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Der Fluch der weißen Haut

Sie waren schon immer Außenseiter. In einigen Ländern Afrikas müssen Albinos gar um ihr Leben fürchten. Denn in einer Welt von Zauberkult und Aberglauben gelten ihre Körperteile als wertvolle Medizin und als Mittel, Erfolg und Reichtum zu erlangen.

Von Marc Goergen

  • Marc Goergen

Ein halbes Jahr ist vergangen seit der Nacht, in der die Geister nach Bibi Anna griffen, und die Wunden sind fast verheilt. Mit ihrer Schwester und ihrer Tante sitzt sie auf dem Krankenhausbett in Geita im Nordwesten Tansanias, die Mädchen kichern, raufen um eine Plastikpuppe, halbherzig weist die Tante die beiden zurecht. Es sind fast traute Szenen. Stünden da nicht hinter dem Bett die hölzernen Krücken, schaute nicht unter Bibi Annas Kleid nur noch ein Bein hervor.

Bibi Anna ist schwarz, doch ihre Haut ist weiß, und das ist ihr Verhängnis. Die Zehnjährige ist ein Albino, genauso wie ihre achtjährige Schwester Tindi. Ein genetischer Defekt, den beiden fehlen die schützenden Farbpigmente. Ihre Haut ist schneeweiß, das krause Haar hellrot. Albinismus ist in Schwarzafrika viel häufiger verbreitet als in Europa. Trägt in Europa etwa einer von 40.000 Menschen die defekten Gene in sich, ist in Tansania eins von 3500 geborenen Kindern ein weißhäutiger Schwarzer.

Alt werden die wenigsten. Hier, wo die Sonne vom Himmel brennt, wo sich das Leben dazu noch draußen abspielt, wo kaum einer von Sonnencreme weiß, geschweige sie sich kaufen könnte, sterben die meisten Albinos an Hautkrebs, bevor sie 30 sind. Sie gelten als Aussätzige, als Sonderlinge, als verhext. Im Bus bleibt der Platz neben ihnen leer, Menschen wenden ihre Blicke ab. Und als ob all das nicht genug wäre, werden sie nun seit etwa einem Jahr verstümmelt und ermordet, weil falsche Heiler ihrer Haut, ihren Haaren und Knochen magische Wirkung zuschreiben.

Mehr als 20 offizielle Mordfälle

Kaum eine Woche vergeht, in der Tansanias Zeitungen nicht von einem neuen Albino-Mord berichten. Mehr als 20 Fälle zählen die Behörden bislang offiziell, doch tatsächlich dürften es mehrere Dutzend sein. Auch im benachbarten Kenia hat die Polizei schon erste Morde gemeldet. Die Opfer sind erwachsene Männer, schwangere Frauen, und manchmal auch Mädchen wie Bibi Anna.

Ihre Geschichte beginnt lange vor ihrer Geburt. Schon der Großvater ist Albino, dann überspringt der Defekt eine Generation und versagt erst wieder ihr und ihrer Schwester die Pigmente. Sie wächst im Dorf Butundwe auf, eine Stunde von Geita entfernt. Die Mutter stirbt früh, Vater und Verwandte kümmern sich um sie. Bibi Anna ist aufgeweckt. Zwar ist sie wie viele Albinos kurzsichtig und muss in der Schule vorn sitzen, doch in Mathe ist sie eine der Besten.

Dann, am 27. Dezember vergangenen Jahres, stirbt auch Bibi Annas Vater. Man begräbt ihn am nächsten Morgen. Noch am selben Tag zieht Bibi Anna ein paar Meter weiter in die Hütte ihrer Tante. Als es dunkel wird, kauern sich die beiden Schwestern mit ihren Cousinen und Cousins zum Schlafen auf den Boden. Plötzlich, gegen Mitternacht, stürmen drei Männer in die Hütte. Die Kinder schreien panisch. Einer der Männer hält eine Fackel in der Hand. Ein anderer eine Machete. Als die Männer nach ein paar Minuten wieder nach draußen rennen, fehlen Bibi Anna drei Fingerkuppen und ihr rechtes Bein.

Aberglaube und Riten prägen den Alltag

Seit jenem 28. Dezember 2007 ist das Bett Nummer vier im Frauensaal des Provinzkrankenhauses ihr Zuhause. Ihre Schwester schläft neben ihr auf der schmalen Matratze, manchmal auch die Tante. Unter dem Bett stehen Pappkisten mit Kleidern, daneben Schüsseln und Töpfe. Es ist alles, was die Schwestern besitzen. Als die Dorfbewohner mit Bibi Anna damals nach vielen Stunden endlich das Krankenhaus erreicht hatten, standen ihre Chancen schlecht. Starker Blutverlust, später entzündete sich der Beinstumpf auch noch. Tagelang, so erzählen die Krankenschwestern, habe sie nur geschrien. Dann folgte ein langes Schweigen. Erst seit ein paar Wochen beginnt sie wieder mit ihrer Schwester zu spielen. Auch wenn die Wunden mittlerweile vernarbt sind - ins Dorf zurück will sie nicht. Sie hat panische Angst, das Krankenhaus zu verlassen. "Einmal haben wir versucht, sie in die Stadt zu bringen, da hat sie nur geschrien und um sich geschlagen", erzählt Felima, die Oberschwester.

Bibi Anna hat immerhin überlebt. Allein in der Provinz Mwanza am Südufer des Victoriasees wurden in den vergangenen Monaten zwölf Albinos ermordet. Manche Opfer wurden mit entfernten Geschlechtsorganen aufgefunden. Andere ohne Herz. Mehr als 1000 Kilometer sind es vom Victoriasee bis zur Küstenmetropole Daressalam, in den Dörfern gibt es weder Strom noch fließend Wasser, und die Straßen sind holprige Pisten. Aberglaube und Riten prägen den Alltag. Kein Fischer wirft sein Netz im Victoriasee aus, ohne zuvor Zauberkräuter in die Maschen geflochten zu haben. Und auch mit Albino-Haaren, so lassen einige Fischer durchblicken, hätten Kollegen es schon versucht.

Ende April versuchte die Regionalregierung auf einer Versammlung die Menschen davon zu überzeugen, dass es weder Glück noch Reichtum beschert, Albino-Knochen zu einem Hexenmeister zu bringen. Mehrere Hundert kamen, hörten, fragten nach - doch nur wenige Tage später wurde wieder ein weißes Mädchen ermordet. Sie war gerade 20 Jahre alt.

Ein Land mit folkloristischer Oberfläche

Ohnehin ist Tansania - für europäische Besucher oft nur der Dreiklang aus Kilimandscharo, Serengeti und Sansibar - ein Land, dessen folkloristische Oberfläche den tiefen Aberglauben kaum überdeckt. Jedes Jahr werden Hunderte Menschen umgebracht, weil sie Hexen sein sollen oder mit ihnen zusammenarbeiten. Allein zwischen 1994 und 1998 starben nach einer Studie des Familienministeriums so mehr als 5000 Menschen, meist ältere Frauen, die der Dorfgemeinschaft lästig waren. Im Süden des Landes wurde 1999 ein Schmugglerring ausgehoben, der sich auf den Handel mit Menschenhaut spezialisiert hatte. Und erst kürzlich diskutierten Zeitungen, ob der Schwächeanfall eines Ministers damit zusammenhänge, dass jemand auf den Parlamentsbänken verhexten Puder verstreut habe. "Wenn etwas schiefläuft, suchen die Menschen die Erklärung nicht bei eigenen Fehlern, sondern in Hexerei", sagt Simeon Mesaki, Soziologe an der Universität von Daressalam.

Auch in anderen Ländern Afrikas bestimmt Zauberei in kaum vorstellbarem Maß den Alltag. Senegalesen, die sich in Nussschalen gen Kanaren aufmachen, wählen den Abfahrtstermin nicht nach der Wetterprognose, sondern nach dem Urteil des Marabut, ihres Schamanen. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo glauben die Mai-Mai-Rebellen, nach Genuss heiligen Wassers unverletzbar zu sein; werden sie dennoch von einer Kugel erwischt, so hatte eben der Zauber einen schlechten Tag. Und Gambias Präsident Yahya Jammeh rühmt sich, mit Kräutern, Bananen und Zaubersprüchen Aids zu heilen. Ethnologen wie der Schweizer David Signer führen den Entwicklungsrückstand des Kontinents auch auf diese Hexerei zurück: Anstatt einen anderen übertrumpfen zu wollen, reiche es vielen, dass der andere nicht besser dastehe als man selbst. Ein Mittel, ihn davon abzuhalten, sei Hexerei.

Wenn aus Aberglaube Mord wird

Lebt dann eine Region auch noch von Bodenschätzen, bei deren Abbau mehr Glück als Können zählt, kann aus Aberglaube Mord werden. Rund um Geita ist es das Gold. In der hügeligen Heimat von Bibi Anna haben Bagger riesige Krater in die bewaldeten Hänge gegraben, Abraumhalden türmen sich über hundert Meter hoch. Neben den großen Gruben, die internationalen Konzernen gehören, werden einige Kleinminen genossenschaftlich betrieben; eine davon in dem Dorf Mgusu, keine fünf Kilometer von Bibi Annas Hütte entfernt.

Jeder schürft hier auf eigene Faust. Es ist eine Siedlung wie aus einem Glücksritterroman. Junge Männer kippen immer neue Ladungen Gestein über gewässerte Tücher, in der Hoffnung, dass etwas Goldstaub sich dort absetzen möge. An der Hauptstraße liegen zwischen Spelunken die Buden der Käufer mit ihren Digitalwaagen. Über allem dröhnen unablässig Steinmühlen und Generatoren.

Wer hier nach Aberglauben fahndet, braucht nicht lange zu suchen. Am Markt verkauft ein Händler Amulette, Knochen, winzige Speere, um die Haut anzuritzen, dazu diverse Puder, aufzutragen unter der Rezitation von Sprüchen nach dem Duschen. Dass Albinos hier als Mittel zum Reichtum gelten, wird kaum verheimlicht. Ein Taxifahrer will einen Goldhändler kennen, der von seinem Hexendoktor beauftragt wurde, ihm Albino-Knochen zu bringen. Plus natürlich ein paar Hundert Dollar. Das habe er auch irgendwie arrangiert. Anschließend sei der Händler tatsächlich reich geworden und weggezogen. Ein anderer Aufkäufer suche gerade verzweifelt nach jemanden, der ihm einen Albino besorgen könne, "doch es ist schwer geworden", sagt der Fahrer ohne besondere Regung, "die Sicherheitsmaßnahmen haben den Preis für Albinos in die Höhe getrieben."

So ist eben Afrika? Zu einfach. Die Rechnung "schwarze Tradition gleich Ritualmord" geht nicht auf. Hinter den Morden an den Albinos stecken nicht traditionelle Heiler, sondern vielmehr windige Geschäftemacher, oft aus Nachbarländern. Sie versprechen das große Geld - und kassieren doch selbst nur ab, um dann weiterzuziehen.

So versuchen die traditionellen Heiler Tansanias auch jene falschen "Witchdoctors", also Hexendoktoren, aus ihrem Terrain zu vertreiben. Denn die Arbeit eines afrikanischen Heilers hat zwar viel mit Aberglauben, mit Geistern und Beschwörung zu tun - sie zielt aber darauf, den Menschen zu heilen, nicht, ihn zu töten.

Die Angst vor weißen Schwarzen ist tief verwurzelt

Eine Stunde entfernt von Bibi Annas Heimatdorf und der Goldgräbersiedlung betreibt die Heilerin Mashala Mbeshi Kisena in dritter Generation ihre traditionelle "Klinik": ein Gelände mit mehreren Hütten für die Patienten, einer Art Apotheke mit Kalebassen und Flaschen voller Kräuter, Puder und Pasten, dazu Reisigkörbe für die Geister der Ahnen. Noch immer gilt Kisenas Klinik vielen hier als Alternative zum Krankenhaus. Und wenn auch ihre Diagnosetechnik mit Federschmuck, Gesang, Trommeln und Trance archaisch wirkt, so haben Wissenschaftler doch herausgefunden, dass manche der Kräuter auch in den Pillen des Westens zu finden sind. "Ich habe Angst, dass diese Morde am Ende auch auf uns zurückfallen", sagt Kisena, "dabei hat das nichts mit Heilkunst zu tun."

Auch die Regierung Tansanias bangt mittlerweile um den Ruf des Landes. Wer will noch den Kilimandscharo besteigen, wenn er weiß, dass nebenan Menschen wie Vieh entbeint werden? Schon vor einigen Monaten hat Präsident Kikwete symbolisch eine Albino zum Mitglied des Parlaments ernannt, doch die Angst vor den weißen Schwarzen ist bei den Menschen tief verwurzelt. "Viele glauben zum Beispiel, dass wir weder alt werden noch sterben, sondern einfach verschwinden. Dabei gibt es doch nur deswegen kaum alte Albinos, weil wir schon vorher an Hautkrebs sterben", sagt Ernesti Kimayo, Vorsitzender der "Tanzanian Albino Society", einer Selbsthilfegruppe. Selbst die Heilerin Kisena, gebildet, aus guter Familie, die mit Abscheu von den Morden spricht, lässt durchblicken, dass sie sich nie mit Albinos an einen Tisch setzen würde.

Keiner weiß, ob Bibi Anna das Trauma bewältigen wird

Was das für die Zukunft von Bibi Anna verheißt? Für den Moment ist jedes Raufen mit der Schwester den Ärzten schon ein Erfolg. Vor wenigen Tagen hat die katholische Mission ihr einen Rollstuhl gespendet, und manchmal schiebt ihre kleine Schwester nun Bibi Anna über die Wege zwischen den Krankensälen. Alle paar Tage schaut eine Psychologin vorbei, doch ob Bibi Anna das Trauma bewältigen kann, ist fraglich. Darüber sprechen kann sie nicht; bei jeder Berührung zuckt sie zurück.

Noch ist ihre Haut glatt, doch schon in wenigen Jahren werden die UV-Strahlen sie faltig werden lassen, vielleicht den Krebs wachsen lassen - wenn sie nicht lernt, sich vor der Sonne zu schützen. In ein paar Wochen wird sie mit ihrer Schwester den Krankensaal gegen ein weiteres neues Zuhause eintauschen. Es wird wohl das Waisenhaus von Geita sein. Ihre Tante Tatu Mashamba hat sechs eigene Kinder zu versorgen, zwei weitere Albinos sind für sie kaum zu bewältigen. Ohnehin scheint fraglich, ob die Familie von Tatu Mashamba nach jener Nacht noch der rechte Platz ist. Ihr Mann sitzt als Tatverdächtiger im Gefängnis.

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