen aus Deutschland, wo sie sich zusehends für ihre Flüchtlingspolitik rechtfertigen muss. Sprach bündig "von einem Tag der Hoffnung". Und verließ abends die Stadt wie eine Siegerin. Die Hoffnungen hatten sich erfüllt.

Es trafen zusammen Delegationen aus mehr als 60 Ländern, fast drei Dutzend Staats- und Regierungschefs und Vertreter von Hilfsorganisationen. Und es ging vor allem: um Geld. Fast sechs Milliarden Euro werden allein in diesem Jahr für die Menschen in Syrien und den Anrainerstaaten benötigt. Die Bundesregierung schießt 2016 1,1 Milliarden dazu und bis zum Jahr 2018 nochmals weitere 1,2 Milliarden. Amerikaner, Briten, Norweger, die EU - alle versprachen vor allem finanzielle Unterstützung. Mehr als zehn Milliarden Dollar kamen schließlich zusammen.

London hatte etwas von einer gigantischen Sammelaktion und von Spendenaufruf.

Wohltuender Kontrast zur Syrien-Konferenz in Genf

Es passiert nicht oft, dass Politiker fast ausnahmslos mit einer Stimme sprechen. In der britischen Hauptstadt war das so - und insofern ein wohltuender Kontrast zur Syrien-Konferenz in Genf, wo die Gespräche der Konfliktparteien wieder einmal fest gefahren sind. Sie einigten sich auf ein Bildungsprogramm für mehr als eine Million Kinder. Und darauf, dass der Arbeitsmarkt für die Flüchtlinge im Libanon, der Türkei und Jordanien geöffnet wird. Das nimmt fraglos auch den Druck von Europa.

In London herrschte Einigkeit. Darüber, dass die Menschen in Syrien "eine Hölle erleben", wie UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon formulierte. Darüber auch, "dass es eine moralische Pflicht ist, diesen Menschen zu helfen", wie US-Außenminister John Kerry erklärte. Darüber schließlich, dass "eine ganze Generation von Flüchtlingen ohne Bildung eine Generation bedeutet, die nicht nur keine Arbeit finden kann, sondern auch den Gefahren, von Extremismus und Radikalisierung ausgesetzt ist", wie David Cameron sagte. Und immer wieder machte das Wort vom "Marshall-Plan für die Region" die Runde.

4,5 Millionen Syrer in Lagern an der Grenze

Das geht zumindest kurz- und mittelfristig nur mit Geld für humanitäre Unterstützung vor Ort. Der deutsche Blick ist - menschlich, allzu menschlich - zu oft auf Deutschland gerichtet. Darüber wird leicht übersehen, dass 4,5 Millionen geflüchtete Syrer allein in libanesischen, türkischen und jordanischen Lagern an der Grenze leben oder vegetieren. Allein der Libanon, wo so viele Einwohner wie in Berlin leben, nahm 1,2 Millionen Menschen aus dem Nachbarland auf. Solche Zahlen relativieren europäische Debatten über zu viel oder zu wenig Bereitschaft zur Aufnahme.

Draußen vor den Absperrgittern standen Demonstranten und riefen "Shame on you UK", Großbritannien solle sich schämen für jene spärlichen 20.000 Syrer, die das Königreich bis 2020 aufnehmen will.

Syrien, das geschundene Land

Und drinnen im Konferenzzentrum saßen Cameron und Merkel und der UN-Boss und hörten Vorträge von Ärzten und Helfern. Die berichteten von der Last der Anrainer. Selbst die Grundversorgung ist in den Lagern an den Grenzen nicht mehr gewährleistet - nicht medizinisch, nicht schulisch, nicht mit Nahrungsmitteln. Die Zahlen sind ohnehin erdrückend. In Syrien selbst, dem geschundenen Land, leben fast 14 Millionen Menschen in Elend und Not - und in Angst vor den Schergen Assads. Oder den Schergen des sogenannten Islamischen Staats.

Das sind die Fakten, deshalb also London.

Und deshalb der noch dringlichere Wunsch, dass den hehren Worten des Tages auch hehre Taten folgen. "Es geht nicht nur darum, jedes Jahr einen Scheck auszustellen", hatte John Kerry morgens den Delegierten zugeraunt. Denn das war ja nicht die erste Geberkonferenz. Vor einem Jahr in Kuwait strebte die UN knapp drei Milliarden Euro Hilfe an - und bekam trotz wohlfeiler Zusagen etwas mehr als die Hälfte.

Sie lobten und dankten

Das sollte sich nicht wiederholen. Am Abend war es mehr als erwartet. Und ungefähr so viel wie bestenfalls erhofft. Zehn Milliarden Dollar. Und also enterten die Hauptdarsteller gut gelaunt die Bühne zu einer Art Abschlusskundgebung. Sie lobten sich gegenseitig ein wenig, sie dankten einander. Und Merkel blühte fast auf. Sie sprach von einem wichtigen Signal, und dass die Arbeit nun sofort beginnen könne. Sie bedankte sich bei Jordanien, der Türkei und dem Libanon für ihre "unvorstellbaren Anstrengungen".

Da sprach eine, die weiß, was Anstrengungen bedeuten. Angela Merkel sah dabei zufrieden aus. Wie ein Fußballtrainer nach einem Auswärtssieg.

Das ist schon was in diesen Tagen.

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