Durch Zukauf, Krieg und Eroberung dehnen sich die USA bald bis zum Pazifik aus. Doch auf dem Weg zur Großmacht schleppt die Nation ein ungelöstes Problem mit: die Sklavenfrage. Der Konflikt entlädt sich im Bürgerkrieg.

Sklavenleben als Idylle: Es sind schließlich innere Probleme, die das Land in seinen Grundfesten erschüttern© Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz
Er schnappte sich einen Strick, packte mich roh und versuchte mich zu fesseln. Ich wehrte mich nach Leibeskräften, aber er war der Stärkere, und nach einem heftigen Kampf schaffte er es, mir die Hände zusammenzubinden und mir das Kleid vom Rücken zu reißen.
Dann griff er sich einen Ochsenziemer und ließ ihn voll auf meine Schultern niedersausen. Kräftig holte er mit dem Folterinstrument aus, und mit furchtbarer Wucht klatschte die Peitsche auf das zuckende Fleisch herab. Sie durchschnitt die Haut, schlug breite Striemen, und warmes Blut tropfte meinen Rücken hinunter. O mein Gott, bis heute spüre ich diese Tortur!"
Die Pein, von der die schwarze Sklavin Elizabeth Keckley berichtet, hat ihr ein Freund ihrer Herrschaft in einem Anfall von Sadismus zugefügt. Ohne jeden Anlass. Einfach mal so. Als sich die 18-Jährige bei ihrem Herrn darüber beschwert, schlägt der sie noch mit einem Stuhl nieder. Schließlich ist sie ja nur eine Sklavin. Bewegliches Eigentum wie ein Stück Vieh. Arbeitstier ohne Rechte. Man kann sie weiterverkaufen, bestrafen und - wenn Not am Mann ist - auch beschlafen.
1619 hat ein holländischer Kapitän die ersten schwarzen Sklaven nach Virginia gebracht. Bis 1800 wächst ihre Zahl in den Südstaaten der USA auf eine Million. Sie werden nicht immer so schlecht behandelt wie die junge Elizabeth: ihre Arbeitskraft ist zu wertvoll. Sie halten die Tabak- und die Baumwollproduktion am Laufen, auf die sich der Wohlstand der Plantagenbesitzer von Virginia oder South Carolina gründet.
Doch Negersklaven dürfen nicht wählen und gegen Weiße nicht vor Gericht aussagen. Und für ihr Heiratsgelöbnis, das juristisch nicht bindend ist - man will sie ja als Einzelstücke nach Belieben weiterverhökern können -, hat man die Formulierung gefunden: "Bis dass der Tod oder die Entfernung euch scheide." Vielerorts ist es Schwarzen auch bei Strafe verboten, lesen und schreiben zu lernen.
Wie können die aufgeklärten Geister der amerikanischen Revolution so etwas dulden? Thomas Jefferson etwa, der 1776 für die Unabhängigkeitserklärung die unsterbliche Maxime formulierte, "dass alle Menschen gleich geschaffen" seien?
Im Prinzip lehnt der dritte Präsident der USA die "besondere Einrichtung" - so nennt man im Süden verschleiernd die Sklaverei - als moralisch verwerflich ab. In der Praxis aber ist der Mann aus Virginia selbst Großgrundbesitzer und lässt, wie übrigens auch sein berühmter Vorgänger George Washington, auf seinen Feldern rechtlose Neger arbeiten (siehe Kasten Seite 78). Er fürchtet die Sprengkraft der Sklavenfrage, denn er weiß, dass seine Standesgenossen nur mit Gewalt von der "besonderen Einrichtung" abgebracht werden könnten.
In den nördlichen Staaten ist die Sklaverei zwar geächtet, doch in der Konstitution der Vereinigten Staaten von 1787 wird sie nicht einmal erwähnt. Die Verfassungsväter klammern die flagrante Verletzung ihrer hehren Prinzipien stillschweigend aus. Der Süden bleibt Sklavenland, und der neue Staat schleppt das Problem wie eine schwärende Wunde über Jahrzehnte mit sich. Das wird sich noch bitter rächen.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigen sich die Präsidenten lieber mit der Frage nach den Grenzen der jungen Republik. Als Jefferson 1801 sein Amt antritt, ist sie durch die Aufnahme von Kentucky und Tennessee schon über den Gebirgskamm der Appalachen hinausgewachsen. Bald kommt das "Northwest Territory" hinzu, das Gebiet bis zu den Großen Seen, wo weitere fünf Bundesstaaten entstehen.
1803 gelingt dem Präsidenten sein größter Coup. Die USA kaufen Frankreich für lächerliche 15 Millionen Dollar Louisiana ab, einen riesigen, von Weißen kaum besiedelten Landstreifen inmitten des Kontinents, der von New Orleans bis zur kanadischen Grenze reicht. Langsam nimmt eine noch utopisch klingende Idee Gestalt an: Warum die USA nicht bis ans Ende der Neuen Welt ausdehnen, bis hinüber zur Pazifikküste?
Jefferson schickt zwei Männer los. Meriwether Lewis und William Clark brauchen 19 Monate, bis sie im Dezember 1805 den Pazifik erreichen. Auf dem Weg werden sie fast von Grizzlybären gefressen, treffen freundliche, aber scheue Indianer und riesige Bisonherden. "Wir aßen gebratenen Büffel, gut gewürzt mit Salz und Pfeffer", vermerkt ihr Tagebuch. Im Angesicht der heranrollenden Pazifikwogen schnitzt Clark eine Botschaft in den Stamm einer Kiefer: "William Clark 3. Dezember 1805. Auf dem Landweg von den Ver.Staaten."
Mit der Rückkehr der beiden Entdecker werden die Großmachtträume der Amerikaner konkreter. "Manifest destiny" heißt das Schlagwort, das alle elektrisiert. Die Expansion von Küste zu Küste als gottgegebener Auftrag, als "offenkundige Bestimmung" der jungen Nation.
Doch vor dem großen Aufbruch führen die USA erneut Krieg gegen England. Er erhält den hochtrabenden Namen "Zweiter Unabhängigkeitskrieg". Dabei ist er überflüssig wie ein Kropf. Weil die englische Marine für ihren Kampf gegen Napoleon immer wieder amerikanische Seeleute mit Gewalt in ihren Dienst presst und London angeblich aufmüpfige Indianer mit Waffen unterstützt, zieht Amerika 1812 gegen Großbritannien ins Feld - ein paar imperialistische Heißsporne im Kongress träumen davon, den ehemaligen Herren jetzt auch noch Kanada wegzunehmen.
Die Kampfhandlungen schleppen sich dahin. Bemerkenswerteste Ereignisse: Die Engländer zünden bei einem Vorstoß auf Washington 1814 das Capitol und das Weiße Haus an. Und Präsident Madison verbringt auf der Flucht vor den Invasoren eine Nacht in einem Hühnerstall. Ende 1814 ist der Krieg aus, und alles bleibt, wie es war. Fast alles.
Die wahren Verlierer der Kämpfe sind die Indianer. Unter dem großen Shawnee-Häuptling Tecumseh unternehmen die vereinigten Stämme zwischen Appalachen und Mississippi einen letzten verzweifelten Versuch, die weißen Siedler zurückzudrängen. Sie verbünden sich mit den Engländern, werden von ihnen aber bitter enttäuscht, denn deren Hilfe kommt fast immer zu spät und zu spärlich. Die Indianer können in den "dunklen und blutigen Landstrichen" von Kentucky bis Mississippi einigen Terror verbreiten, aber den Gewehren der Weißen nichts Gleichwertiges entgegensetzen. In mehreren blutigen Gefechten werden sie besiegt, 1813 fällt Tecumseh. Die Koalition löst sich auf.
Durch die Krankheiten der Weißen, gegen die ihr Immunsystem nicht gewappnet ist, noch mehr dezimiert als durch deren Feuerkraft, werden die Ureinwohner der Neuen Welt erbarmungslos betrogen, verdrängt und dazu auch noch dämonisiert. Zwei Präsidenten, die Generäle Andrew Jackson und William H. Harrison, werden nicht zuletzt deshalb gewählt, weil sie als besonders erfolgreiche Indianer-Killer gelten.
Bezeichnenderweise ist es der Hinterwäldler Jackson, der 1830 ohne Rücksicht auf frühere Verträge den "Indianer-Entfernungs-Erlass" durchsetzt. Danach müssen sich alle Indianer hinter den Mississippi zurückziehen.