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Entschädigung für die Kundus-Opfer steht

Fast ein Jahr ist der Angriff auf zwei Tanklaster in Kundus bereits her, 91 Menschen verloren damals ihr Leben. Jetzt erhalten die Angehörigen der Opfer nach stern.de-Informationen eine Entschädigung - auf ungewöhnliche Weise.

Von Christoph Reuter, Kabul

Fast elf Monate nach dem Bombardement zweier Treibstofflaster in der Nähe von Kundus werden die Angehörigen der Opfer jetzt entschädigt. Monatelang wurden die Gespräche zwischen den Angehörigen und der Bundeswehr verschleppt und verzögert. Doch nun hat die Bundeswehrführung unter Kommandeur Reinhardt Zudrop das Verfahren binnen weniger Wochen fast zum Abschluss gebracht. Und das auf ungewöhnliche Weise: Es wurden bei der örtlichen Filiale der Kabul-Bank in Kundus Konten für die Familien der Opfer eingerichtet. 5000 US-Dollar gibt es für jede Familie, unabhängig davon, ob sie einen oder mehrere Tote zu beklagen hat.

Die Lastzüge waren am 3. September 2009 in den von Taliban kontrollierten Bezirk Chahar Darra verschleppt und in der Nacht zum 4. September von US-Jets bombardiert worden. Den Befehl dazu gab der damalige Bundeswehrkommandeur Georg Klein. Dabei waren - entgegen ersten Darstellungen des damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Jung - in erster Linie plündernde Dorfbewohner ums Leben gekommen und keine Talibankämpfer.

Geld muss die Richtigen erreichen

Weit über die Hälfte der Konten sei mittlerweile eingerichtet, rund ein halbes Dutzend fehlt noch, weil in diesen Fällen noch kein Angehöriger erreicht werden konnte. Die Variante mit den Konten wurde gewählt, damit Taliban oder korrupte Polizisten und Regierungsangestellte den Angehörigen nicht einfach das Geld abnehmen (oder vorenthalten), wie es bei einer Auszahlung in cash wahrscheinlich gewesen wäre. "Wir wollten unbedingt vermeiden, dass das Geld in falsche Hände kommt", sagt Zudrop. Wobei auch ihm klar ist, dass sich genau dies nicht gänzlich wird verhindern lassen. Zumindest aber wird dies durch die Konten mit Zugangskontrolle erschwert.

Erst im Dezember musste die Bundeswehr die Erfahrung machen, dass bewaffnete Polizisten einen großen Teil von Hilfsgütern geplündert hatten. Bei der "Winterhilfe" wurden ohne Kontrolle Mehl, Kochöl und Decken verteilt. Anfänglich hatte die Bundeswehr auch darüber nachgedacht, den betroffenen Familien materielle Hilfe etwa in Form von Vieh, Maschinen oder Baumaterial zukommen zu lassen. Doch dann kam die Führung zu dem Schluss, dass das nicht Kernkompetenz der Bundeswehr sei und es überdies zu lange dauern würde.

Gespräche liefen besser als erwartet

Matthias Kock, der "Interkulturelle Einsatzberater" (IEB) sowie der Rechtsberater Andy Rothammel haben über Wochen die Verhandlungen mit den Familien in den Büros der Afghanischen Menschenrechtskommission in Kundus Stadt geführt. "Insgesamt waren die Runden weit kooperativer, als wir gedacht hatten", sagt Kock rückblickend über die Gespräche - "Frei von Wut, ziemlich frei von Vorwürfen." Tenor sei eher gewesen: "Es ist nun einmal geschehen." Auch Streit um die Frage, wer nun aus den oft unübersichtlichen Familien letztlich anspruchsberechtigt sei, habe es nur in einer Handvoll Fällen gegeben, die gelöst werden konnten.

Schwieriger dagegen sei oft zu klären gewesen, wer Zugang zu den Konten bekommen dürfe. Denn in der paschtunisch stockkonservativen Gesellschaft von Chahar Darra wollten einige Familienmitglieder den Witwen den Konto-Zugang verwehren. In diesen Fällen soll dieser nun von einem männlichen Verwandten wahrgenommen werden.

Vor allem Kock, der seit wenigen Monaten das neu geschaffene Amt des "IEB" in Kundus besetzt, hatte zuvor gemeinsam mit den Rechercheuren der Menschenrechtskommission ermittelt, wer wirklich Angehörige beim Bombardement der Tanklaster verloren hat - basierend auf den früheren Ermittlungen der Kommission und auf den Recherchen des stern, deren Zahl von 91 Todesopfern nun auch die Zahl ist, von der die Bundeswehr ausgeht. Dazu kommen elf Schwerverletzte, die ebenfalls in den Kreis der Empfänger aufgenommen wurden.

"Eine Geste der Aussöhnung"

Die Zahlungen sollen juristisch nicht als Entschädigungen verstanden werden, sondern als "eine humanitäre Geste zur Unterstützung dieser Menschen, um eine Existenz gründen zu können, die nicht im Bereich des Kampfes liegt", wie Zudrop es formuliert: "eine Geste der Aussöhnung." Die geht nun an die Angehörigen aller Opfer. Zum einen, um nicht weiteren Zwist zu schüren. Zum anderen, weil es schlicht unmöglich wäre, zweifelsfrei festzustellen, wer von den Toten Talib war und wer nicht. Oder wer Mitläufer war, Sympathisant, irgendwo zu verorten auf der Skala der Grauzonen in dem unübersichtlichen Kampfgebiet. Diese sperrige Form einer "eine ex-gratia-Leistung ohne Anerkennung einer Rechtspflicht" wurde gewäht, um keine Vorlage für endlose juristische Auseinandersetzungen etwa mit dem Bremer Rechtsanwalt Karim Popal zu liefern, der nach eigenen Angaben ein Mandat von den Angehörigen von rund 70 Opfern hat.

Popal hatte wiederholt von 179 zivilen Opfern gesprochen, ohne diese Zahl allerdings belegen zu können. Nachdem sich rund 30 Opferfamilien an die Menschenrechtskommission gewendet hatten und explizit nicht mehr von Popal vertreten werden wollten und nachdem Popal versucht hatte, dem Verteidigungsmininsterium sieben Millionen Euro nebst 200.000 Euro als Honorar für sich in Rechnung zu stellen, brach das Ministerium Ende März den Kontakt ab.

Der Klageweg steht weiter offen

Popal hat bereits im Frühjahr angekündigt, gegen die Bundesregierung vor Gericht ziehen zu wollen. Nachdem allerdings der Bundesgerichtshof das Verfahren gegen den seinerzeit befehlsgebenden Oberst Georg Klein einstellte, werden einer solchen Klage von Experten nur geringe Chancen eingeräumt. Auf Popals Klage zu setzen, steht den Zahlungsempfängern allerdings weiterhin frei. "Das ist ihnen unbenommen", so Kock, "uns war einfach wichtig, dass wir dies endlich zu einem Ergebnis bringen und die Menschen hier nicht länger warten müssen."

Die Betroffenen selbst äußern sich verhalten froh und vor allem überrascht: "Wir dachten, da würde nie mehr was passieren", sagt der alte Abdul Daian, dessen Sohn Tage nach dem Bombardement seinen Verbrennungen erlag: "Das ist gut, dass wir jetzt entschädigt werden. Vor allem die Idee mit dem Bankkonto ist sehr gut, denn sonst hätten wir von dem Geld wahrscheinlich nicht viel gesehen." Dass er und viele andere auf den Rechtsanwalt aus Deutschland gesetzt hätten, sei doch verständlich, räumt ein anderer ein, Akhtar Mohammed, der zwei Söhne und einen Enkel verlor: "Mag ja sein, dass dem Mann nicht recht zu trauen ist. Aber von der Bundeswehr hat sich in den Monaten nach dem Bombenangriff niemand blicken lassen, um sich wenigstens zu entschuldigen."

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