"Ich bin Malala. Und ich habe Ziele"

8. Oktober 2013, 06:00 Uhr

Sie wollte nur in die Schule gehen, da schossen ihr die Taliban in den Kopf. Doch Malala Yousafzai überlebte. Im Interview spricht sie über ihren Kampf für Bildung und Frieden - und gegen die Taliban.

Malala, Taliban, Pakistan, Religion

Taliban-Opfer Malala Yousafzai: "Gott hat mich schon einmal beschützt. Ich bin mir sicher: Er wird es wieder tun."©

Wie begegnet man einer lebenden Marienfigur? Einem 16-jährigen Mädchen, das dem Tod ins Gesicht geschaut hat? Sagt man "Hi, wie geht's?"? Oder muss man etwas Bedeutungsvolleres sagen? Und während man so überlegt in einem Hotelfoyer in Birmingham, kommt sie schon zur Tür herein. Sie trägt ein traditionelles pakistanisches Gewand und Lacksandalen. Sie ist nicht mehr ganz Kind und noch nicht ganz Frau. Sie schaut einen an. Herzklopfen. Sie lächelt ein schiefes Lächeln. Dann sagt sie: "Hi, wie geht's?"

Malala, was geschah am Dienstag, dem 9. Oktober 2012?
Taliban versuchten, mich auf dem Weg zur Schule zu töten.

Was geschah genau?
Ich weiß nicht mehr viel. Nachdem die Kugel meinen Kopf durchbohrt hatte, sah ich, wie das Blut aus mir schoss und Pfützen bildete. Dann fiel ich in Ohnmacht. Was ich weiß, ist: Es war die Zeit meiner Schulprüfungen. Ich hatte viel gelernt, die Prüfung war gut gelaufen. Wir waren im Bus auf dem Weg von der Schule nach Hause. Streng genommen war es gar kein Bus, sondern ein weißer Toyota-Van mit drei Bänken und der Aufschrift "Khushal- Schule". Darin waren etwa 20 Mädchen und drei Lehrer. Ich saß zwischen meinen Freundinnen Moniba und Shazia. Mehr weiß ich nur noch aus Erzählungen. Der Van wurde von zwei Männern angehalten, einer kam rein und fragte: "Wer ist Malala?" Ein paar Mädchen drehten sich zu mir um. Dann schoss mir der Mann mit einer Colt 45 ins Gesicht. Die erste Kugel drang durch meine linke Augenhöhle und blieb vierzig Zentimeter unterhalb der linken Schulter stecken. Die anderen zwei Schüsse trafen meine Freundinnen in Hand und Oberarm. Das Letzte, was ich dachte, war: "Ich muss noch für morgen lernen!"

Hattest du geahnt, dass die Taliban kommen würden, um dich zu töten?
Nein. Ich war gerade 15. Fast noch ein Kind. Normalerweise tun die Taliban Kindern nichts an. Selbst in diesen bösen Menschen steckt etwas Gutes. Ich dachte, wenn sie es auf jemanden abgesehen haben, dann auf meinen Vater.

Der Schulgründer und Intellektuelle Ziauddin Yousafzai.
Genau. Ich wusste, dass er in Gefahr war, weil ich für die Webseite der britischen BBC bloggte und für Bildung kämpfte. Ich bin wie mein Vater: Auch er setzt sich dafür ein, dass pakistanische Kinder in die Schule gehen. Deshalb war er stolz auf mich, auch wenn unsere Bemühungen gefährlich waren. Die Taliban verbieten Mädchen, zur Schule zu gehen. Maulana Fazlullah, der militante Anführer im Swat-Tal, hält Schülerinnen für "unislamisch". Seine Anhänger haben seit 2007 122 Mädchenschulen zerstört.

Du kommst aus dem pakistanischen Swat-Tal. Im Herbst 2007 hatten die Islamisten das Gebiet an der Grenze zu Afghanistan eingenommen, 2009 eroberte es die pakistanische Armee zurück. Immer wieder gibt es dort Tote durch Anschläge. Viele Menschen stellen sich deine Heimat als Hölle vor.
Es ist keine Hölle, es ist das Paradies. Der schönste Ort überhaupt. Das Swat-Tal ist ein Himmelreich aus Bergen. Aus klaren Flüssen, Feldern voll mit Früchten. Der Ruf der Terroristen schadet diesem Ort. Aber das Tal selbst kann ja nichts dafür.

Wonach riecht Pakistan?
Nach Reis. Nach Natur. Nach Feigen. Nach meinem Zuhause. Pakistan riecht wunderbar.

In deiner Biografie, die jetzt erscheint, schreibst du: "Manchmal glaube ich, es ist leichter, ein Vampir in ‚Twilight' zu sein als ein Mädchen im Swat-Tal!"
Ja. Ich bin ein großer Twilight-Fan. Meine beste Freundin Moniba und ich lieben "Twilight". Aber was ich damit meine, ist: Als ich auf die Welt kam, haben die Leute meine Mutter bedauert, weil ich ein Mädchen war. Wird ein Junge geboren, werden bei uns Gewehre abgefeuert. Ein Mädchen versteckt man hinter einem Vorhang. Für die meisten Paschtunen ist es nicht schön, wenn eine Tochter geboren wird. Sie wollen Söhne. Frauen sind weniger wert als Männer. Sie sollen Kinder bekommen, putzen und kochen. Sie sollen nicht zur Schule gehen, nicht allein auf die Straße.

So eine Frau wolltest du aber nicht sein?
Nein, so wollte ich nicht leben. Ich wollte eine gute Ausbildung. Später studieren. Und irgendwann einmal Politikerin werden. Ich hatte Glück, weil mein Vater sehr modern ist. Er sagte, schon als ich klein war: "Malala wird frei wie ein Vogel sein!"

Es gibt Menschen, die behaupten, dass dein Vater dich dazu gedrängt hat, Aktivistin zu werden.
Ich kenne diese Vorwürfe, aber ich kann nichts dazu sagen außer, dass sie falsch sind.

Im Dezember 2008 verkündete der Talibanführer Fazlullah, alle Mädchenschulen müssten bis zum 15. Januar 2009 schließen.
Zuerst dachte ich, dass sei ein Scherz. Doch es war Ernst. Fazlullah bekam aber so viel Druck aus dem eigenen Land, dass er das Verbot für Mädchen bis zehn Jahre, also bis zur vierten Klasse, aufgehoben hat. Ich war in der fünften, darum gab ich vor, jünger zu sein, um weiter unterrichtet zu werden. Ich hatte großes Glück, weil unsere Lehrerin uns dabei half. Natürlich war es trotzdem gefährlich. Wir versteckten unsere Bücher unter den Gewändern. Wir hatten Angst, entdeckt und ausgepeitscht zu werden. Irgendwann war der Zustand im Swat-Tal nicht mehr auszuhalten. Die Taliban wollten die strenge Auslegung der Scharia. Es gab täglich Gefechte zwischen Taliban und Militär, zu viel Gewalt und Tote. Also beschlossen meine Eltern zu fliehen. Das war grässlich. Meine Großmutter zitierte oft ein Sprichwort: "Kein Paschtune verlässt sein Land aus freiem Willen. Entweder er macht es aus Armut oder um der Liebe willen." Ich glaube, es gibt noch einen dritten Grund: wegen der Taliban.

Du bist dann eine von etwa zwei Millionen Flüchtlingen geworden, die das Swat-Tal verließen, um dem alltäglichen Horror zu entkommen. Wo ist deine Familie untergekommen?
Wir waren Flüchtlinge im eigenen Land. Wir hatten kein Auto, wir quetschten uns alle in den Wagen unserer Nachbarn und fuhren zuerst nach Mardan im Süden. Von da aus weiter zu dem Dorf meiner Mutter. Insgesamt haben wir etwa drei Monate bei Verwandten gewohnt, sind dann ins Swat-Tal zurückgekehrt. Nach den Siegen des Militärs hieß es, die Lage sei sicherer.

Seit dem Attentat wohnst du mit deinem Vater, deiner Mutter und deinen zwei Brüdern Khushal und Atul in Birmingham.
Ja. Man konnte mir in Pakistan zwar die Kugel aus der Brust entfernen, aber für die gebrochene Schädeldecke und mein zerfetztes Ohr brauchte ich Spezialisten. Außerdem hatte das Attentat auf der ganzen Welt für Entsetzen gesorgt.

Wie geht es dir mittlerweile?
Auf dem linken Ohr bin ich taub. Das wird auch für immer so bleiben. Aber mit dem Hörgerät geht es ganz gut. In meiner Schädeldecke ist eine Titanplatte an die Stelle gesetzt worden, wo die Kugel eindrang. Die Nerven meiner linken Gesichtshälfte sind noch zum Teil gelähmt, aber es wird besser. Am Anfang konnte ich nicht mehr lächeln. Ein Mundwinkel ging hoch, der andere nicht. Meine Mutter weinte, als sie das sah. Sie sagte: Die Taliban haben dir dein Lächeln genommen.

Was magst du an England?
Ich mag, dass man mir hier geholfen hat. Ich mag die Ärzte im Queen-Elizabeth-Krankenhaus. Und ich mag die vielen Fächer, die moderne Technik und das hohe Niveau an der Schule.

Und was magst du nicht?
Shoppen. Du gehst in den Supermarkt, und da ist von allem zu viel. Nehmen wir Haarshampoo. Im Swat-Tal gibt es drei Sorten. In England 300. Es ist schon sehr anders hier. Das merke ich besonders in der Schule. Viele englische Mädchen haben keine Lust hinzugehen und verhalten sich den Lehrern gegenüber respektlos. Sie behandeln ihre Bücher schlecht, hassen ihre Schuluniform und hören nicht zu. Das würde es an meiner Schule in Pakistan nie geben.

Insgesamt 132 Millionen Kinder haben laut eines Berichts der Vereinten Nationen keinen Zugang zu Bildung. Ärgerst du dich über die britischen Mädchen?
Ich kann es ihnen nicht verübeln. Sie sind in anderen Verhältnissen aufgewachsen. Sie sind nicht dankbar dafür, in die Schule gehen zu dürfen, weil es für sie selbstverständlich ist. In Pakistan werden wir in der Schule sogar geschlagen. Trotzdem gehen wir gern hin.

Haben 16-jährige Mädchen aus Großbritannien mehr Freiheiten als pakistanische?
Sicher. Sie sind ganz anders, haben andere Werte und sind meist nicht so religiös. Aber ich akzeptiere sie so, wie sie sind. Und sie mich auch. Dann funktioniert es. Ich habe nichts dagegen, wenn ein Mädchen mit 16 schon einen Freund hat. Aber ich möchte es nicht, und ich habe auch gar keine Zeit dafür.

Warum?
Weil ich lernen muss und viele politische Termine habe.

Hörst du Musik von Miley Cyrus?
Ich höre lieber Justin Bieber, aber Miley Cyrus ist auch nicht schlecht, auch wenn sie gerade etwas abdreht. Aber, ganz ehrlich: Justin Bieber und Miley Cyrus hört man auch in Pakistan.

Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown bezeichnete dich als "das mutigste Mädchen der Welt". Der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon nannte dich seine "persönliche Heldin". Du wurdest mit Anne Frank verglichen. Angelina Jolie schlug dich für den Friedensnobelpreis vor. Ist das nicht ein bisschen viel Druck für eine 16-Jährige?
Nein. Das ist kein Druck für mich, sondern eine Ehre. Nach dem Attentat haben mir Hunderte Menschen aus der ganzen Welt Briefe geschrieben. Das hat mir Mut gemacht und mir gezeigt, dass ich nicht aufgeben darf. Ich habe jetzt Verantwortung.

Bist du so etwas wie eine lebende Mutter Teresa?
Nein. Ich bin Malala. Und ich habe Ziele: Frieden. Bildung für alle. Und das Ende des Terrorismus.

Machst du denn auch ganz normale Dinge? Fußnägel lackieren oder Soaps gucken?
Natürlich. Ich gehe gern ins Kino und liebe Fernsehen. Meine Haare sind mir wichtig und Hautaufhellungscreme.

Hautaufhellungscreme?
Pakistanische Mädchen möchten hell sein. Einen dunklen Teint finden wir nicht schön.

Eine Pakistan-Expertin sagte, du könntest nie wieder ins Swat- Tal zurückkehren. Du seist – im wahrsten Sinne des Wortes – zum Abschuss freigegeben. Willst du trotzdem irgendwann zurückkehren?
Ja. Manche Leute meinen, es sei zu gefährlich. Aber Pakistan ist meine Heimat. Und auch die meiner Eltern. Ich sehe, dass meine Mutter hier in England leidet. Sie fühlt sich einsam. Auch ich vermisse meine Freunde. In meiner Klasse in Pakistan halten sie mir immer noch einen Platz frei. Mein Vater hat jetzt in England einen Job im Konsulat, und ich gehe zur Reha. Deshalb wird es noch etwas dauern. Aber ja, irgendwann möchten wir wieder zurück.

Bist du wütend auf Attaullah Khan, den Mann, der dich töten wollte?
Nein. Ich habe ihm verziehen.

Er soll nach Afghanistan geflohen sein. Bist du wütend, dass Khan nie gefunden und bestraft wurde?
Nein. Aber ich bin wütend, dass mein Busfahrer immer noch in Haft sitzt. Das ist so typisch für Pakistan: Der Mann, der mich töten wollte, kommt davon. Aber ein Unschuldiger sitzt seitdem im Gefängnis, weil er die Attentäter in den Bus ließ. Wenn ich daran denke, könnte ich heulen. Ich mochte ihn sehr gern. Er hat immer Witze gemacht und manchmal für uns gezaubert. Es ist falsch, ihn zu beschuldigen. Er konnte nichts dafür.

An deinem 16. Geburtstag im Juli hast du eine gefeierte Rede vor den UN in New York gehalten. Danach bekamst du wieder Morddrohungen von den Taliban. Hast du Todesangst?
Nein. Gott hat mich schon einmal beschützt. Ich bin mir sicher: Er wird es wieder tun.

Gut zu wissen: Malalas Heimat Das Swat-Tal
Obstbaumplantagen schmückten die Terrassen an den Hängen hoch über dem Swat-Fluss. Erstklassige Hotels und ein Skigebiet zogen früher Touristen an. „Die Schweiz Asiens“, so nannte man die Gegend. Bis 2007. Da übernahmen pakistanische Taliban die Kontrolle über das Hochtal. Deren Anführer Maulana Fazlullah, ein ehemaliger Skilift-Boy, verbot Mädchenschulen und Impfungen. 2009 rückte die pakistanische Armee gegen die Islamisten vor – Fazlullah floh.

Nach dem Krieg kam die Flut Was der Krieg nicht zerstört hatte, das fiel im Sommer 2010 einem Hochwasser zum Opfer. Die einstige Idylle scheint unwiderbringlich verloren. Noch immer terrorisieren die Taliban vom benachbarten Afghanistan aus das Tal. Dass die Regierung mit den Taliban verhandeln wollte, verstanden viele Bewohner nicht. Doch seit Mitte September der Oberkommandeur der Armee für Swat bei einem Attentat starb, sind Verhandlungen erst einmal vom Tisch.

Ihre Autobiografie

Ihre Autobiografie ... schrieb Malala gemeinsam mit der britischen Reporterin Christina Lamb, die seit 1987 über die Situation von Frauen in Pakistan und Afghanistan berichtet: "Ich bin Malala – das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft", 400 S., Droemer, 19,99 Euro

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